Welten treffen an der Karlstraße aufeinander: Links das „Karlpalais“, in dem gerade Luxuswohnungen entstehen, rechts das Frauenobdach „Karla 51“. Foto: Klaus Haag

Luxuswohnungen statt Frauenobdach

München - Seit 15 Jahren fängt das Obdach „Karla 51“ wohnungslose Frauen auf. Sie landen dort auch, weil bezahlbarer Wohnraum immer rarer wird. Jetzt steht die Sozialeinrichtung vor dem Aus. Der Eigentümer hat das Haus verkauft. Das Perfide: Der neue Besitzer plant in dem Haus hochpreisige Wohnungen.

Gordon Bürk ist noch immer fassungslos. „Die Auswirkungen wären einfach katastrophal“, sagt der Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks (EHW), das „Karla 51“ betreibt. Vor zehn Tagen erreichte Bürk die Nachricht: Zum 15. November ist der Stadt München, die seit 1996 die Räume mietet und dem EHW überlässt, der Mietvertrag gekündigt worden. Der Immobilienbesitzer, die Bayerische Beamten Lebensversicherung, hat das Anwesen verkauft.

40 Plätze bietet „Karla 51“. Die meisten Frauen, die hier zum Teil mit ihren Kindern stranden, haben Gewalt in der Familie erlebt oder ihre Wohnung verloren. „Wir sind immer voll belegt und haben täglich fünf Anfragen von Frauen in absoluten Krisensituationen“, berichtet Antje Eberbeck, Vize-Chefin von „Karla 51“. Was nun mit den Menschen passiert, die hier bis zu zwei Monate lang Unterschlupf finden, ist ungewiss. Und auch, wie es den bis zu 80 sozial schwachen Frauen ergeht, die täglich ein günstiges Mittagessen im Café des Hauses bekommen, ist unklar.

Der Anstieg der Wohnungslosenzahlen erfüllt Rudolf Stummvoll sowieso mit Sorge. „Vor zwei Jahren waren es noch 1800 Wohnungslose, heute sind es 2200“, sagt der Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration. Die Kündigung der Räume habe die Stadt kalt erwischt. „Wir haben keinen Plan B“, gibt Stummvoll zu. Enttäuscht ist er vom Vorgehen des ehemaligen Eigentümers: „Nach so langer Zeit ist es üblich, dass man anruft und sagt: Das Haus wird verkauft.“ Dann hätte die Stadt versuchen können, die Immobilie selbst zu erstehen. Doch nun ist es anders gekommen.

Der Immobilieninvestor „Heimbach & Schoeller“ mit Sitz in Pullach hat das Gebäude erworben. Das bestätigt Sprecher Erwin Fried am Montag. „Es sollen auf 1000 Quadratmetern Wohnungen entstehen“, sagt er. Die Planungen seien aber nicht abgeschlossen. Dass es sich um hochpreisige Wohnungen handelt, dafür gibt es aber Anhaltspunkte. Die „Heimbach & Schoeller GmbH“ besitzt auch das Haus Karlstraße 49 unmittelbar neben „Karla 51“. Der „Karlpalais“ genannte Bau aus dem 19. Jahrhundert wird gerade aufwändig saniert, es entstehen Zwei- bis Vier-Zimmerwohnungen mit luxuriöser Ausstattung. Zudem hat das Kommunalreferat der Stadt bereits das Gespräch mit dem Investor gesucht. Dabei habe es geheißen, dass die neue Nutzung der Immobilie „eine Verdopplung der Rendite vorsieht“, berichtet Stummvoll.

„,Karla 51‘ ist die Anlaufstelle für Frauen, die obdachlos werden - und unverzichtbar“, sagt Münchens Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD). „Die Kündigung trifft uns sehr, sehr hart.“ Es sei fast unmöglich, ein Ersatzobjekt in Hauptbahnhofnähe zu finden. Der Investitionsdruck auf dem Immobilienmarkt werde immer größer. Wenn es mit „Karla 51“ nun gerade eine Einrichtung der Obdachlosenarbeit treffe, sei das „tragisch“, betont Meier.

Aufgeben wollen Stadt und Evangelisches Hilfswerk noch nicht. Man werde weiter mit dem Eigentümer verhandeln, sagt Stummvoll. Bürk appelliert: „Bitte seien Sie offen für eine Lösung, die den Erhalt von ,Karla 51‘ sichert!“ Die Balance zwischen wirtschaftlichem Gewinn und sozialer Verantwortung müsse erhalten bleiben. „Sonst wird diese Stadtgesellschaft um einiges ärmer.“

Wie arm, kann Veronika T. berichten. Für die 47-jährige Mutter zweier Kinder war „Karla 51“ die Rettung, als ihr Mann, ausgerechnet ein Immobilieninvestor, sich von ihr trennte - drei Jahre nachdem sie nach Namibia ausgewandert waren. Am Ende ihrer Odyssee stand T. im März 2011 in München, allein, ohne Wohnung, in Sommerkleidung. „Wenn es dieses Haus nicht gäbe“, sagt sie, „ich wüsste nicht, was ich getan hätte.“

Caroline Wörmann

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