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„Lokaljournalismus hat eine Bombenzukunft“

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Von: Stefan Sessler, Bernd Ernemann

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Die Merkur-Reporter (v.l.) Ludwig Hutter, Alois Ostler, Peter Loder und Michael Seeholzer im Sommer 2020 in München.
Reporter unter Palmen: (v.l.) Ludwig Hutter, Alois Ostler, Peter Loder und Michael Seeholzer auf der Theresienwiese in München. Jeder hat ein Exemplar seiner jeweiligen Heimatzeitung in der Hand. © Marcus Schlaf

Heimat im Herzen und den Schreibblock seit über 40 Jahren in der Hand: Wir haben vier legendäre Merkur-Reporter zum Interview eingeladen.

So ein Interview gab es noch nie. Am Tisch sitzen Ludwig Hutter (62), Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, Michael Seeholzer (65), Ebersberger Zeitung, Alois Ostler (65), Tölzer Kurier, und Peter Loder (63), Fürstenfeldbrucker Tagblatt. Vier Reporter, die alle seit über 40 Jahren für unsere Zeitung arbeiten. Sie kennen Oberbayern wie ihre Westentasche. Hier erzählen sie, was sie geprägt hat und welchen Tag sie nie vergessen werden. Es ist auch ein Abschiedsinterview: Denn die Rente naht. Oder sie ist schon da.

Was war die allererste Geschichte, die Sie für die Zeitung geschrieben haben?

Peter Loder: Das war ein CSU-Sommerfest im Schlosspark von Esting. Samstagabend, kurz nach der Sportschau, das weiß ich heute noch. Das Erste, was ich gesehen hab’, war ein Bierfass. Ich bin dort empfangen worden wie ein König und hab’ sofort ein Helles bekommen. Mein erster Eindruck bei meinem ersten Termin: Die CSU, die sauft. (lacht) Am nächsten Tag habe ich über die Veranstaltung geschrieben. So hat alles angefangen.

Michael Seeholzer: Am 2. Juni 1978 ist meine erste Geschichte in der Ebersberger Zeitung erschienen. Sie drehte sich um einen Lebensmittelmarkt, der nach vielen Jahren wieder eingeführt wurde. Der Artikel war nicht sehr lang, aber ich konnte mich lange an alle Texte erinnern, die ich je geschrieben habe. Wenn mir jemand einen Artikel vorgelegt hat, dann wusste ich: Den hab’ ich geschrieben. Bis vor zwei oder drei Jahren war das so, seitdem kann ich das nicht mehr. Inzwischen lese ich Geschichten von mir, die zwei Jahre alt sind und denke mir: Da steht ja mein Name! Also muss das von mir sein, obwohl ich keine richtige Erinnerung mehr habe. Vielleicht ist der Speicher jetzt voll (lacht).

Herr Ostler, was war Ihr Erstlingswerk?

Alois Ostler: Eine meiner ersten Geschichten war über das Treffen des Historischen Vereins kurz nach der Leonhardi-Fahrt in Tölz. Die Teilnehmer haben sich beschwert, dass bei der Pferdewallfahrt zu wenige Plätze im Wirtshaus für sie reserviert waren. Das habe ich so aufgeschrieben. Am nächsten Tag stand der Wirt des Lokals mit einer riesigen Dogge in der Redaktion. Ich habe mich in einem Eck verkrochen. Aber mein Redaktionsleiter Gregor Dorfmeister hat sich schützend vor mich gestellt und gesagt: „Wenn das so gesagt worden ist, dann wird’s auch geschrieben.“

Ludwig Hutter: Bei mir war es nicht so spektakulär. Es ging um die Wiedergründung des Tierschutzvereins Weilheim. Den Artikel habe ich mir damals ausgeschnitten und in ein Album geklebt. Ich habe ihn heute noch.

Alois Ostler: Hebst du alle deine alten Artikel auf? Ich kennen einen Kollegen, da schneidet die Frau sämtliche Text aus und heftet sie ab.

Ich saß im    Mannschaftsbus der Löwen – und hab’ mir eine Zigarette angezündet. Das war oberpeinlich. 

Ludwig Hutter über eine Auswärtsfahrt nach Essen

Ludwig Hutter: Bei mir ist in 40 Jahren ein ganzer Ordner zusammengekommen. Aber da kommen nur die wichtigen Sachen rein.

Jeder Reporter hat einen Moment, den er nie vergisst. Welcher ist das?

Ludwig Hutter: Während meines Volontariats war ich neun Monate in der Sportredaktion in München. Wir Reporter sind damals im Bus zusammen mit den Profis zu den Auswärtsspielen gefahren. Es war die Saison 1981/82, 1860 spielte in der zweiten Liga. Ich saß bei der Fahrt nach Essen neben einem jungen Spieler und mir fiel nichts Blöderes ein, als eine Zigarette anzuzünden. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann kam Wenzel Halama zu mir, der Trainer der Löwen. Er faltete mich fünf Minuten vor versammelter Mannschaft zusammen. Auch der damalige Löwen-Spieler Rudi Völler saß im Bus. Das war der oberpeinlichste Moment in meinen 40 Jahren beim Merkur.

Wer kann die Geschichte toppen?

Peter Loder: Toppen kann ich das nicht. Aber prägend waren meine zwei Wochen in Athen bei den Paralympics im Jahr 2004. Eine Schwimmerin aus dem Kreis Fürstenfeldbruck ist bei den Wettkämpfen angetreten, vor allem deswegen war ich in Athen. Wenn man diese Sportler mit Behinderung sieht, was die leisten, das ist sensationell. Meine Lieblingssportart ist seitdem Goalball, das ist Blindenfußball mit einem Glöckchen im Ball. Im Stadion ist es mucksmäuschenstill, wenn gespielt wird. Man hört nur die Glocke. Das ist magisch.

Sie sind der Lokalredaktion immer treu geblieben? Wollten Sie nie über Angela Merkel oder die große Weltpolitik schreiben?

Michael Seeholzer: Der Reiz einer Heimatzeitung ist, dass man unter den Leuten lebt, über die man schreibt. Das ist schön, aber auch belastend. Bei der Ebersberger Zeitung haben wir eine Auflage von 11 000 Stück – und damit auch mindestens 11 000 Kritiker. Das muss man aushalten. Aber der unmittelbare Kontakt zu den Lesern, das war mir immer das Wichtigste.

Alois Ostler: Ich erlebe das, was in meiner Heimat passiert, hautnah mit – und darf darüber schreiben. Das ist ungemein spannend.

Wie hat sich Oberbayern im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert?

Ludwig Hutter: Die Menschen sind empfindlicher geworden. Das eigene Ego wird in den Mittelpunkt gestellt – das ist auch auf dem Land so. Das merkt man vor allem in Orten, die nicht so traditionell geprägt sind. Man muss aber sagen: Im Ammertal, wo ich lebe, sind die Leute noch immer sehr bodenständig. Michael Seeholzer: Der Landkreis Ebersberg, über den ich seit Jahrzehnten berichte, ist viel urbaner geworden. Gemeinden wie Poing oder Vaterstetten sind unglaublich gewachsen.

Alois Ostler: Bei euch in Ebersberg explodieren die Quadratmeterpreise teilweise. So einen grundsätzlichen Strukturwandel gibt es bei uns in Bad Tölz zum Glück nicht.

Die vier Lokalreporter Alois Ostler, Peter Loder, Michael Seeholzer und Ludwig Hutter mit Merkur-Geschäftsführer Daniel Schöningh (li.) und Verleger Dirk Ippen (re.).
Ein Glas Sekt auf viermal vier Jahrzehnte Betriebszugehörigkeit: die vier Lokalreporter mit Merkur-Geschäftsführer Daniel Schöningh (li.) und Verleger Dirk Ippen (re.). © Marcus Schlaf

Die Heimat hat sich verändert. Aber auch der Beruf. Was hat das Internet mit dem Journalismus gemacht?

Michael Seeholzer: Alles wird immer schneller, schneller, schneller. Ich hatte in Gemeinderatssitzungen schon den Laptop dabei und habe simultan geschrieben. Als die Sitzung fertig war, drückte ich auf den Knopf und der Bericht stand online. Das ist unglaublich anstrengend. In dem Moment, in dem der Feuerwehr-Alarm losgeht, musst du die ersten Nachrichten auf merkur.de haben. Daran sind die Leute inzwischen gewöhnt. Wenn sie eine Sirene hören, dann schauen sie auf unsere Seite.

Alois Ostler: Der Beruf hat sich unglaublich verändert. Als ich angefangen habe, ist jeden Tag um 13.20 Uhr ein Zug in Bad Tölz Richtung München abgefahren. Wir haben vorher ein großes, braunes Kuvert zum Bahnsteig gebracht. Dort waren die Manuskripte und Bilder drin für die Zeitung vom nächsten Tag. In München wurden die Texte dann abgetippt und die Zeitungen gedruckt. Irgendwann haben wir dann das erste Fax bekommen – es war so groß wie ein Kühlschrank.

Man darf nicht  abgehoben sein. Man muss auf Augenhöhe mit dem Leser sein.

Peter Loder über die wichtigste Journalisten-Eigenschaft

Michael Seeholzer: Bei uns ist der Zug schon um 12.55 Uhr abgefahren. Nur wenn wirklich was Wichtiges passiert ist, wurde die Zeitung noch mal verändert.

Was macht einen guten Lokaljournalisten aus?

Ludwig Hutter: Neugierde. Man braucht die Gier nach Informationen.

Peter Loder: Man darf nicht abgehoben sein. Man muss auf Augenhöhe mit dem Leser sein. Man muss normal sein – ganz normales Weißbier trinken und ganz normal auf den Sportplatz gehen.

Michael Seeholzer: Man muss die Gabe haben, eine Geschichte zu erkennen. Der Lokaljournalismus hat meiner Meinung nach eine Bombenzukunft, aber nur, wenn wir die Geschichten suchen. Es reicht nicht, zu schauen, welche Pressemitteilung wieder im E-Mail-Postfach eintrudelt.

Der Reiz einer  Heimatzeitung ist, dass man unter den Leuten lebt, über die man schreibt.

Michael Seeholzer über seine Liebe zum Lokaljournalismus

Sie schreiben seit über 40 Jahren aus der Heimat über die Heimat. Was lieben Sie an Oberbayern?

Alois Ostler: Ich habe den schönsten Arbeitsplatz direkt an der Isar in Bad Tölz. Wenn ich zum Fenster rausschaue, sehe ich den Kalvarienberg. Dort soll Ludwig Thoma mal gestanden und gesagt haben: „Wem hier das Herz nicht aufgeht, der hat keins.“ Nicht umsonst wollen viele Menschen zu uns raus. Dass ich dort leben und eine glückliche Familie mit drei großen Söhnen haben darf, das ist ein Geschenk.

Michael Seeholzer: Ich lebe in Grafing, aber bei mir war es Zufall, dass ich überhaupt im Landkreis Ebersberg gelandet bin. Eigentlich komme ich aus dem Landkreis Traunstein – als freier Mitarbeiter bin ich nach Pliening gezogen, weil es dort eine billige Wohnung gab, allerdings ohne Heizung. Im Laufe der Jahrzehnte ist mir die Region ans Herz gewachsen.

Peter Loder: Als gebürtiger Brucker ist es einfach schön, die Hauptstraße entlangzugehen und überall Menschen zu treffen, die man kennt. Das geht dann so: „Habe die Ehre!“, „Ja, Griaß di!“, „Servus, wie geht’s?“ Meine Frau dreht schon durch, wenn sie mit mir zum Kaffeetrinken geht. Aber mir gefällt das: drin sein, dabei sein, unter den Leuten sein. Einfach griabig.

Gibt es auch Nachteile, wenn man so nah dran ist?

Ludwig Hutter: Man weiß, wie die Leute ticken. Der Nachteil ist allerdings, dass die Leute sogar nachts anrufen, wenn sie mir eine Geschichte stecken wollen. Oder gleich in der Früh, wenn die Zeitung ausnahmsweise nicht im Briefkasten liegt. Und man kriegt natürlich hautnah mit, wenn Bekannte eine Todesanzeige bei der Heimatzeitung aufgeben müssen.

Zum Abschied hat jeder einen Wunsch frei. Welche Schlagzeile würden Sie gerne irgendwann in Ihrer Heimatzeitung lesen?

Alois Ostler: „Kloster Reutberg: Zukunft ist gesichert“. Ich habe jahrzehntelang über das Kloster berichtet. Es liegt mir einfach am Herzen.

Peter Loder: „Brucker Handballer vor 1000 Zuschauern Zweitliga-Meister“.

Ludwig Hutter: „Unterammergau in Hochstimmung: Gaufest wird nachgeholt, WSV-Fußballer steigen auf“.

Michael Seeholzer: „Berufsschule im Landkreis Ebersberg schneller fertig geworden als gedacht“. Wir sind der einzige Landkreis, der noch keine Berufsschule hat. Das möchte ich schon noch erleben, wenn die in Grafing eingeweiht wird.

Interview: Stefan Sessler und Bernd Ernemann

Die Geschichten ihres Lebens

Hier erzählen unsere vier Reporter-Legenden, welche Geschichte sie geprägt hat:

Im hellen Schein der Feuersbrunst: Peter Loder beschreibt den Abend, als die alte Aumühle brannte

Ein prägender Büstenhalter: Michael Seeholzer hat über einen Skandal im Supermarkt geschrieben

Die Tote auf dem Feldweg: Ludwig Hutter hat zehn Jahre über einen brutalen Mord berichtet

Ein Prost auf den Reutberg: Alois Ostler erzählt, wie er für eine Brauerei gekämpft hat

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