Das Bild zeigt die kleine Monika mit Schultüte und ihrer Erzieherin ("Mutti").

Misshandelt von „Mutti“: Geschichte eines Heimkindes

München - Geschlagen mit dem Teppichklopfer, angeleint wie ein Hund: Monika Wiesböck, 57, ist einst als Heimkind in München schlimm misshandelt worden. Jetzt hofft sie auf eine Entschädigung – auch, um ihre Therapie bezahlen zu können.

Sie musste sie „Mutti“ nennen. Kein Name, nur „Mutti“. Als wären sie Mutter und Tochter. In Wahrheit war „Mutti“ Erzieherin im Städtischen Waisenhaus in München-Nymphenburg. Und sie war böse zur kleinen Monika, dem Heimkind. Wenn „Mutti“ mit Monika spazieren ging, leinte sie das Kind an. „Wie einen Hund“, sagt Monika Wiesböck heute.

„Mutti“ schlug auch zu. Mit der Hand. Mit dem Kochlöffel. Mit dem Teppichklopfer. Zum Beispiel, wenn die Kinder sich weigerten, saure Milch zu schlucken. Nach Schlägen ging es dann doch. „Wir hielten uns die Nase zu und mussten sie warm trinken.“ Selbst Hosen waren den Mädchen im Kinderheim verboten. Nur Röcke durften sie tragen. Oder wenn sie heimlich Schlager hörte: ganz schlimm. Schlager waren „schweinisch“. Wiesböck: „Schweinisch, das war eines ihrer Lieblingswörter.“

15 Jahre lang, von 1956 an, wuchs Monika Wiesböck im Heim an der Münchner Waisenhausstraße auf. Heute ist sie 57, sie wohnt in Kreuth im Kreis Miesbach, dort, wo die CSU immer ihre Tagungen abhält. Monika Wiesböck war verheiratet, sie hat zwei Söhne, beide studieren. Sie selbst arbeitet in einem Krankenhaus. Ein ganz normales Leben. Aber es hätte auch ganz anders verlaufen können.

Drei Selbstmordversuche hat Monika Wiesböck überlebt, einmal warf sie sich einen Fön in ihr Badewasser. Mit 300 Stunden Psychoanalyse kämpfte sie gegen ihre Erinnerungen an. Erinnerungen an Gewalt und drakonische Strafen aller Art. Und an „Mutti“ aus dem Städtischen Waisenhaus.

Als vor drei Jahren die Debatte über die Misshandlung von Heimkindern in Gang kam, wurden vor allem Einrichtungen der Kirche angeprangert. Aber Monika Wiesböck sagt: „Nicht nur die katholische Kirche war unmöglich.“ In kommunalen Einrichtungen sei es nicht besser gewesen. Sie sitzt ganz ruhig am Tisch, blättert in ihrem Fotoalbum. Schwarz-Weiß-Bilder, ordentlich eingeklebt. Die Bilder hat zum Großteil ihre Erzieherin geknipst. Sie zeigen Monikas Kindheit, ein nett lächelndes Mädchen. Gestellte Bilder. „Solche Fotos konnte ich nicht ausstehen“, hat Monika Wiesböck an den Rand einer Albumseite geschrieben. Sie will endlich ihre Version der Geschichte erzählen.

Ins Gerede waren die Kinderheime schon einmal gekommen, in den 1960er-Jahren. Die Studenten rebellieren, die Schlagwörter sind Emanzipation und Befreiung. Die Außerparlamentarische Opposition (APO) prangert in einer „Heimkampagne“ die „repressiven Bedingungen“ in den Kinderhäusern an. Ganze Gruppen fliehen aus den Heimen, darunter ist Peter-Jürgen Boock, der sich später dem Terrorismus zuwendet und als RAF-Mitglied lange Jahre im Gefängnis sitzt.

Auch Monika Wiesböck hat rebelliert – auf ihre Weise. „Körperlich gesund und kräftig, sehr leicht streitig und aufbrausend, hat sicher von der Mutter eine Portion Unbeherrschtheit, ja Grobheit mitbekommen“, so beschreibt sie 1966 der Waisenhaus-Leiter Andreas Mehringer. Schon als Baby ist Monika in Heimen. Zunächst im Pasinger Säuglingsheim. Dann, ab 1956, mit zweieinhalb Jahren, im Städtischen Waisenhaus. Die Einrichtung gibt es heute noch, unter anderen Vorzeichen.

„Meine Mutter war asozial, sie war sogar im Gefängnis“, sagt Monika Wiesböck, ohne eine Miene zu verziehen. Ihre Mutter, heute 87, lebt unter anderem Namen in einem Seniorenheim in München. Seit über 40 Jahren hat Monika Wiesböck nicht mit ihr geredet. Sie weiß gar nicht, warum sie als Baby im Heim landete. Sie hat nicht einmal ein Foto von ihr. Das einzige, geknipst bei einem der ganz seltenen Besuche ihrer Mutter im Waisenhaus, hat sie zerrissen. Was sie heute bereut.

Wie es im Waisenhaus zugeht, bekommt auch ihr Vater mit, ein Slowene, der ihr aus seiner Heimat gelegentlich eine Postkarte zu Ostern oder Weihnachten schickt – und als Adresse schlicht „Kindergefängnis Waisenhausstraße“ draufschreibt. Die Karten befördert die Deutsche Bundespost anstandslos. Monika kommt in eine heimeigene Sonderschule („Hilfsschule“), später in die Mittelschule. Dort gibt es keine Namen für die Kinder, sondern Nummern. „Ich war Nummer 12.“ Der Lehrer übt Kriegslieder mit seinen Schützlingen. Wer nicht pariert, bekommt Schläge. „Der hat mir einmal so eine geschmiert, dass ich vom Stuhl gefallen bin.“

Leiter des Städtischen Waisenhaus ist ein gewisser Andreas Mehringer (1911-2004), damals eine Autorität auf dem Gebiet der Sozialfürsorge. Er gibt Seminare an der Münchner Uni über „Heimerziehung für familienlose Kinder“ und „Sozialpädagogik in der Schule“. Sein Buch „Eine kleine Heilpädagogik“ zählt zu den Klassikern. Ein Reformer, der die Kinderheim-Pädagogik modernisierte. Mit Worten. Nicht mit Taten?

Diesen Andreas Mehringer beschuldigt Monika Wiesböck schwer. „Herr Mehringer schlug persönlich zu“, berichtet sie. „Ich habe ihn immer als bedrohliche letzte Instanz gesehen.“ Mehringer griff ein, wenn die Erzieherinnen „zu schwach“ waren. Einmal warf die kleine Monika, erst drei oder vier, ein Kissen aus dem Fenster. Sie wurde ins Büro des Leiters zitiert. „Er schlug mich voll mit der flachen Hand ins kleine Kindergesicht.“ Einmal wollte Monika, damals elf Jahre alt, einen Pullover nicht anziehen. Wieder schlug Mehringer zu. Kein Einzelfall, wie sich herausstellt. „Uns sind in weiteren Fällen Berichte von Gewaltanwendungen durch Herrn Mehringer gegenüber Heimkindern bekannt“, sagt Andreas Danassy vom Münchner Sozialreferat auf Anfrage.

Die Behörden sind wachgerüttelt: Nach Jahren der Untätigkeit gibt es seit diesem Jahr eine bayerische Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder, bei der sich schon über 200 Betroffene gemeldet haben. Sie haben – wie wahrscheinlich auch Monika Wiesböck – Anspruch auf Entschädigung aus einem mit 120 Millionen Euro gefüllten Fonds für „Folgeschäden aus der Heimerziehung“. Noch hat die Auszahlung nicht begonnen. Monika Wiesböck würde gerne weitere Therapiestunden mit Geld aus dem Fonds bezahlen.

Auch die Stadt München bemüht sich um Aufarbeitung. Ein Historiker wird eine Studie erstellen, der Oberbürgermeister sich bei den Betroffenen entschuldigen, die zwischen 1950 und 1975 in städtischen Heimen lebten. So hat es der Stadtrat beschlossen.

Im Sozialreferat liegen die Akten von Monika Wiesböck. Allerdings: Ihre komplette Akte hat die 57-Jährige noch nicht. Vor dem Aktenvernichtungsverbot, das 2009 erlassen wurde, seien viele Dokumente nach Ablauf einer 30-jährigen Aufbewahrungsfrist wohl schlicht im Schredder gelandet, vermutet Referats-Sprecher Danassy. Immerhin: „Wir bemühen uns, Frau Wiesböck alle Akten in Kopie zukommen zu lassen.“

Einen wichtigen Teil ihrer Akte kennt sie schon. Mit 17 verlässt Monika Wiesböck das Waisenhaus. Weil ihre Akte offen im Büro liegt, kann sie kurz einen Blick darauf werfen. Und erfährt, dass sie einen Stiefbruder hat. Heinz-Günther, ein wenig älter als sie, lebte in der Maria-Theresia-Kinderbewahranstalt in München-Haidhausen. Mit sechs Jahren wird er von einer amerikanischen Familie adoptiert. Weder erfährt Monika Wiesböck den Namen der Familie, noch den Wohnort. Die Behörden blocken ab.

Heute sagt Monika Wiesböck: „Das Jugendamt München hat uns einen erheblichen Teil unseres gemeinsamen Lebens gestohlen.“ Erst im Sommer 2009 erfährt sie über eine Kontaktperson mehr. Heinz-Günther heißt heute Mike. Sie tauschen E-Mails aus. Und: An diesem Sonntag fliegt Monika Wiesböck nach Washington. Erstmals wird sie ihren Stiefbruder treffen. Mike sagt, wenn seine Adoptiveltern gewusst hätten, dass er eine Schwester hat, hätten sie auch sie adoptiert. Monika Wiesböck weiß: Dann wäre auch ihre Geschichte anders verlaufen.

Dirk Walter

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