Mehr Platz für Radler - Autos und Fußgänger müssen weichen

München - Mehr Radler in München – dafür muss das Wege-Netz in der Innenstadt ausgebaut werden. Experten sollen Lösungen austüfteln. Doch die gibt es oft nur zu Lasten von Autofahrern, Fußgängern und anderen Interessengruppen.

Bis 2015 soll der Anteil des Radverkehrs in München von 14 Prozent auf 17 Prozent steigen. Wie berichtet, hat der Stadtrat deshalb vergangene Woche eine vier Millionen Euro teure Werbekampagne beschlossen. Doch die Lokalpolitiker wollen nicht nur das Image des Drahtesels polieren: erste Experten sollen ab kommender Woche Pläne zur Verbesserung des Radverkehrsnetzes entwickeln.

Denn an einigen zentralen Stellen hapert’s hier noch – obwohl die Stadt laut Baureferat von 1992 bis 2008 in den Ausbau 32,9 Millionen Euro investiert hat: Wer etwa die Paul-Heyse-Straße nahe dem Hauptbahnhof entlangradelt, ärgert sich, dass es nur etappenweise einen Radweg gibt. Immer wieder müssen Radler vom Radweg auf die Straße wechseln, die von Autos stark befahren ist.

Ähnlich ist die Situation an der Lindwurmstraße, die Sendling mit der Isarvorstadt verbindet. Dort passieren immer wieder Unfälle, weil Radweg und Gehsteig zu schmal sind. Doch eine Verbreiterung des Radwegs ist dem Planungsreferat zufolge schwierig, weil dazu anderen Verkehrsteilnehmern Fläche weggenommen werden müsste. Deshalb hatte die Kommunalpolitik das Problem in der Vergangenheit immer wieder vertagt.

Das soll sich jetzt ändern: Mit dem Grundsatzbeschluss zur Förderung des Radverkehrs in München vom Juli 2009 hat der Stadtrat sechs Arbeitsgruppen eingerichtet. In diesen sollen Experten von Planungs-, Bau- und Kreisverwaltungsreferat Strategien entwickeln, um die Münchner für das Radeln zu begeistern. Die Bezirksausschüsse und Fachmänner relevanter Verbände, etwa vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), sollen miteinbezogen werden.

Kommende Woche trifft sich die Expertengruppe „Engpässe und Netzlücken“ unter der Federführung des Planungsreferats zu ihrer konstituierenden Sitzung. Auf der Agenda dieser Arbeitsgruppe stehen die Situation an der Kapuziner-, und Lindwurmstraße sowie an der Brienner und der Rosenheimer Straße. Nach Angaben des Planungsreferats ist dort ein Neu- oder Ausbau von Radwegen nur möglich, wenn die anderen Verkehrsteilnehmer zurückstecken.

Nicht zuletzt deshalb erwarten die Experten keine schnelle Lösung: „Verkehr ist immer ein emotionales Thema“, sagt Elisabeth Zorn vom Planungsreferat. „Viele Verkehrsteilnehmer konkurrieren um die vorhandene Fläche.“ Zudem müssten Freischankflächen, U-Bahn-Abgänge und Lieferverkehr berücksichtigt werden – das lasse nur eine „komplexe“ Lösung zu.

Trotzdem soll noch vor der Sommerpause ein Vorschlag für die Neugestaltung der Kapuzinerstraße auf dem Tisch liegen – an der Mauer des Alten Südfriedhofs gibt es noch keinen Radweg. Hier hat die Verwaltung laut Zorn in den vergangenen Jahren bereits „intensive Vorarbeit“ geleistet.

Noch unklar ist, wann sich die Experten mit den übrigen drei Straßen beschäftigen: „Wir werden in den kommenden Wochen eine Prioritätenliste erarbeiten“, sagt Zorn. Ob für alle vier Straßen eine Lösung gefunden – und auch umgesetzt werden kann – ist fraglich: „Bis zum Ende der Legislaturperiode 2014 ist das Unwahrscheinlich“, sagt Grünen-Stadträtin Sabine Nallinger. „Aber ein Projekt schaffen wir auf alle Fälle – drei Projekte zu meistern, nehmen wir uns vor.“ Ihre Partei hatte bereits 2007 beantragt, sich mit der Lage an diesen vier Straßen auseinanderzusetzen.

Die Arbeitsgruppe „Öffnung von Einbahnstraßen und Einrichtung von Fahrradstraßen“ nimmt nach Angaben des federführenden Kreisverwaltungsreferats (KVR) ihre Arbeit Ende März auf. Hier beschäftigt man sich mit der Öffnung von Einbahnstraßen in der Altstadt für Radler und erarbeitet einen Kriterienkatalog für Fahrradstraßen, wie die Residenzstraße in der Innenstadt bereits eine ist.

Die übrigen Arbeitsgruppen werden sich laut KVR spätestens ab Ende April unter anderem mit der „Optimierung der Bike & Ride-Anlagen“ an den S-Bahn-Stationen beschäftigen.

Ob sich der Stadtrat mit den Vorschlägen der Arbeitsgruppen anfreunden kann, ist freilich noch ungewiss. Und ebenso unklar ist, ob die Lösungen auch umgesetzt werden können. Dies ist auch eine finanzielle Frage. Zwar hat der Stadtrat die Radverkehrspauschale von jährlich 1,5 Millionen Euro auf 4,5 Millionen Euro erhöht. Aber mit diesen Mitteln soll nicht nur der Ausbau des Radverkehrsnetzes finanziert werden – sondern auch die Werbekampagne, die jährlich fast eine Million Euro kostet. Zudem werden damit insgesamt sechs neue Arbeitsplätze bezahlt, die in Planungs-, Bau- und Kreisverwaltungsreferat mit dem Grundsatzbeschluss zur Förderung des Radverkehrs geschaffen worden sind.

Bettina Stuhlweissenburg

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