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Klagt gegen die Münchner Samenbank: Miriam K. will den Namen ihres leiblichen Vaters erfahren.

Klage gegen Münchner Samenbank

Miriam will wissen, wer ihr biologischer Vater ist

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Miriam K. steht längst auf eigenen Beinen. Dennoch beschäftigt sich die 32-Jährige derzeit vor allem mit ihrem Vater. Denn diesen kennt sie bislang noch gar nicht.

München - Meterhoch türmen sich die Wellen an der Atlantikküste. Miriam K. steht am Strand und betrachtet das Spektakel. „Ich bin froh, dass es mich gibt“, sagt die 32-Jährige, während der Wind in ihrem Telefon rauscht. Zum Surfen ist die Managerin in den Norden Portugals geflogen, sie sucht im Urlaub Entspannung. Und bereitet sich innerlich auch auf einen der wichtigsten Termine ihres Lebens vor.

Am Münchner Landgericht hat Miriam K. eine Klage eingereicht, die weitreichende Konsequenzen haben könnte. Am 19. Juli verhandeln die Richter, ob ein Arzt darüber Auskunft geben muss, wer der leibliche Vater der 32-Jährigen ist. In dessen Praxis ist Miriam K. mittels Samenspende gezeugt worden, heute fordert sie die Herausgabe der Spenderdaten - sie will wissen, wer ihr leiblicher Vater ist. Es ist die erste Klage eines Spenderkindes gegen die Münchner Samenbank.

Acht Jahre lang vergeblicher Kinderwunsch

„Meine Mutter erinnert sich noch genau an diesen Tag“, sagt Miriam K. Der 22. Februar 1984. „Es war ihr Geburtstag, als sie den Termin hatte.“ Damals, im Münchner Süden. Mit einem sehnlichen Kinderwunsch hatten sie und ihr damaliger Mann nach Spezialisten gesucht, die ihnen eine Schwangerschaft ermöglichen - denn auf natürlichem Wege hatte es acht Jahre lang nicht geklappt. Durch die Samenspende aber schon: Am 19. November 1984 kam Miriam K. zur Welt.

Nur fünf bis zehn Spender gab es damals - pro Jahr. Mit deren Samen wurden mehrere Patientinnen behandelt. „Meinen Eltern wurde wohl gesagt, dass sie nicht darüber sprechen dürfen“, sagt Miriam K. An die Anweisung haben sich die Eltern lange gehalten. Bis zum Sommer 2015, als die Mutter ihr die Geschichte ihrer Zeugung erzählte. „Für mich hatte sich damit einiges aufgeklärt“, sagt die 32-Jährige.

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Vater sieht Miriam gar nicht ähnlich

Die Ähnlichkeit zur Mutter war immer da: helle Haut, hellblaue Augen, blondes Haar. Ihr Vater, mit dem sie aufgewachsen war, ist optisch das Gegenteil: eher dunkel, braune Haare. Wie ihr wirklicher Erzeuger aussieht? „Ich habe Glück, dass der behandelnde Arzt noch lebt. Solange habe ich Chancen, an die Daten zu kommen“, sagt Miriam K.

2015 hatte sie Wolf-Heinrich Bleichrodt (73) geschrieben, er leitet die Samenbank in Solln. Die Antwort: Angeblich seien keine Informationen zur Behandlung ihrer Mutter auffindbar. Damit will sich die Managerin nicht zufrieden geben: „Es ist ein anerkanntes Grundrecht zu wissen, wie man gezeugt wurde!“

Spender nach Aussehen und Charakter ausgewählt

„Ich verstehe die Frau und würde ihr gerne helfen“, sagt der Reproduktionsmediziner. Aber: „Wir haben keine Spenderdaten mehr. Sie wurden einvernehmlich vernichtet, das wollten die Paare auch so.“ Ausgewählt worden seien die Samenspender damals lediglich nach Aussehen und Charaktereigenschaften. „Gespendet haben die Männer nur, weil sie anonym bleiben konnten“, so Bleichrodt. Heute ist die anonyme Samenspende nicht mehr erlaubt.

Der Prozess nun sei „wegweisend“, meint Wolf-Heinrich Bleichrodt. „Die Richter müssen endlich klären, wie wir mit solchen Fällen umgehen.“ Miriam K. geht es um das Recht auf die eigenen Daten - die Daten ihres Vaters.

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Die wichtigsten Fragen und Antworten

In Deutschland ist nach Darstellung des Bundesfamilienministeriums fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. Zu den Ursachen gehören medizinische Probleme, aber auch die Tatsache, dass Paare ihren Kinderwunsch immer weiter aufschieben. Für alle, die zum Beispiel wegen ihres Alters nicht mehr schwanger werden können, stellt die künstliche Befruchtung eine Möglichkeit dar. Außerdem darf sich jede Frau ihre eigenen Eizellen einfrieren lassen, um zu einem späteren Zeitpunkt Mutter werden zu können.

Nicht erlaubt ist in Deutschland hingegen die anonyme Samenspende. Hintergrund dieser Regelung ist, dass ein Kind die Möglichkeit haben soll, zu erfahren, wer sein biologischer Vater ist.

Verboten ist auch die Leihmutterschaft, bei der eine Frau ein Baby für ein anderes Paar zur Welt bringt. Untersagt ist darüber hinaus die Eizellspende.

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Stichwort: Samenbank

Zwei große Samenbanken gibt es in München: das Zentrum für Donogene Insemination (ZDI) - und die 1983 von Dr. Wolf Bleichrodt gegründete „Cyrobank“. Diese leitet heute Bleichrodts Tochter, die Psychologin Contanze Bleichrodt. Rund 80 Euro bekommen die Männer zwischen 20 und 45 Jahren dort pro qualitativ hochwertiger Spende (30 Euro sofort, 50 Euro bei Abschluss des Spendenzyklus, wenn die Probe gut ist). Jeder Mann darf maximal zehn bis 15 Kinder zeugen. Viele Spender haben studiert. Rund 70 bis 80 aktive Spender stehen zur Auswahl.

Andreas Thieme

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