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Weil sie sich a bisserl was dazuverdiente

Margarethe ist entsetzt: Sie soll 7715 Euro Rente zurückzahlen 

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Weil sie sich ein bisserl was zu ihrer mageren Rente dazuverdient hat, soll Margarethe Kemer 7715,41 Euro an ihre Rentenversicherung zurückzahlen. Streng juristisch geht das. Aber menschlich?

Margarethe Kemer ist eine aufgeweckte Frau mit Haaren so weiß wie Leinen. An ihren Schläfen ist die Haut so dünn, dass man fast in ihren Kopf hineinschauen und ihre Gedanken kreisen sehen kann. Vor allem eine Sache raubt der 84-Jährigen den Schlaf: Weil sie sich ein bisserl was zu ihrer mageren Rente dazuverdienen wollte, hat sie sich vor sieben Jahren in einer Änderungsschneiderei anstellen lassen. Jetzt soll die gelernte Näherin 7715,41 Euro an ihre Rentenversicherung zurückzahlen. Denn: Sie ist mit dem kleinen Extra-Verdienst über die Grenze gerutscht, die als Höchstwert gilt. 

7715,41 Euro. Es ist Geld, das Kemer nicht hat. „Heute genauso wenig wie damals“, sagt sie. Mit ihren 84 Jahren hat Margarethe schon viel mitgemacht: Kurz nach ihrer Kommunion floh die damals Elfjährige zusammen mit ihrer Familie aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland. In München lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, gebar zwei Söhne und wurde Näherin. Seit dem Tod ihres Mannes hat Kemer Anspruch auf 328,46 Euro Witwenrente im Monat. Tatsächlich überwiesen wird ihr allerdings nur knapp die Hälfte davon. 

„Ich hab gedacht, mich trifft der Schlag, als ich das Schreiben von meiner Rentenversicherung erhalten habe“, erinnert sie sich. Das war 2014 – vier Jahre, nachdem Kemer ihren Minijob in der Näherei angenommen – und damit den staatlich erlaubten Freibetrag von 819,19 Euro im Monat überschritten hat. Der Brief machte ihr klar: In Zukunft bekommt sie weniger Witwenrente, eben wegen des Zusatzverdienstes. 

Warum das Schreiben erst vier Jahre nach Job-Beginn kam? Warum sich so lang niemand für ihren Nebenverdienst interessierte? Für Kemer noch immer ein Rätsel. „Hätte ich damals schon gewusst, was da alles auf mich zukommt, hätte ich mir zweimal überlegt, ob ich den Job überhaupt annehme“, sagt sie. Mit „alles“ meint Kemer ein weiteres Schreiben der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd: die Aufforderung, 7715,41 Euro – und somit die Hälfte ihrer Witwenrente von 2010 bis 2014 – zurückzuzahlen! Dabei war Kemer über ihren Arbeitgeber immer offiziell gemeldet und wusste nicht, dass es die Verdienstgrenze für Rentner gibt, wie sie sagt. 

Margarethe Kemer: „Ich konnte nicht mal mehr meine Miete bezahlen“

Weil Kemer die Summe nicht fristgerecht aufbringen konnte, hat die Rentenversicherung ihre reguläre Rente von 882,25 Euro angezapft und vier Monate lang um knapp die Hälfte gekürzt. „Ich hab am ganzen Körper gezittert, weil ich nicht gewusst habe, wie ich über die Runden kommen soll. Ich konnte nicht mal mehr meine Miete bezahlen“, erzählt sie. 

Kemer zog Rechtsanwalt Florian Schmidt (47) zu Rate. Der bezeichnet die Methoden der Rentenversicherung als „ziemlich ungewöhnlich“. Zwar hat Schmidt (47) nach einem Briefwechsel sowie einer gerichtlichen Anhörung erwirkt, dass Kemer schon 1717,73 Euro zurückerstattet bekam. ­Allerdings ist nach wie vor unklar, ob die Rentnerin die geforderte Summe von 7715,41 Euro bezahlen muss. Denn: Wie die Deutsche Rentenversicherung auf tz-Anfrage mitteilt, kann sie Kunden, die den Nebenverdienst nicht konkret bei der Rentenversicherung gemeldet haben, noch bis zu vier Jahre später zur Kasse bitten. Streng juristisch geht das. Aber menschlich?

Minijob im Alter: Das sind die Regeln

Eigentlich sind Minijobs (bis zu 450 Euro) für Arbeitnehmer steuerfrei. Trotzdem müssen Rentner, die sich ein bisserl was dazuverdienen wollen, einiges beachten. Jan Paeplow (41) von der Deutschen Rentenversicherung sagt: „Wer sich für einen Minijob entscheidet, sollte sich darauf einstellen, dass es dadurch zu Abzügen kommen kann.“ Grundsätzlich gilt: Wer eine vorgezogene Altersrente bezieht, darf bis zu 6300 Euro im Jahr anrechnungsfrei dazuverdienen. Ab der Regelaltersgrenze gilt dann eigentlich gar keine Grenze. Allerdings: Hinterbliebenenrenten wie eben eine Witwenrente sind von Kürzungen betroffen, wenn der Empfänger mit seinem Einkommen über einer gewissen Grenze liegt. In den alten Bundesländern sind das derzeit 819,19 Euro netto.

„Jeder Betrag, der den Freibetrag übersteigt, wird mit 40 Prozent auf die Witwenrente angerechnet“, sagt der Experte. Im Falle von Margarethe Kemer bedeutet das unseren Berechnungen zufolge: Addiert man zu Kemers Nettorente von 882,28 Euro ihren durchschnittlichen Monatsverdienst von etwa 300 Euro, so kommt man auf 1182,28 Euro. Damit übersteigt Kemer ihren monatlichen Freibetrag um 363,09 Euro und muss 145,24 Euro abgeben. „Wichtig ist, seinen Rentenversicherungsträger über eigenes Einkommen zu informieren. Wer dies versäumt, muss überzahlte Rentenbeträge an den Rentenversicherungsträger wieder erstatten“, so Paeplow.

Lesen Sie hier: 400.000 Euro weg – Rentnerin hat ihren Bankberater in Verdacht.

Der Gastbeitrag „Mal ernsthaft. Wie soll ein 27-Jähriger in München fürs Alter vorsorgen?“ könnte Sie ebenfalls interessieren. 

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