Nach der Sanierung der Türme ist das Kirchenschiff an der Reihe.
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Nach der Sanierung der Türme ist das Kirchenschiff an der Reihe.

Baustelle Frauenkirche: Türme sieben Jahre eingerüstet

München - Mindestens sieben Jahre lang verdecken Gerüste die Silhouette der Münchner Domtürme. Danach ist über Jahre hinweg mit Bauarbeiten am Kirchenschiff zu rechnen. Die Sanierung der Kirche hat begonnen.

Dass der Patient Frauenkirche schwerkrank ist, bemerkten die Experten im Jahr 2001, gerade einmal fünf Jahre nach Abschluss einer sechsjährigen Sanierung. Die Fassade, so mussten die Fachleute erkennen, war an vielen Stellen so brüchig, dass Putz- und Gesteinsbrocken abzustürzen drohten. Zweimal im Jahr wurden die Türme seither mit Spezialkränen befahren, um Gefahrenstellen zu sichern oder auszubessern, erläuterte der Leiter des staatlichen Bauamts München I, Kurt Bachmann, gestern bei einer Pressekonferenz.

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Nun wollen die Sanierer nicht länger kleckern, sondern klotzen – mit einem „Programm zur langfristigen Erhaltung des historischen Bauwerks“.

Als Hauptübeltäter haben die Experten Feuchtigkeit ausgemacht. Sie dringt durch unzählige Risse in Fugen und Ziegeln ein und sucht sich ihren Weg in tiefere Mauerschichten. Eberhard Wendler, der das Projekt naturwissenschaftlich betreut, will nicht ausschließen, dass die Sanierung der 90er-Jahre diesen Prozess beschleunigt hat: Ungeeigeter Mörtel bewirkt, dass einmal eingedrungenes Wasser nicht mehr aus der Mauer herausfindet.

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Ein wichtiger Punkt im derzeitigen Sanierungsplan lautet daher: „Austausch aller in der letzten Sanierungsphase erneuerten Bereiche“. Regressansprüche gegen die damaligen Sanierer gebe es wohl kaum, so Bachmann. „Da sind keine Fehler in dem Sinn gemacht worden. Man hat’s halt nicht anders gewusst.“

Das soll nicht noch einmal passieren. So aufwändig wie nie zuvor wird deshalb seit 2007 erforscht, was die Fassade bröckeln lässt und wo welche Schäden zu reparieren sind. Bis September soll die Kartierung dauern, in der der Zustand jedes Ziegelsteins festgehalten wird. Eine immense Aufgabe – immerhin hat jeder der beiden Domtürme rund 4000 Quadratmeter Außenfläche.

Erschwert wird die Arbeit dadurch, dass die Fassade des 1468 bis 1488 erbauten Doms ein Flickerlteppich ist. Schon die Erbauer kombinierten Ziegel und Naturstein. Drei Sanierungsphasen – 890 bis 1930, Nachkriegs-Reparaturen sowie 1990 bis 1996 – brachten eine Vielzahl weiterer Ziegel- und Mörtelarten ins Spiel, deren chemische Wechselwirkung unkalkulierbar. Noch sind sich die Fachleute nicht sicher, wie das Problem zu lösen ist. Mit einem Sortiment unterschiedlicher Maßnahmen hoffen sie, die Feuchtigkeit allmählich und behutsam aus dem Mauerwerk zu bekommen – ein Prozess, der Jahre dauern kann.

Zurück zu den Ursprüngen, lautet dabei die Devise der Sanierer. Einfache Ziegel- und Mörtelmixturen, wie die Erbauer sie verwendet haben, seien nicht nur jahrhundertelang erprobt, sondern auch leichter zu durchschauen als Hightech-Werkstoffe, sagt Wendler. Zudem gehe es darum, die historische Bausubstanz zu erhalten.

Die Standfestigkeit des Turms sei trotz aller Probleme nicht beeinträchtigt, betont Bachmann. Auch die Pläne zum Bau eines zweiten U-Bahn-Tunnels machen Domdekan Lorenz Wolf keine Sorgen. Gefahren für das Bauwerk seien dabei nicht zu erwarten, erklärte er.

Der vorläufige Zeitplan der Sanierer: Bis Ende 2012 soll die Reparatur des derzeit eingerüsteten Nordturms abgeschlossen sein, dann wechselt das Gerüst für weitere drei Jahre zum Südturm. 2016 beginnt die Sanierung des Kirchenschiffs. Die 18 Meter hohen Fenster, die notdürftig gegen Einsturz gesichert werden mussten, sollen ab 2011 repariert werden.

Bachmann rechnet mit jährlichen Kosten von 400 000 bis 500 000 Euro. Mehr lasse sich schon aus logistischen Gründen nicht verbauen. Zahlen wird gemäß den Konkordats-Bestimmungen zunächst die Kirche. Erst wenn deren Leistungsfähigkeit ausgeschöpft ist, muss der Staat einspringen. Doch Domdekan Lorenz Wolf ist zuversichtlich, ohne Steuermittel auszukommen. Auch einen Streit um Gerüst-Werbung will Wolf gar nicht erst aufkommen lassen: Die Domtürme, so versicherte er, würden auch in der Bauzeit reklamefrei bleiben.

Peter T. Schmidt

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