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Der harte Kern des „Bündnisses Bezahlbares Wohnen“: Andrea von Grolman, Gerhard Lackinger, Norbert Ott, Maximilian Heisler, Thomas Hettich, Friedrich Puhlmann (von links) in Grolmans Wohnzimmer.

Mietinitiativen: Die Rebellen vom Wohnzimmertisch

München - Luxussanierungen, Mietexplosion, Verdrängung der Einheimischen: In vielen Stadtteilen haben sich in den letzten Jahren kleine Initiativen gegründet, um dagegen zu kämpfen. Jetzt schließen sich 16 von ihnen zusammen.

Andrea von Grolman hat ein gemütliches Wohnzimmer. Antike Möbel, ein ovaler Tisch mit bunter Tischdecke, gelbe Narzissen. Es gibt Kaffee, Tee, Butterbrezen und Schoko-Riegel. Von Grolman und ihren fünf Gästen ist es aber nicht nach gemütlichem Kaffeklatsch. Andrea von Grolman und ihre Gäste sind wütend. Wegen den Münchner Mieten, die sich bald keiner mehr leisten kann. Auf Investoren, die Hotels bauen, wo Wohnungen waren. Auf die Politik, die dem zu wenig entgegenzusetzen weiß. Hier, an Andrea von Grolmans gemütlichem Wohnzimmertisch, haben sie in den letzten Monaten gearbeitet an ihrem Ziel – einem unabhängigen Bündnis von Münchner Mietern. Gestern Abend präsentierten sie ihre Forderungen an die Politik.

Mehrere hundert Münchner sind in den 16 Stadtteil-Initiativen organisiert, die sich zum „Bündnis Bezahlbares Wohnen“ zusammengeschlossen haben. Der harte Kern sitzt jetzt wieder an Andrea von Grolmans Tisch, wie so oft in den letzten Monaten. Einer hat sich ins Mietrecht eingearbeitet, einer in den Denkmalschutz, einer kennt die Theorien der Stadtentwicklung.

Sie alle kamen auf die Mieterthemen zunächst, weil sie persönlich betroffen waren, Häuser verkauft wurden, Mieterhöhungen drohten. „Es ist ein Prozess“, erzählt Norbert Ott von einer Mieterinitiative an der Türkenstraße. „Zunächst geht es um das eigene Hemd. Irgenwann um das eigene Viertel. Dann um die ganze Stadt. Und irgendwann merkt man: Es geht alle an.“

Ein Prozess, den sie alle durchlaufen haben. Egal, ob die Lieblingskneipe in Untergiesing geschlossen wurde, weil der Investor sie nicht mehr wollte oder der neue Vermieter Andrea von Grolman ankündigte, die Miete alle drei Jahre um 20 Prozent erhöhen zu wollen.

Das Bündnis will sich nicht als Klassenkämpfer verstehen, kein Feindbild Vermieter aufbauen. „Mehr Sachlichkeit“ in der Debatte wünscht sich Maximilian Heisler, Student, Brille, Schal, der einzige junge Mann im Wohnzimmer.

Gerhard Lackinger ist ein sachlicher Typ. Ganz ruhig erzählt der 66-Jährige seine Geschichte. 2007 kaufte eine Investorengruppe sein Haus. Sein Haus? Lackinger ist zwar Mieter, aber er wohnt seit 33 Jahren an der Damenstifstraße, hat sich hier fürs Alter eingerichtet – und sehr viel Zeit und Geld in die Sanierung seiner Wohnung gesteckt, Elektroleitungen verlegt, Zwischendecken eingezogen. „Dafür blieb die Miete moderat“, so war es mit dem alten Vermieter ausgemacht. Der neue Vermieter versuchte von Anfang an, die Bewohner mit Abfindungen vom Auszug zu überzeugen. Viele verließen das Haus, das „älter ist als das Rathaus“, wie Lackinger nicht ohne Stolz sagt. Lackinger blieb. „Jetzt versuchen sie uns auch klarzumachen, dass es statische Probleme gibt, dass es gefährlich ist“, sagt er.

Schon die letzten Jahre ist sein Viertel nicht mehr dasselbe. Früher hat seine Frau eine dreiviertel Stunde auf ihn gewartet, wenn er kurz eine Zeitung holen wollte, so viel gab es zu ratschen. Man kannte sich, auch hier, mitten im Millionendorf. Aber die Mieten stiegen und stiegen und immer mehr alte Bewohner mussten ausziehen. Bis zu 21,50 Euro Kaltmiete auf den Quadratmeter, erzählt Lackinger, bezahlt man inzwischen in seiner Nachbarschaft. „Nach und nach wurde ein gewachsenes Milieu zerstört“, sagt er. Heute kommt Lackinger deutlich schneller mit der Zeitung nach Hause – und das in ein Haus, fast ohne Menschen. „Mittlerweile stehen 22 von 28 Wohnungen leer“, sagt Lackinger, „es ist gespenstisch.“ Lackinger hat wegen der vielen leerstehenden Wohnungen Angst vor einer Kündigung wegen einer sogenannten „Verhinderung einer wirtschaftlichen Verwertung des Objekts“.

Ganze gespenstische Viertel befürchtet das Bündnis. Dass die Münchner an den Stadtrand gedrängt werden. Dass die neue Bewohner nur gelegentlich einfliegen, wenn sie ins Theater wollen. Dass München schön bleibt, aber unbezahlbar wird. Deshalb treffen sie sich in von Grolmans Wohnzimmer. Deshalb haben sie sich zusammengeschlossen. Deshalb wollten sie ein neues Bündnis. „Ohne Parteibindung!“, betont von Grolman, „es geht rein um die Sache, Bürger für Bürger.“ Sie sagt: „Wenn man hier und da ein paar Wohnungen baut, ist das Problem nicht an der Wurzel gepackt. Wir fragen: Woran liegt das überhaupt?“ An falschen Rahmenbedingungen, finden die Rebellen vom Wohnzimmertisch.

Sie fordern zum Beispiel, den Mietspiegel zu reformieren. „Bei der bisherigen Mietspiegelerstellung dürfen nur veränderte Mieten aufgenommen werden“, sagt Friedrich Puhlmann von einer Mieterinitiative am Perlacher Forst. „So wird er künstlich nach oben getrieben.“ Das Bündnis fordert, auch unveränderte Mieten aufzunehmen und so das Niveau zu senken.

Sorge haben die Aktivisten auch vor den anstehenden energetischen Sanierungen. Bei Sanierungskosten von 20 000 Euro für eine Wohnung dürfen Puhlmann zufolge 183 Euro auf die Normalmiete aufgelegt werden – monatlich. „Die Kosten für den Vermieter sind nach neun Jahren armotisiert“, sagt er. Die erhöhte Miete – die nebenbei den Mietspiegel weiter nach oben treibt – muss auch nach den neun Jahren weiterbezahlt werden. „Wir fordern, dass das wegfallen muss.“

Das Bündnis kritisiert auch den Denkmalschutz. Nach Norbert Otts Meinung zieht er viel zu schnell nicht mehr. „So könnten sie 80 Prozent der Gebäude in der Innenstadt wegreißen“, sagt er. Es sei schon moniert worden, dass in 1880 gebaute Häuser 1890 Toiletten eingebaut wurden – deshalb durfte abgerissen werden. Er fordert, das Kriterium abzuschaffen, dass die Gebäude dem ursprünglichen Zustand entsprechen müssen. Eine andere Forderung ist, dass der Landtag 2013 das Gesetz zur Zweckentfremdung verlängert. „Sonst können sie die Häuser einfach leerstehen lassen“, sagt Thomas Hettich von einer Schwabinger Mieterinitiative. Leerstand als Konzept – die Wohnungen werden erst wieder vermietet oder verkauft, wenn die Preise weiter gestiegen sind.

Jetzt will das Bündnis seine Forderungen lautstark vertreten. „Je mehr wir sind, desto mehr werden wir gehört“, sagt von Grolman. Und es werden immer mehr. Anfangs rief sie noch Initiativen an, von denen sie in der Zeitung gelesen hatte. Inzwischen klingelt oft bei ihr das Telefon. Und so kann es gut sein, dass es am Wohnzimmertisch bald nicht mehr nur ziemlich gemütlich zugeht, sondern auch ziemlich eng.

Felix Müller

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