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Zsuzsanna und Lubomir schlafen unter der Wittelsbacherbrücke – schon den ganzen Winter.

Bei klirrender Kälte unter der Brücke

-15 Grad: Lage für Münchens Obdachlose immer dramatischer

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München - Bei klirrend kalten minus 15 Grad Celsius schlafen Münchens Obdachlose unter den Brücken. Die Lage wird immer dramatischer. Die „Teestube“ hilft - doch sie ist überlastet.

Klirrende Kälte unter der Wittelsbacherbrücke. Es ist Nacht, die Spaziergänger haben es sich längst daheim auf der Couch gemütlich gemacht. Doch unter den steinernen Brückenbögen regt sich Leben: Aus einem chaotisch wirkenden Berg von Decken streckt sich eine Hand. Es ist Zsuzsanna (42), die sich hier mit ihrem Mann Sandor (40) zum Schlafen gelegt hat – bei Temperaturen von minus 15 Grad, wie vorige Woche, und kommende Woche wird es wieder so kalt.

„Ja, sehr kalt“, klopft sich die Ungarin die Hände auf die Schultern, um sich etwas aufzuwärmen. „Zu Hause nicht so kalt.“ Wieso sie mit ihrem Mann an der Isar lebt? „Wohnung daheim zu teuer, keine Arbeit, suchen hier Arbeit.“ In ihren vier Monaten in München hat sie schon einige Brocken Deutsch gelernt. Doch für einen richtigen Job reicht es für beide nicht. „Kein Deutsch, keine Arbeit“, zuckt sie die Schulter und kriecht in ihr Zelt aus Decken zurück.

Die Ungarin Zsuzsanna und ihr Mann Sandor haben sich ein notdürftiges Quartier unter der Wittelsbacherbrücke zusammengezurrt.

Im Verschlag nebenan der Bulgare Lubomir (54). Er schlägt sich wie die Ungarn mit Gelegenheitsjobs durch – wie Straßenkehren. Auch er kam in seiner Heimat nicht über die Runden. „Kommunismus war gut, jeder Arbeit und Haus“, sagt er. Es gibt Menschen, die Mitleid haben: Die Ismaninger Kantinenköchin Karin Schmiderer und ihr Mann Raymond Hiebl haben eine warme Suppe vorbeigebracht. „Ich verfolge das hier seit 35 Jahren, ich hatte selbst eine schwere Kindheit und weiß, wie schnell man abrutschen kann“, so Hiebl. Das Paar kümmert sich auch um Piko (31) und Tina (38), ein Schwabe und eine Regensburgerin mit Drogenproblemen, die aus einer vom Jobcenter finanzierten Pension geflogen sind, weil es Streit mit Mitbewohnern gab.

Ein paar Hundert Meter weiter das gleiche Bild: Auch unter der Reichenbachbrücke sieht man Verschläge, in Unterführungen oder in Hauseingängen liegen nachts Menschen.

Auch Piko (2. v. r.) und Tina (r.) schlafen im Freien. Karin Schmiderer (l.) und Raymond Hiebl kümmern sich um die Obdachlosen, versorgen sie mit warmem Essen und Matratzen.

Die Stadt schätzt die Zahl derer, die auf der Straße leben, auf 550. Dabei gäbe es den städtischen Kälteschutz in der Bayernkaserne mit 1000 Plätzen oder die Obdachlosenheime. Doch nicht alle wollen in diese Unterkünfte: „Manche denken, sie können sich nicht in geschlossenen Räumen aufhalten“, erklärt Franz Herzog von der Teestube „Komm“, wo sich die Obdachlosen tagsüber aufwärmen (siehe unten). Andere hätten Angst vor zu viel Nähe in den Mehrbettzimmern. Zudem fürchteten viele, beklaut zu werden. Dabei gebe es abschließbare Spinde und Wachpersonal – allerdings auch Alkoholverbot, für manche ein Hindernis. Viele Obdachlose hätten psychische Krankheiten. Die Streetworker der Teestube suchen die Menschen regelmäßig an ihren Schlafplätzen auf und versuchen sie davon zu überzeugen, wenigstens die kältesten Nächte in der Bayernkaserne zu überbrücken. Herzog: „Es ist harte Arbeit, das Vertrauen der Menschen aufzubauen.“ Doch meistens gelinge es, die Menschen zur Fahrt in die Kaserne zu bewegen.

Eine zweite Teestube muss her!

Die Zustände sind kaum mehr erträglich: Die Teestube „Komm“ an der Zenettistraße ist seit Wochen brechend voll. Männer und Frauen in dicken Jacken drängeln sich hier, umklammern ihren Kaffee. Sie leben auf der Straße oder stehen davor, obdachlos zu werden. Seit Jahren nimmt der Andrang in der Teestube zu, weil die Zahl der Wohnungslosen steigt. Nun geht es langsam nicht mehr – eine zweite Teestube muss dringend her!

Die Teestube „Komm“ ist überlastet.

„Es sind eindeutig mehr Obdachlose geworden“, sagt Franz Herzog, der die Teestube – eine Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks – leitet. Täglich von 14 bis 20 Uhr können sich Menschen hier aufwärmen und duschen, Wäsche waschen, soziale Kontakte pflegen. „Es ist jeden Tag proppenvoll“, sagt Herzog. Die 70 Sitzplätze reichten nicht mehr aus für die täglich bis zu 150 Menschen. Das Publikum: „neben Einheimischen viele Bulgaren und Rumänen, Spanier, Polen, Italiener“. Wenn es so eng sei, herrsche oft eine „sehr explosive Stimmung“, sagt Herzog. Viele Nationalitäten träfen aufeinander, jeder bringe einen Rucksack voller Probleme mit. Oft werde die Teestube nur von zwei Ehrenamtlichen gemanagt. „So geht es nicht weiter“, sagt Herzog. „Irgendwann wird es einen ernsten Vorfall geben.“

Darum arbeiten er und sein Kollege Christof Lochner nun daran, eine zweite Teestube auf den Weg zu bringen. Derzeit werde ein Konzept entworfen. Eine Sprecherin des Sozialreferats bestätigt: „Es gibt Gespräche.“

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema „Die Armut wird sichtbarer“ sowie eine Reportage über die Arbeit des Münchner Kältebusses.  

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