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Kam das Gift aus dem Boden? Volker Schenk in seiner alten Wohnung an der Rockefellerstraße.

Jetzt will er klagen

Mann ist sicher: „Dieser Boden hat mich vergiftet“

München - Kurz nachdem Volker Schenk in eine neue Wohnung gezogen war, fühlte er sich schwer krank. Sein Verdacht: Schädliche Stoffe im Fußboden haben ihn vergiftet. Doch der Bund, dem das Haus gehört, sieht keine Beweise – jetzt will Schenk klagen.

Als die Symptome im Februar 2013 begannen, glaubte Volker Schenk an eine schwere Grippe. „Ich war plötzlich immer erschöpft, hatte nachts Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, Schwindel“, erinnert er sich. „Ich war völlig am Ende.“ Etwa zwei Wochen zuvor war Volker Schenk umgezogen – und mittlerweile ist er sich sicher, dass die neue Wohnung an der Rockefellerstraße in Milbertshofen ihn krank gemacht hat. Sein Verdacht: Schadstoffe im Bodenkleber, sogenannte „polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe“ (PAK), haben ihn vergiftet.

Volker Schenk, der früher als Ingenieur tätig war und mittlerweile von Sozialhilfe lebt, war über die neue Wohnung zunächst sehr froh. Er hatte lange gesucht und mietete schließlich ein Mansarden-Doppelzimmer in dem Appartement. Küche und Bad teilte er sich mit anderen Bewohnern. Trotz seiner Beschwerden folgte er Ende Februar 2013 der Einladung eines Freundes nach Mexiko, blieb mehrere Monate. Dort verschwanden die Symptome. Doch sobald Volker Schenk im Juni wieder in seiner Wohnung lebte, kehrten auch die Beschwerden zurück. Da schöpfte Schenk Verdacht, recherchierte im Internet – und stieß auf PAK-Fälle in Bundesimmobilien.

Das Haus an der Rockefellerstraße wird von der „Bundesanstalt für Immobilienaufgaben“ (BImA) vermietet, die deutschlandweit Liegenschaften des Bundes verwaltet. Das Unternehmen hat nicht zum ersten Mal mit PAK-Problemen zu tun: „Es sind in der Vergangenheit PAK-Belastungen in bundesanstaltseigenen Wohnungen im Zusammenhang mit der Verwendung von teerhaltigem Kleber bei der Befestigung von Parkettböden aufgetreten“, heißt es auf Anfrage. Allerdings: In diesem Gebäude sei „im gesamten Mansardenbereich jedoch kein derartiger Parkettboden vorhanden.“ Dennoch habe das Staatliche Bauamt München Untersuchungen in der Wohnung durchführen lassen – ein sogenanntes Staubscreening und Raumluftmessungen. „Nach den Ergebnissen ist von keiner gesundheitlichen Belastung auszugehen“, heißt es in der Antwort der BImA auf die Anfrage unserer Zeitung. Das beauftragte Ingenieurbüro sehe keinen weiteren Handlungsbedarf, „sodass auch die BImA keinen Anlass hat, die Gründe für die von Herrn Schenk dargestellten Symptome weiter zu untersuchen“. Immerhin sei ja auch keiner der anderen Mieter erkrankt. Man habe Schenk angeboten, ihm bei der Beseitigung des vom Vormieter übernommenen Teppichs zu helfen, das habe er abgelehnt.

Volker Schenk jedoch hält das für den Versuch, Beweise zu vernichten. Es stört ihn, dass ihm und seinem Anwalt das Gutachten des Labors nicht ausgehändigt wird. Nun ist er dabei, ein eigenes Gutachten anzufertigen. Mit seinen Symptomen war er wiederholt beim Arzt, mindestens zwei Notfall-Protokolle zeugen von Schwindel-Anfällen und Erbrechen. „Ich lag drei Wochen im Klinikum Bogenhausen“, sagt Schenk. Schließlich habe ein Arzt in seinem Urin einen vierfach erhöhten Hydroxypyrenwert festgestellt – „ein möglicher Indikator für eine PAK-Vergiftung“, sagt Schenk.

Das bestätigt auch der Umweltmediziner Haiko Reuter, bei dem Schenk in Behandlung war. „Im Urin von Herrn Schenk wurde ein erhöhter Hydroxypyren-Wert gemessen“, sagt er. Dieser Wert ist nach Ansicht des Mediziners „höchstwahrscheinlich durch die Situation in der Wohnung zu erklären“. Hydroxypyren sei „Teil eines Kohlenwasserstoffgemisches“, das unter anderem bei der Holzimprägnierung verwendet werde. „Es kann Krebs, aber auch vielfältige diffuse Beschwerden im Nervensystem und auch davon abhängigen Organen verursachen.“ Im Fall von Volker Schenk sei der medizinische Nachweis einer PAK-Vergiftung aber schwierig: „Das Problem ist, dass wir keine zuverlässigen Messwerte aus der Wohnung haben“, sagt Reuter. Er hält es für „höchst fragwürdig, wie diese Messungen durchgeführt wurden“. Haiko Reuter riet Volker Schenk sofort zu einem Wechsel der Wohnung – und gab ihm das auch schriftlich. In dem Dokument heißt es: „Hiermit attestiere ich Ihnen die Notwendigkeit eines Wohnungswechsels, da aufgrund der Messwerte ein hochgradiger Verdacht auf eine sanierungsbedürftige Mietwohnung besteht.“

Die BImA bot Volker Schenk schließlich ein Zimmer in einem Appartement einige Häuser entfernt an. Aber auch dort wollte Schenk nicht bleiben: „Der Brandschutz war nicht ausreichend“, sagt er. Mittlerweile lebt er außerhalb Münchens, will aber juristisch gegen die BImA vorgehen – und Schmerzensgeld fordern. „Mein Anwalt bereitet derzeit eine Klage vor“, sagt er.

Aber auch Schenk selbst hat bereits seit April eine Räumungs- und Zahlungsklage am Hals – weil er die Schlüssel zu der Wohnung an der Rockefellerstraße nicht herausgeben will und keine Miete mehr zahle, heißt es von der Anwaltskanzlei, die die BImA vertritt. Schenk sei mit 2500 Euro im Rückstand. Er selbst sagt, er habe den Wohnungsschlüssel nur behalten, um sein eigenes Gutachten anfertigen zu lassen – und könne ihn jetzt zurückgeben.

Ob sein alter Fußboden ihn tatsächlich vergiftet hat, muss dann wohl bald ein Gericht entscheiden.

Ann-Kathrin Gerke

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