"Mir reicht’s!"

Genervter Richter stellt Prozess ein

München - Weil verworrene Zeugenaussagen Zweifel an der Tat weckten, hat ein Münchner Richter einen Prozess wegen Körperverletzung kurzerhand eingestellt.

Ein Faustschlag ins Gesicht eines 13-jährigen Mädchens - hätte sich dieser Vorwurf bewahrheitet, wäre der vielfach vorbestrafte Andreas H. (48) wohl in der Psychiatrie gelandet. Doch das Landgericht stellte das Verfahren gegen ihn am Freitag vorläufig ein. Ausschlaggebend dafür war ausgerechnet die Aussage der Mutter des Opfers. Mit verworrenen Angaben strapazierte sie die Nerven des Vorsitzenden Richters dermaßen, dass er am Ende sagte: „Mir reicht’s.“ Was war passiert?

Im September 2011 trafen Mutter und Tochter in der U 1 am Wettersteinplatz auf Andreas H. Laut Anklage kam es zum Streit, weil die 13-Jährige dem Mann beim Aussteigen nicht genug Platz machte. Nachdem er das Mädchen als „Schlampe“ und „Kanacke“ und sie ihn als „Hurensohn“ bezeichnet hatte, soll er der 13-Jährigen auf der Rolltreppe ins Gesicht geschlagen haben. Letzteres bestreitet Andreas H. - er habe nur seinen Ellbogen nach hinten ausgefahren. „Ich wollte meine Ruhe haben.“

Die spektakulärsten Verbrechen Münchens

Die spektakulärsten Verbrechen Münchens

Doch Mutter und Tocher hatten bei der Polizei von einem Faustschlag gesprochen. Nun sollte das Schwurgericht unter dem Vorsitz von Stephan Kirchinger die Sache aufklären. Doch als die Mutter der 13-Jährigen im Zeugenstand Platz nahm, war von einer Faust plötzlich keine Rede mehr. „Er hat sie geschubst“, erklärte die Frau mehrfach. Verletzt worden sei niemand. Erst als Kirchinger aus ihrer Polizeivernehmung zitierte, fiel ihr der Schlag wieder ein. Doch da war ihre Glaubwürdigkeit bereits dahin: „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“, fragte Kirchinger. „Es wundert mich schon sehr, dass Sie sich nicht mehr erinnern, dass ein erwachsener Mann Ihre Tochter mit der Faust geschlagen haben soll.“

Eine Verurteilung hätte für Andreas H. weitreichende Folgen gehabt - denn er ist 28 Mal vorbestraft. Diebstahl, Betrug, Körperverletzung, Vergewaltigung: quer durchs Strafgesetzbuch reichen die Einträge. Mehrfach war H. in Haft, auch derzeit sitzt er im Gefängnis und schuldet dem Staat außerdem noch eine Geldstrafe. Wegen einer Borderline-Störung und seiner Neigung zu Gewalttaten war Andreas H. bereits von 2004 bis 2006 in der psychiatrischen Klinik in Haar untergebracht. Nun ging es vor Gericht um die Frage, ob er dorthin zurückkehren muss.

Am Ende reichten die Beweise dafür nicht: „Der Nachweis eines Faustschlags ist unwahrscheinlich“, sagte Kirchinger - noch bevor die 13-Jährige selbst angehört wurde. So blieb vom Vorfall in der U-Bahn noch die Beleidigung. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft sah das Gericht aber von einer Verfolgung ab. Die daraus zu erwartende Strafe, so Kirchinger, falle neben der noch offenen Geldstrafe „nicht beträchtlich ins Gewicht“.

Ann-Kathrin Gerke

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Münchner Mieten-Wahnsinn zu Ende? Studie stellt gewagte These auf
Die Wahnsinns-Mieten in München sollen im vergangenen Jahr billiger geworden sein. Diese gewagte These stellt eine aktuelle Studie auf. Das steckt hinter den Zahlen.
Münchner Mieten-Wahnsinn zu Ende? Studie stellt gewagte These auf
Das Handbuch für Einheimische und Neuankömmlinge: Mit „Neu in München“ 2020 die Stadt entdecken
“Neu in München“ 2020: Das Handbuch für Zugezogene und Einheimische – in unserem Magazin finden Sie Tipps, Reportagen und Interviews für das ganze Jahr.
Das Handbuch für Einheimische und Neuankömmlinge: Mit „Neu in München“ 2020 die Stadt entdecken
Eskalation in S-Bahn: Münchner legt plötzlich Arm um Nebenmann - danach wird es richtig brutal
Ein 18-Jähriger steigt mit seiner Freundin (15) in eine S-Bahn und setzt sich neben einen 20-Jährigen, der Musik hört. Als er ihn anfasst, eskaliert die Situation.
Eskalation in S-Bahn: Münchner legt plötzlich Arm um Nebenmann - danach wird es richtig brutal
Kostenlose Aktivitäten in München: Diese Geheimtipps sollten Sie unbedingt kennen
Die Landesmetropole gilt als teuerste Stadt in Deutschland. “Neu in München“ 2020 stellt Aktivitäten vor, die nichts kosten.
Kostenlose Aktivitäten in München: Diese Geheimtipps sollten Sie unbedingt kennen

Kommentare