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„Viele unserer Fahrgäste vergessen für einen Tag ihr Leid“: Marion Kotowski steht mit dem „Wünschewagen“ vor Schloss Nymphenburg.

Interview mit Rettungssanitäterin

Sie erfüllt Schwerkranken den letzten Wunsch

Der Wünschewagen zaubert Todkranken noch einmal ein Lächeln aufs Gesicht. Hinter der Aktion stecken zahlreiche Ehrenamtliche. Eine davon berichtet im Interview von ihren Erfahrungen.

München - Ans Meer, nach Hause zur Familie oder auf einen Berggipfel: Seit einem Jahr erfüllt die Münchner Arzthelferin und Rettungssanitäterin Marion Kotowski (38) zusammen mit ihren Kollegen todkranken Menschen einen letzten Wunsch. Dazu hat der Arbeiter-Samariter-Bund bundesweit zehn Krankentransporter, sogenannte Wünschewagen, gekauft. Die Fahrzeuge sind für die Bedürfnisse von Schwerstkranken ausgestattet, im Inneren aber wirken sie angenehm. So gibt es beispielsweise einen Sternenhimmel. Ein Gespräch über das Leben und den Tod - und über Glücksgefühle.

Frau Kotowski, Sie organisieren, fahren aber häufig den Wünschewagen auch selbst. Wie empfinden Sie Ihre Arbeit?

Kotowski: Ich fühle unendlich viel Glück, wenn ich einem Menschen den letzten Wunsch erfüllen kann, nichts anderes.

Sie fahren sterbenskranke Menschen. Hat das Ihre Einstellung zum Tod verändert?

Kotowski: Definitiv, ich lebe bewusster, schätze die Kleinigkeiten des Alltags und lasse mich von kleineren Problemen nicht so sehr ärgern. Der Tod gehört für mich seither zum Leben dazu. Wir versuchen, dieses Tabuthema grundsätzlich wieder mehr in die Gesellschaft zu integrieren. Und dazu ist der Wünschewagen auch da.

War das Thema Tod denn früher so viel präsenter?

Kotowski: Klar, früher kam das ganze Dorf zusammen und nahm Abschied. Das hatte eine große Würde. Heute sterben die Leute häufig einsam hinter verschlossenen Türen, im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Ich persönlich finde, Alte und Kranke gehören in die Mitte der Gesellschaft. Man darf sie nicht isolieren. Sie wollen gesehen, gehört und gesprochen werden wie Sie und ich - ganz normale Bedürfnisse.

Ist das ein deutsches Phänomen?

Kotowski: Weiter im Süden Europas braucht man keinen Wünschewagen. Der Gemeinschaftsgedanke ist viel stärker ausgeprägt. Dort gibt es noch Großfamilien. Mit den Nachbarn ist man auch viel vertrauter. In München gibt es viele Menschen, die kennen ihren Nachbarn überhaupt nicht, obwohl sie seit über zehn Jahren nebenan wohnen.

Sie geben unheilbar Kranken also ein Stück Würde zurück.

Kotowski: Definitiv, auch ein Stück Alltag. Für uns sind sie übrigens Fahrgäste. Ihre Krankheit ist während der Fahrt zweitrangig. Wir ermöglichen etwas, das sonst nicht möglich wäre. Viele unserer Fahrgäste vergessen für einen Tag ihr Leid.

Könnten die Verwandten nicht ihre Angehörigen abholen und mit ihnen einen Tag verbringen?

Kotowski: Eben nicht. So eine Verantwortung sollte man keinem Verwandten aufbürden. Denn die Passagiere sind häufig so krank, dass sie vielleicht unterwegs notfallmedizinisch betreut werden müssten. Und dafür ist der Wünschewagen ausgerüstet. Ein Rettungssanitäter ist auch immer dabei. Außerdem: Kaum einer hat ein barrierefreies Auto.

Wie viele Fahrten haben Sie bisher miterlebt?

Kotowski: Es müssten etwa zwölf gewesen sein. Wir halten natürlich Abstand, wenn die Familie es will. Aber meistens ist es umgekehrt. Wir werden eingeladen, unbedingt mitzuessen, zusammenzusitzen oder beim Spaziergang mitzugehen.

Welche Erinnerung ist bislang die intensivste?

Kotowski: Ein Krebspatient, der mit seiner Tochter zusammen noch einmal auf die Zugspitze fahren wollte. Als wir oben standen, machten wir ein paar Fotos. Ich dachte mir, was macht der da vorne eigentlich? Und als ich das Bild der Kamera näher zoomte, sah ich es. Er hatte seine Sauerstoffmaske abgenommen, zündete sich eine Zigarette an und genoss minutenlang die Aussicht. Jeder Arzt hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Wie haben Sie reagiert?

Kotowski: Ich dachte mir: Genau so soll es sein, für solche Momente sind wir da, genau das wollte er. Später erzählte er uns, dass es früher sein Lieblingshobby gewesen ist, in den Bergen zu wandern. Da weiß man, warum es sich lohnt, manchmal um vier Uhr morgens aufzustehen, um jemanden abzuholen.

War es schwierig, den Mann nach oben zu bringen?

Kotowski: Teilweise. Wir brauchten eine eigene Kabine in der Zugspitzbahn. Aber zum Glück machen alle mit, wenn wir erzählen, dass wir jemandem den letzten Wunsch erfüllen. Die Bahnbetreiber haben kurzerhand eine Kabine reserviert. Wir mussten vorher auch recherchieren, wie das ist, wenn wir einen Fahrgast, der auf eine Sauerstoffmaske angewiesen ist, so weit nach oben bringen, weil ja die Luft viel dünner ist.

Was sagen Ihre Fahrgäste und deren Verwandte, nachdem ihr Wunsch in Erfüllung gegangen ist?

Kotowski: Danke.

Mehr nicht?

Kotowski: Nein. Sie sind überglücklich, noch einmal Teil des täglichen Lebens gewesen zu sein. Wir hören dann später, dass solche Fahrten kleinere Wunder bewirkt haben.

Zum Beispiel?

Kotowski: Einige brauchen in den Tagen nach der Fahrt weniger Schmerzmedikamente. Sie sind voller Endorphine und bäumen sich noch einmal auf. Das Tief danach darf man aber nicht unterschätzen. Denn bei manchen kommt dann die Lethargie, nach dem Motto: Das war vielleicht der letzte unbeschwerte Tag meines Lebens.

Gab es Momente, die Sie trotz all Ihrer Erfahrung traurig gemacht haben?

Kotowski: Natürlich. Manchmal überwältigen einen die Gefühle. Erst vor Kurzem, als wir einen fünfjährigen Jungen nach Hause gefahren haben, damit er in den Armen seiner Mama sterben konnte. Er war unheilbar an Krebs erkrankt.

Wie sehr hat Sie das beschäftigt?

Kotowski: Da ist man schon wütend auf das Leben und stellt sich die Frage, wie das gerecht sein kann. Warum trifft es einen Fünfjährigen, der noch sein ganzes Leben vor sich hat? Als ich am Abend nach Hause kam, habe ich meine beiden Kinder besonders stark gedrückt. Die fragten sich wahrscheinlich schon: „Was ist denn mit der heute los?“

Wie gehen Sie grundsätzlich mit Gefühlen um?

Kotowski: Über allem schwebt der Eindruck, jemanden glücklich gemacht zu haben. Der kleine Junge wollte unbedingt wieder zu Hause sein, raus aus dem hektischen Alltag der Kinderklinik. Und das haben wir ermöglicht.

Gibt es einen weiteren Moment, der sie beeindruckt hat?

Kotowski: Ja, es war nur eine kurze Fahrt zum Starnberger See, aber mitten im Winter. Es war richtig kalt. Der Fahrgast war dort früher häufig beim Segeln. Er fuhr mit seinem Rollstuhl an den Steg und schaute einfach nur auf den See. Danach erzählte er uns von seinem Leben, in welchem Haus er gewohnt hat, wann es umgebaut wurde und was er hier alles erlebt hatte. Die Krankheit ist nie das Thema.

Das hört sich an, als ob er sein Leben noch einmal resümiert hat.

Kotowski: Das kann man so sehen.

Trotz all des Leids: Haben Sie auch lustige Momente erlebt?

Kotowski: Natürlich bleiben auch Anekdoten hängen, Dinge, mit denen nicht zu rechnen war. Einer musste regelmäßig Schmerztropfen nehmen. Als wir alle zusammen saßen, versenkte er seine Schmerztropfen im Schnapsglas und spülte sie herunter. Da mussten wir gemeinsam lachen.

Haben Sie schon als Kind gerne geholfen?

Kotowski: So ist es. Alles begann mit der Wasserwacht. Dort habe ich mit zwölf Jahren angefangen, mich ehrenamtlich zu engagieren. Ich sage immer, ich habe kein Geld, das ich groß spenden kann. Aber Zeit, die ist auch wertvoll. Davon gebe ich gerne etwas ab.

Wie viele Anfragen haben Sie derzeit für den Wünschewagen?

Kotowski: Etwa vier pro Monat, ohne Werbung gemacht zu haben. Insgesamt haben wir seit vergangenem Jahr rund 26 Fahrten organisiert.

Sie könnten also deutlich häufiger fahren. Woran scheitert es?

Kotowski: Unser Team besteht aus 60 Kollegen, ist bunt gemischt und arbeitet ehrenamtlich. Aber wir bräuchten dringend mehr Ehrenamtliche. Ich hoffe, dass sich einige melden, die mit uns gemeinsam einem Todkranken einen glücklichen Tag schenken wollen.

Wie finanziert sich der Wünschewagen?

Kotowski: Ausschließlich durch Ehrenamtler, Spenden und Mitgliedsbeiträge. Es kostet etwa 150.000 Euro, den Wünschwagen jährlich zu betreiben. Wir haben derzeit weder staatliche noch städtische Zuzahlungen.

Erfüllen Sie eigentlich alle Wünsche, die Ihre Fahrgäste äußern?

Kotowski: Wir tun unser Bestes. Eine ältere Dame wollte unbedingt noch mal zum Paragliding fahren. Wir waren schon dabei, den Flug zu organisieren. Leider ist sie mittlerweile so krank, dass sie nicht mehr fliegen kann. Aber wir hätten das für sie schon arrangiert.

Interview: Hüseyin Ince

So können Sie helfen und spenden

Wer helfen will, meldet sich beim Arbeiter-Samariter-Bund unter der Telefonnummer 089/ 74 36 32 21 oder per E-Mail an info@wuenschewagen.bayern. Spenden kann man an das Konto Wünschewagen: Stadtsparkasse, IBAN: DE 09 7015 0000 0043 1444 43, BIC: SSKMDEMMXXX.

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