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Sie haben sein Herz berührt: Thomas Thirolf mit Kindern, denen sein Verein Bildung ermöglicht.

Interview mit Thomas Thirolf

Friends for hope: „Man lernt, was wichtig ist im Leben“

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München - Thomas Thirolf ist ein Wanderer zwischen den Welten. Als Controlling-Chef der Munich Re ist der 53-jährige Münchner mit den Finanzen eines Dax-Unternehmens befasst. In seiner Freizeit hilft er denen, die von der Hand in den Mund leben. Ein Interview.

Dafür hat er den Verein „Friends for Hope“ gegründet, der nachhaltige Bildungsprojekte unterstützt. Dem Zufall überlässt Thirolf auch hier nichts. Er schaut genau hin, wie die Spenden genutzt werden – und fliegt dafür auf eigene Kosten bis nach Indien.

Herr Thirolf: Sind Sie im Job nicht ausgelastet?

Thomas Thirolf: Ich kann mich nicht beklagen. Es ist mehr eine 70- als eine 40-Stunden-Woche.

Andere würden in der knappen Freizeit lieber die Beine hochlegen.

Thirolf: Ich habe mich schon immer sozial engagiert. Das ist irgendwie in mir drin. Mit meinen Mitarbeitern organisiere ich Freizeiten für Sozialwaisen, ich habe englische Bücher für benachteiligte Kinder in der Mongolei und Kambodscha gesammelt und mich für Flüchtlingskinder in einer Erstaufnahme-Einrichtung in Fürstenfeldbruck engagiert.

Reicht das nicht?

Thirolf: Die Not, die ich gesehen habe, war größer als das, was ich bisher gemacht hatte.

Wo genau?

Thirolf: Auf einer Dienstreise nach Indien. Auf der einen Seite war mein Hotel, gegenüber lebten und starben Menschen auf der Straße. Bei der Fahrt mit dem Taxi klopften Frauen mit ihren Kindern auf dem Arm an die Scheibe und bettelten um Essen. Die Armut hat mich mitten ins Herz getroffen.

Es gibt viele Hilfsorganisationen, warum musste es etwas Eigenes sein?

Thirolf: Für mich war wichtig, dass das Geld auch dort ankommt, wo es gebraucht wird. Maximale Transparenz. Außerdem, dass nichts für Verwaltungs- und Werbungskosten draufgeht. Diese Kosten tragen wir privat. Werbung läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda. Auch ist mir wichtig, wenn ich um Spenden bitte, dahinterstehen zu können. Mit meiner Person und meinem Namen. Eine Grundregel ist daher: Es wird nur gefördert, was wir vorher mit eigenen Augen gesehen haben. Und wir schauen uns auch im Nachhinein an, wie die Geldspenden verwendet wurden. Nachzuhaken ist wichtig, das habe ich als Controller gelernt.

... und dann einfach einen Verein gegründet ...

Thirolf: (Lacht.) Einfach ist etwas anderes. Es dauert lange, bis man wirklich loslegen kann. Ich habe mich erst mal schlaugemacht: was braucht man, wie schreibt man eine Satzung, bin zum Finanzamt und Vereinsregister gerannt. Es wird streng geprüft, welcher Verein als gemeinnützig anerkannt wird – ist ja auch richtig so. Dann musste ich mir Mitstreiter suchen, denn für die Vereinsgründung braucht es mindestens sieben Leute. Heute sind wir ein tolles Team, jeder bringt sich ein, hat Ideen.

Wo kamen die her?

Thirolf: Wir haben wirklich eine bunte Mischung mitten aus der Gesellschaft: einen Fitnesstrainer, meine Englisch-Lehrerin, Kollegen, Familie. Uns alle verbindet die Bereitschaft zu helfen. Wir hatten alle im Leben viel Glück und wollen nun etwas zurückgeben.

Wie viel Zeit investieren Sie in den Verein?

Thirolf: 10 bis 20 Stunden pro Woche und in den Ferien halt entsprechend mehr.

Wer wird unterstützt?

Thirolf: Mein Wunsch war und ist es, vor allem nachhaltige und effektive Bildungs-Projekte zu fördern. Hier in München, wo wir verwurzelt sind, und anderswo in der Welt.

Zunächst in Indien.

Thirolf: Eine Kollegin hat mich auf das Barefoot College (Barfuß-Schule) in Rajasthan aufmerksam gemacht. Anfang 2014 bin ich hingeflogen und habe es mir angeschaut.

Was hat Sie an dem Projekt so beeindruckt?

Thirolf: Die Nachhaltigkeit. Es gibt in Indien zwar eine Schulpflicht. Aber viele Eltern auf dem Land gehören der indigenen Bevölkerung oder der Kaste der Unberührbaren an und waren selbst nicht auf einer Schule. Ihre Kinder haben auf einer staatlichen Schule ohne Unterstützung keine Chance. Oft sprechen sie kein Hindi, vor allem fehlt ihnen Selbstbewusstsein. Für sie bietet das Barefoot College Abendschulen, wo Kinder, die tagsüber den Eltern bei der Arbeit helfen, Ziegen hüten, eine Basis-Ausbildung bekommen. Und es gibt das Brückenschulinternat, vor allem für die Kinder von Wanderarbeitern, die viele Monate umherziehen. Dort werden die Kinder innerhalb eines Jahres qualifiziert für den Übertritt auf eine staatliche Schule.

Das kostet Geld ...

Thirolf: Pro Kind kostet das Schuljahr – inklusive täglich drei Mahlzeiten und medizinischer Versorgung – 700 Euro. Für die Kinder ist das eine echte Chance, weil sie so dem Teufelskreis der Armut entkommen. Und wie der Zufall es wollte: Die Frau, die die Abendschule und das Brückenschulinternat organisiert, ist eine Münchnerin – und mittlerweile in unserem Verein. Hier hat einfach alles zusammengepasst.

Wie waren die ersten Besuche in Indien?

Thirolf: Die Kinder sind ja nie aus ihren Dörfern rausgekommen. Die haben keine Ahnung, wo Deutschland liegt. Als ich ankam, haben sie mich gefragt, ob ich mit dem Bus hergefahren sei – das ist das einzige Verkehrsmittel, das sie kennen. Ich habe ihnen dann einmal einen Globus mitgebracht. Es war sehr bewegend zu sehen, wie sie sich stundenlang mit großer Freude damit beschäftigt haben. Wo liegt Indien? Wo Deutschland? Wie kommt man dahin?

Defizite bei der Bildung gibt es aber nicht nur in Indien.

Thirolf: Friends-for-Hope unterstützt dort, wo es Bedarf gibt, auch in München. Zum Beispiel die SchlaU-Schule, wo junge Flüchtlinge unterrichtet werden. Da haben wir ein Nachhilfeprojekt mitfinanziert, das der Staat nicht förderte.

Man könnte doch auch direkt an Projekte spenden?

Thirolf: Natürlich. Aber unsere Spenden sind immer zweckgebunden. Oft möchte man vielleicht nur einen bestimmten Bereich einer Initiative unterstützen. Wir kümmern uns um die Spende, wollen wissen, wofür das Geld konkret verwendet wird. Und vor allem, was damit erreicht wurde.

Warum ist Ihnen Bildung so wichtig?

Thirolf: Bildung ist der Schlüssel zur Bekämpfung von Armut. Man muss nur mal nachdenken, was man selbst für Chancen hatte durch Bildung. Und unsere Erfahrungen aus dem Projekt in Indien haben uns gezeigt: die Kinder wollten lernen. Daher ist es höchste Zeit, den Kindern das zurückzugeben, was wir selbst einmal erhalten haben: eine Chance.

Und das schon mit einem Klick. Dafür haben Sie eine eigene Spenden-App entwickelt.

Thirolf: Hier haben wir Unterstützung von einer IT-Firma in Nürnberg bekommen. Die App haben Auszubildende dort in ihrer Freizeit für uns entwickelt. So entstand die Spendenplattform „Share your Education – Teile Deine Bildung“. Zum Spenden wollen wir die Leute mit nur einer Frage animieren: Wo wärst du heute ohne Bildung? Mit zwei Euro pro Klick kann man einen Schultag für ein indisches Kind finanzieren.

2014 haben Sie den Verein gegründet. Zufrieden mit der ersten Zeit?

Thirolf: Im vergangenen Jahr sind etwa 16 000 Euro an Spenden zusammengekommen, 10 000 hatten wir angepeilt. Ein Highlight war die Eröffnung einer von uns finanzierten Bibliothek im Brückeninternat.

Wie haben die Kinder reagiert?

Thirolf: Die haben sich riesig gefreut, sich mit Feuereifer auf die Bücher gestürzt. Man merkt, die wollen wirklich lernen. Das berührt mein Herz.

Wie hat der Verein Sie persönlich verändert?

Thirolf: Man lernt, was wirklich wichtig ist im Leben. Dinge, die normal sind, ordne ich jetzt anders ein, schätze sie wieder mehr wert. Man lernt, kleine Dinge bewusster wahrzunehmen, sich darüber zu freuen.

Zum Beispiel?

Thirolf: In Indien auf dem Land gibt es keine warme Dusche. Da gibt es einen kleinen Eimer mit kaltem Wasser, den man sich über den Kopf kippt. Den Komfort zu Hause weiß ich jetzt wieder sehr zu schätzen. Und was ich auch gelernt habe: Man kann mit kleinen Dingen viel bewirken. Zum Beispiel für zwei Euro einen Schultag finanzieren.

Haben Sie schon mal überlegt, hauptamtlich im Sozialbereich zu arbeiten?

Thirolf: Die Arbeit mit meinem Team und meine beruflichen Aufgaben gefallen mir sehr. Im Moment ist alles gut, so wie es ist, wenngleich ein zunehmend größerer Anteil meiner Freizeit meinem Sozialengagement gehört.

Ist die Rückkehr in die Finanzwelt schwierig?

Thirolf: Nein, denn nicht nur bei meinem Unternehmen engagieren sich viele Menschen. Und so unterschiedlich sind die Welten gar nicht. In beiden kommt es darauf an, dass man einen Plan hat, den man konsequent verfolgt. Und gemeinnützige Projekte müssen heute genauso professionell gemanagt werden wie die eines Unternehmens.

Ihr Plan für „Friends for hope“ in zehn Jahren?

Thirolf: Meine Englisch-Lehrerin ist Inderin. Sie sagt: „The plan is to have no plan“ – der Plan ist, keinen zu haben. Weil in Indien niemand plant. Insofern habe ich keine Pläne, aber eine Vision. Die ist ganz einfach: Morgen einem Kind Zugang zur Bildung zu ermöglichen, was heute noch nicht möglich war. Und das jeden Tag neu.

Wollen Sie noch mehr Projekte fördern?

Thirolf: Natürlich. Irgendwann würden wir gerne auf jedem Kontinent mindestens ein Projekt unterstützen. Ich habe viel im Kopf. Aktuell planen wir einen Film eines 13-jährigen deutschen Schülers über die indische Barfußschule: ein Film von einem Schüler für Schüler. Aber wir sind erst am Anfang der Reise. Wir wollen uns nicht verzetteln. Lieber das, was wir gerade machen, vernünftig machen.

Das Gespräch führte Doris Richter

„Friends for Hope“

wurde 2014 von Thomas Thirolf gegründet. Infos zum Verein: www.friends-for-hope.de. Über die Spendenplattform www.shareyoureducation.org kann man ab zwei Euro Bildungstage für indische Kinder finanzieren. Unterstützt werden Kinder im Barefoot College. Es wurde 1971 vom Inder Bunker Roy gegründet und nimmt Frauen ohne Schulabschluss, auch Analphabetinnen, auf, um ihnen Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln. Die Kinder lernen in Abendschulen und im Brückenschulinternat: www.barefootcollege.org und www.friendsofbarefootcollege.com.

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