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Das Klinikum rechts der Isar darf keine neuen Patienten mehr auf die Liste für Lebertransplantationen setzen.

Skandal um Manipulationen

Organ-Skandal: Keine Transplantationen mehr

München - Im Skandal um Manipulationen bei Lebertransplantationen am Klinikum rechts der Isar sind weitere Verdachtsmomente aufgetaucht. Das haben Klinik und Wissenschaftsministerium mitgeteilt. Die Klinik nimmt ab sofort keine neuen Leber-Patienten auf die Warteliste auf.

Die Entscheidung fiel am Freitag gegen 16 Uhr: „Auf Empfehlung seines Aufsichtsratsvorsitzenden Wissenschaftsminister Dr. Wolfgang Heubisch“, so meldete kurz darauf das TU-Klinikum, würden ab sofort keine neuen Patienten mehr auf die Warteliste für Lebertransplantationen aufgenommen. Der Grund: Eine Task Force unter der Leitung des stellvertretenden Ärztlichen Direktors Bernhard Meyer, die derzeit alle Leberverpflanzungen der vergangenen Jahre untersucht, ist offenbar fündig geworden: „Die intensiven Prüfungen der vergangenen Wochen und Monate haben weitere Verdachtsmomente auf Richtlinienverstöße aufgedeckt. Diesen wird im Detail nachgegangen“, ließ FDP-Minister Heubisch in einer Pressemitteilung wissen.

Über Art und Anzahl dieser Verdachtsmomente gab es am Freitag ebensowenig Auskunft wie über den Zeitraum, in dem die betreffenden Operationen durchgeführt wurden. Die Fälle seien noch nicht abschließend untersucht, hieß es zur Begründung aus dem Klinikum.

Persönlich äußern wollte sich der Minister am Freitagnachmittag nicht. Er habe – so ließ er mitteilen – keine Zeit. Eine Sprecherin sagte, bei den neuen Verdachtsmomenten handle es sich um „bereits bekannte Unregelmäßigkeiten“, bei denen „Manipulationen nicht auszuschließen“ seien. Es mache zum jetzigen Zeitpunkt aber „keinen Sinn, sich zu medizinischen Details zu äußern“.

Wie berichtet, hatte die Klinik unter dem Eindruck des Transplantationsskandals von Göttingen und Regensburg begonnen, die eigenen Fälle zu überprüfen – in bisher ungeahnter Tiefe“, wie eine Klinik-Sprecherin mitteilte. Bereits Anfang Oktober war bekannt geworden, dass neun Fälle aus den Jahren 2007 bis 2012 den Fachleuten zumindest fragwürdig vorkamen. Sie wurden der unabhängigen, bei der Bundesärztekammer angesiedelten Prüfungskommission vorgelegt.

Zunächst hatte sich nur in einem Fall der Verdacht erhärtet, dass Laborwerte manipuliert worden sein könnten, um den Patienten auf der Warteliste nach oben zu rücken. Aus dem Ministerium war bereits mit spürbarer Erleichterung verbreitet worden, die Unregelmäßigkeiten am Rechts der Isar seien weitaus weniger dramatisch einzustufen als in Regensburg. Gerüchte über weitere Verstöße – so soll ein Patient entgegen den Richtlinien trotz Krebs-Metastasen eine Spenderleber bekommen haben – wurden nie bestätigt.

Heubischs Empfehlung, die Warteliste zu schließen, deutet indes darauf hin, dass es sich bei den nun entdeckten Vorkommnissen nicht um Lappalien handelt.

„Patienten, die bereits jetzt auf der Warteliste stehen, werden weiterhin vom Klinikum betreut und erhalten bei entsprechendem Spenderangebot eine Transplantation“, versichert die Klinik. Doch neue Transplantations-Kandidaten müssten sich an eine andere Klinik wenden, beispielsweise ans LMU-Klinikum Großhadern, wo ebenfalls Lebertransplantationen vorgenommen werden.

Die Neustrukturierung des Transplantationsprogramms am Rechts der Isar wird unterdessen zügig fortgesetzt, meldet das Wissenschaftsministerium. Der Aufsichtsrat des Klinikums hatte beschlossen, die Transplantationsmedizin in einem eigenständigen Zentrum neu zu organisieren.

Parallel zur Klinik-eigenen Task Force hat am Freitag eine Expertenkommission unter Leitung des Wiener Klinikleiters Ferdinand Mühlbacher die Arbeit aufgenommen. Sie soll „die bayerischen Transplantationszentren überprüfen, um Fehler in Zukunft möglichst auszuschließen“, teilte Heubisch mit. Die Kommission werde interne Berichte und Strukturpapiere prüfen und die aktuellen Wartelisten der Zentren kontrollieren.

Peter T. Schmidt und Thomas Schmidt

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