Der Wechsel von der Kita in die Schule ist für viele Eltern ein Albtraum, weil Ganztagesplätze fehlen. dpa/Archiv

Mangelware Hortplatz

München - Nur für 63 Prozent der Münchner Grundschüler gibt es einen Ganztagsbetreuungsplatz. Die Stadt investiert Millionen in den Ausbau. Doch Eltern, die heuer einen Platz benötigen, nützt das wenig.

„Wir sind total hilflos“, sagt Judika Baumann. Sie wohnt mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann in der Maxvorstadt. Ab September wird Theresa, die Älteste, in die Grundschule an der Türkenstraße gehen. Sie freue sich schon, berichtet ihre Mutter. Baumann selbst steht aber vor einem Problem. „Wir haben uns rechtzeitig um einen Hortplatz bemüht, aber keinen bekommen.“ Auch in der Mittagsbetreuung der Schule gibt es zu wenig Plätze. Und die privaten Einrichtungen in der Nähe schickten nur Absagen.

Wie den Baumanns geht es vielen Familien: Nach der schwierigen Krippenplatzsuche (s. Kasten) beginnen die Probleme mit dem Schuleintritt von vorne. Beim Hort der Grundschule an der Türkenstraße stehen aktuell 30 Kinder auf der Warteliste. Auch an anderen Grundschulen ist die Lage trostlos: So bezeichnete die Rathaus-CSU die Nachmittagsbetreuung in der Grundschule an der Südlichen Auffahrtsallee in Nymphenburg jüngst als „Desaster“. Der Elternbeirat der Schule teilt die Einschätzung. 60 Eltern hätten sich um einen Hortplatz beworben, 56 sei abgesagt worden. In der Zweigstelle des Horts in der Trojanostraße waren es 25 Bewerbungen, davon 18 Absagen. „Die Situation ist mehr als prekär“, so Uwe Globisch vom Elternbeirat. Die Eltern wüssten nicht, wohin mit den Kindern. Bei der Mittagsbetreuung sei es ähnlich.

Wenn sich keine Lösung finde, müssten einige Eltern ihre Arbeit aufgeben, um ihre Kinder nach der Schule zu betreuen, sagt Baumann. Das aber können sich viele nicht leisten: „Die Mieten sind hoch. Man muss zwei Einkommen haben, um hier leben zu können.“

Bei der Stadt weiß man um die Sorgen. „Die ersten Absagen sind jetzt rausgegangen“, bestätigt Eva-Maria Volland, Sprecherin des Bildungsreferats. Aber: „Da ist noch viel in Bewegung.“ Wegen Doppelanmeldungen oder Umzügen würden noch einige Plätze frei - so wie 2010: „Damals haben im April noch 2611 Hortplätze gefehlt, bis Oktober hat sich diese Zahl auf 1613 reduziert.“ Auch heuer verfolgt die Stadt die Anmeldungen. „Wo es besonders eng wird, versuchen wir kurzfristige Lösungen zu finden.“ Zum Beispiel könne dann ein bestehender Hort um eine Gruppe erweitert werden.

Das Ziel der Stadt ist ehrgeizig: 80 Prozent der Grundschüler sollen künftig ganztägig betreut werden können - in Ganztagesklassen, Tagesheimen, Horten oder von Eltern organisierten Mittagsbetreuungen. „In den kommenden Jahren“ solle das Ziel erreicht werden, heißt es beim Referat. Aktuell sind aber nur 63 Prozent der Schüler versorgt. Im Januar gab es 24 915 Ganztagesplätze - davon 14 887 in Horten und Tagesheimen.

Untätigkeit kann man der Stadt nicht vorwerfen. Zwischen 2010 und 2014 fließen 186 Millionen Euro in den Ausbau der Kinderbetreuung. 9887 neue Plätze enstehen - 2112 in Krippen, 4350 in Kindergärten, 3425 in Horten und Tagesheimen. Im Februar hat die Stadt ein zusätzliches 100-Millionen-Bauprogramm verabschiedet: Bis 2013 entstehen weitere 32 Einrichtungen mit 2160 Plätzen. Davon sind 1260 Krippen-, 725 Kindergarten- und 300 Hortplätze.

Volland verweist auf die Möglichkeit der Grundschulen, Ganztagszüge einzurichten. Bisher haben sich von 130 Grundschulen jedoch nur 28 dafür entschieden. Zwar ist die Antragsfrist abgelaufen. Doch Volland sagt: „Die Stadt unterstützt auch jetzt noch jeden Antrag und wird sich bei der Regierung dafür einsetzen, dass die Klasse noch im kommenden Schuljahr umgesetzt werden kann.“

Um die Schulen zu unterstützen, hat Stadtschulrat Rainer Schweppe eine „Serviceagentur für Ganztagsbildung“ gegründet. Sie arbeitet derzeit an Konzepten, wie in Ganztagsschulen auch Ferienbetreuung stattfinden kann. Denn für viele Eltern ist das ein Manko: Während etwa Horte auch in den Ferien offen haben, machen Schulen dicht. Judika Baumann hat jetzt mit Freunden einen Brandbrief an OB Ude geschrieben. Sie seien bereit, sich an einer kreativen Lösung zu beteiligen, sagen die Eltern. Und hoffen auf Antwort.

Heike Nieder, Caroline Wörmann, Moritz Homann

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