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„Der junge Mann mit komischem Krankenkassen-Brillengestell“: Journalist Jörg van Hooven dreht einen Film über OB Christian Ude.

„Die Udedoku“: OB-Pläne bringen „München.tv“-Chef aus dem Konzept

München - Seit eineinhalb Jahren arbeitet Jörg van Hooven an einem Dokumentarfilm über Christian Ude. Ende November ist Premiere. Dass der Oberbürgermeister möglicherweise für das Amt des Ministerpräsidenten kandidiert, bringt den Chef von „München.tv“ nun etwas aus dem Konzept.

Wenn Christian Ude tatsächlich bayerischer Ministerpräsidenten werden will, sollte er einen überzeugenderen Eindruck auf das Wahlvolk machen als auf seine Frau Edith. Zu den amüsantesten Stellen des 80-minütigen Films „Die Udedoku“ gehört, wie Edith von Welser-Ude ihren späteren Mann, damals noch Zeitungsjournalist, Ende der 60er-Jahre kennenlernte. Gegenüber Interviewer Jörg van Hooven erinnert sie sich an diesen „jungen Mann mit komischem Krankenkassen-Brillengestell, sehr ernster Mine und viel zu großem Anzug. Und ich dachte: Was? Dessen Artikel lese ich immer so gerne - und der sieht so bescheuert aus?“

Udes Glück: Irgendwann funkte es doch noch. „Ich habe sehr viel später gemerkt als er, dass ich mich in ihn verliebt habe“, sagt seine Frau. „Er war fest entschlossen - ich dachte, der spinnt.“

Jörg van Hooven muss lächeln, während er im Schneideraum von „München.tv“ die Rohfassung seines Films vorführt und der junge Ude durch sein Kassengestell ernst von drei Bildschirmen blickt. Doch van Hooven, Chefredakteur des Lokalsenders, hat auch ein Problem: Udes Entschlossenheit könnte ihm das Konzept verhageln. Am 22. November soll die „Udedoku“ bei einem einmaligen Festakt im „Mathäser“ gezeigt werden - aber was, wenn der OB sich dazu entschließt, für die SPD als Ministerpräsident zu kandidieren? „Wir können schon Dinge dazupacken“, sagt der Mann mit der randlosen Brille und der grauen Föhnwelle. „Aber dann müssen wir vor der Premiere Überstunden fahren.“

Vor anderthalb Jahren kam der gebürtige Hamburger auf die Idee für eine Bilanz von Udes Schaffens: „Die Überlegung war: Ende 2011 wird ein ganz klarer Schnitt sein“, erklärt er. „Dann beginnt der Wahlkampf und wir werden alle darauf fokussiert sein: Wer wird der nächste Ude?“

Die Suche nach den OB-Kandidaten ist denn auch der rote Faden, der die Rückblenden auf Udes Leben - es wird in elf Kapiteln erzählt - zusammenhält. Eine spannende Konstellation, wo doch sogar die Grünen sich erstmals Chancen auf den Chefsessel im Rathaus ausrechneten, findet van Hooven. „Wir zeigen: Wer wollte anfangs OB werden, wer sagte, dass er sich’s zutraut? Das ist wie bei den zehn kleinen Negerlein, die immer weniger werden.“

Dazwischen nähert sich der 54-Jährige dem OB von dessen Kindheit über die Jahre als Journalist und Rechtsanwalt bis zur Gegenwart. 24 Stunden Material hat van Hooven zusammengetragen, an die 40 Interviews geführt mit Angehörigen, Journalisten, politischen Mitstreitern und Kontrahenten. Im Archiv von Münchner Merkur und tz wühlte er und hatte sogar Zugang zur Fotoschatulle der Udes. Dabei betont van Hooven: „Wir versuchen, einen 360-Grad-Blick auf Ude zu bieten. Wir wollen ihm kein Denkmal setzen, sondern seine Stärken und Schwächen herausarbeiten.“

Allerdings macht der Mann, der einst Chefredakteur von Pro7 und den Sat.1-News war, aus seiner Faszination für das Objekt seiner Neugier auch keinen Hehl: „34 Jahre mache ich Fernsehen. Aber diese Klarheit der Gedanken, die er eins zu eins reproduzieren kann, und das in einer Form, die eigentlich keiner Korrektur bedarf - da ist Ude ziemlich einzigartig.“ Ein großes Lob von einem, der als Mitarbeiter des Amerika-Korrespondenten Dieter Kronzucker immerhin schon Spitzenpolitiker wie Henry Kissinger und Bill Clinton interviewte.

Christian Ude hatte van Hooven in seinen sechs Jahren als Chefredakteur 68 Mal für eine monatliche Sendung vor dem Mikro - und dennoch haben die Recherchen für seinen Film ihn oft noch überrascht. „Mich hat verblüfft, wie weit links Ude als junger Mann war. Früher ist er dafür eingetreten, dass die Leute kostenlos mit dem MVV fahren dürfen sollen. Heute sitzt er in seinem Büro und muss erklären, dass er das Geld braucht.“

Freilich findet der Journalist viele der Entscheidungen des Politikers auch kritikwürdig. „Etwa dass er, was seine Nachfolge anbelangt, in den letzten Jahren nicht sichtbar aktiv gewesen ist. Da gab es keinen, den er öffentlich neben sich hat groß werden lassen.“ Dass Ude es als Ministerpräsident versuchen will, findet er plausibel: „Es ist für einen Politiker konsequent, dass er sich die nächste Herausforderung vornimmt. Diese Mär, dass er mit 65 auf Mykonos sitzt und Steine ins Wasser schmeißt, an die darf man ohnehin nicht denken. Der Mann wird sich nicht langweilen müssen.“

Genauso wenig wie van Hooven selbst: Wenn Ude kandidiert, werden er und seine Mitarbeiter ranklotzen müssen. „Man könnte dann noch ein Kapitel drehen. Wenn er wirklich ja sagt, ist es interessant, Reaktionen zu bekommen.“ Trotz dieser Ungewissheit ist van Hooven auch froh, den Großteil seines Materials schon im Kasten zu haben: „Viele der Interviews sind in der Annahme geführt worden, dass Ude pensioniert wird. Politiker denken anders, wenn sie merken, da tritt nochmal einer an. Von daher denke ich, dass das ganz wichtig war, um Objektivität in die Dokumentation zu bringen.“

Die große Premiere der „Udedoku“ jedenfalls soll „ein Event“ werden. „Interessante Menschen aus der Münchner Stadtgesellschaft“ werde er einladen, sagt Jörg van Hooven. „Bis hin zu Ministerpräsident Seehofer. Wir sind sehr gespannt, wer da zusagt und wer nicht.“

Johannes Löhr

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