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Die steigende Zahl der Flüchtlingskinder stellt Münchens Pädagogen vor große Herausforderungen.

Forderung des Verbands

„Mehr Anreize für München-müde Lehrer“

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In München fehlen Lehrer. Seit Jahren wollen viele, die hierher versetzt werden, schleunigst wieder heim. Doch die Flüchtlingsthematik verschärft nun das Problem. Lehrerverbände fordern darum, spezielle Anreize für Lehrer zu schaffen.

Franz Josef Bruckbauer gehört nicht zu den Jammerern. Sagt er selbst. Der Rektor der Mittelschule am Gotzinger Platz in Sendling betreibt seit Jahren engagiert Integrationsprojekte, seine Schule gilt als „Leuchtturm“ in Bayern. Bruckbauer weiß, wovon er spricht, wenn er sagt: „Noch ist es machbar mit den Flüchtlingskindern. Das Drama beginnt erst, wenn die großen Ströme kommen.“ Dann dürfte das Hauptproblem voll durchschlagen: dass es München an Lehrern fehlt.

„Wie lange haben Lehrerinnen und Lehrer die Kraft, den Lehrermangel zu kompensieren?“, fragte Waltraud Lucic vom Münchner Lehrerinnen- und Lehrerverband (MLLV) bei einer Tagung, zu der sich am Samstag Lehrer, Politiker und Experten in Bruckbauers Schulhaus trafen. Sie arbeiteten heraus, mit welchen kreativen Lösungen die Schulen den Herausforderungen begegnen und wie mehr Lehrer für München zu gewinnen sein könnten. „Schule ist bunt – nutzen wir das als Chance“, war das Motto.

Tatsächlich schlägt sich in München verstärkt die demografische Entwicklung in Bayern nieder. Die nordbayerischen Regierungsbezirke bilden seit Jahren mehr Lehrer aus, als sie brauchen. Also werden diese nach Oberbayern geschickt, wo die Bevölkerung rasant wächst. Doch weil viele Junglehrer zurück in die Heimat wollen, versuchen sie, sich versetzen zu lassen. Dieses Phänomen gebe es seit etwa zehn Jahren, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums.

In München gibt es laut Staatlichem Schulamt gut 4000 aktive Lehrer in Grund- und Mittelschulen. 2015 stellten etwa 400 von ihnen einen Versetzungsantrag, sagt Schulrat Wolfgang Kreuzer. Die Hälfte wurde bewilligt, vor allem Familienzusammenführungen werden berücksichtigt. Die Lücke wird vom Kultusministerium wieder mit neuen Lehrern aus dem übrigen Bayern gefüllt. Diese Zahl ist laut Kreuzer seit Jahren ähnlich.

„Dass Lehrer aus München wegwollen, ist nicht neu“, weiß auch Rektor Bruckbauer. „Nur die Zahlen bei den Flüchtlingen, die sind neu.“ Er meint: Wenn die Lehrersituation so angespannt bleibt, aber gleichzeitig immer mehr Flüchtlingskinder kommen, dann wird es dramatisch in den Schulen.

Dabei werden ständig neue Übergangsklassen eingerichtet, in denen Migrantenkinder Deutsch lernen. Im September hatte München 98, aktuell bereits 108 Übergangsklassen, fürs nächste Schuljahr rechnet Kreuzer mit bis zu 130. Man sei in einem laufenden Prozess. Bruckbauer berichtet, dass Flüchtlingskinder häufig aus dem Nichts einfach „auf der Matte stünden“. Er hat bereits einige in Regelklassen „geparkt“, wie er sagt, bis sie in Übergangsklassen können.

Doch wegen des Personalmangels ist es mühsam, diese einzurichten. Und für die Übergangsklassenlehrer ist es ein harter Job. Viele berichten, dass sie auf dem Zahnfleisch gehen: Ein Lehrer für 20 Schüler – darunter schwer traumatisierte Kinder und unterschiedlichste Bildungsniveaus – sei viel zu wenig. „Eigentlich reichen zehn Kinder pro Klasse“, sagt Lucic. Zwar etablieren sich gerade diverse Modelle, bei denen etwa Sozialpädagogen oder Lehramtsstudenten in den Klassen mithelfen. Doch es reicht noch nicht.

Dabei könnte München sogar viel mehr Lehrer einstellen. „Das Geld ist da“, sagt Lucic. Gerade erst hat der Freistaat fürs laufende Jahr weitere 160 Millionen Euro aus dem Nachtragshaushalt für Flüchtlingsklassen freigegeben. Zwar stellt das Schulamt laufend ein – doch aktuell seien noch Stellen im „zweistelligen Bereich“ frei, sagt Schulamts-Leiterin Alexandra Brumann. „Wir nehmen jeden, den wir kriegen können, wenn er die Qualifikation hat.“ Auch Fachlehrer seien gefragt, sagt Lucic, etwa für Musik oder Werken: Häufig könnten Flüchtlingskinder in diesen Fächern am einfachsten andocken.

In seiner Not greift der Freistaat sogar auf Pensionäre zurück: In München sind laut Kreuzer zurzeit 70 Lehrer im Einsatz, die aus dem Ruhestand zurückgelockt wurden und nun wieder ein paar Stunden unterrichten. Bruckbauer und Lucic loben Bildungs-Staatssekretär Georg Eisenreich (CSU). Er wisse, dass sich in München die Probleme wie unter einem Brennglas entfachen könnten, und unterstütze lokale Lösungsstrategien.

Doch das Grundproblem bleibt. „Dass Lehrer aus München wegwollen, ist nicht neu“, sagt Bruckbauer. Nicht nur aus familiären Gründen. Und auch nicht, weil sie die Großstadt mit ihren Besonderheiten scheuten, etwa dem hohen Migrationsanteil oder der Ganztagsschule. „Das ist ja gerade auch das Spannende an München: die pädagogische Herausforderung“, sagt Lucic. Lehrer seien hier „am Puls der Zeit“, zudem gebe es vielfältige Fortbildungsmöglichkeiten.

Sie glaubt, dass vor allem der teure Mietmarkt schuld sei. Darum fordert sie: „Wir müssen Anreizsysteme schaffen.“ Die München-Zulage von 75 Euro sei zu gering. Es brauche Wohnungen für Lehrer, eventuell ein Lehrerwohnheim. Sie fordert: „Die Bedingungen müssen stimmen, damit wir aus dem Flüchtlingsproblem eine Chance machen können.“ Zudem gelte es, die Attraktivität des Berufs gerade in Flüchtlingszeiten darzustellen. Die Tagung diente dazu, sich über Unterrichtsideen und praxisbezogene Initiativen auszutauschen. Lehrer, so das MLLV-Ziel, sollen in München bleiben wollen: „Bildung und Erziehung brauchen Kontinuität und Sicherheit.“

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