Mord in Obersendling

Er tötete, weil er die Wohnung wollte

München - Der Mörder von Katrin Michalk ist gefasst: Ein offenbar psychisch kranker 19-Jähriger, der mit seiner Mutter in der Nähe des Tatorts lebte - und sein Opfer zufällig auswählte.

Wenn sie heute Abend ins Bett geht, wird sie zum ersten Mal seit drei Wochen ruhig schlafen können. „Es ist endlich vorbei“, sagt Hue N. (75). „Er ist weg.“ Er - das ist der Mann, der am 4. Januar ihre Nachbarin mit 18 Messerstichen ermordet hat. Katrin Michalk starb im Hausflur des Anwesens an der Halskestraße, nur wenige Meter entfernt von der Wohnung, in der Hue N. mit ihrem Mann Phuc (79) lebt. Sie hörten noch die Hilferufe der sterbenden Frau, doch es war zu spät.

Bis zuletzt gab es kaum Hinweise auf den Täter - für die Anwohner begann eine Zeit der Unruhe. „Ich lag nachts wach und hatte Angst, dass er kommt“, erzählt die 75-jährige Vietnamesin. Ihre Wohnung liegt direkt neben den vier Wänden von Katrin Michalk und ihrem Lebensgefährten. Schließlich räumte die Rentnerin eine metallene Leiter vor die Balkontür - damit es scheppert, wenn jemand einsteigt.

Er war auf der Suche nach einem Opfer

Lange tappte die Polizei bei den Ermittlungen im Dunkeln. Umso mehr sieht man Markus Kraus, Leiter der Münchner Mordkommission, die Erleichterung an, als er am Freitag mitteilten kann: Der Mord ist geklärt. Die Ermittlungsergebnisse schockieren: Demnach hat sich der 19 Jahre alte Marco F. am Abend des 4. Januars ein Messer genommen und die elterliche Wohnung an der Boschetsrieder Straße verlassen, um sich bewusst ein Mordopfer zu suchen. In seiner Vernehmung erzählte der geistesschwache Schüler, er habe sich auf diese Weise eine Wohnung verschaffen wollen.

Das Haus der Familie F. liegt nur einige hundert Meter entfernt vom Tatort. Es ist still im Hausflur am Freitag, keiner der Nachbarn will über den Mann reden. Friedl Dietrich, 66, lebt im Haus nebenan. „Der Mord war ein Riesenthema in der Nachbarschaft“, sagt sie. „Unglaublich, dass der Täter hier gewohnt hat.“ Die meisten Anwohner, so berichtet sie, hatten bis zuletzt an eine Beziehungstat geglaubt. Mehrmals sei die Polizei bei ihnen gewesen, der Garten wurde abgesucht. Von ihrer Haustür aus kann Friedl Dietrich den Tatort sehen - „ein ganz komisches Gefühl war das“. Dass es dem Mann nur um die Wohnung ging, kann sie kaum glauben. „Ich dachte, er hat die Frau schon seit längerem beobachtet.“

Doch die Polizei ist sich sicher: Es gab zuvor nie einen Kontakt zwischen Katrin Michalk und ihrem Mörder. Nach den bisherigen Ermittlungen lief sie dem jungen Mann gegen 21 Uhr zufällig über den Weg. F. verfolgte die 31-Jährige bis zu ihrer Haustür an der Halskestraße - die Verlagsangestellte bemerkte davon aber höchstwahrscheinlich nichts, auch weil sie mit Kopfhörern Musik hörte. Erst als sie die Tür aufgesperrt hatte, fiel ihr Marco F. auf, weil er sich mit in das Treppenhaus drängte. Nach einem kurzen Wortgefecht zog der 19-Jährige das Messer und stach heftig auf sein Opfer ein. So heftig, dass die Klinge abbrach - der Griff aber blieb verschwunden. Insgesamt zählten Rechtsmediziner später 18 Stichwunden. Nachbarn fanden die blutüberströmte Frau im Treppenhaus, verständigten den Rettungsdienst und holten den Lebensgefährten von Katrin Michalk aus der gemeinsamen Wohnung. Doch noch bevor der Notarzt kam, war die junge Frau verblutet.

Frau in Obersendling ermordet: Hier geschah die Bluttat

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Marco F. gelang zunächst die Flucht. In seiner Vernehmung erklärte er nun, dass er weggerannt sei, als er die Nachbarn bemerkt habe. Eigentlich hatte er nach eigenen Angaben geplant, das Opfer in dessen Wohnung zu bringen und dann dort einfach selbst einzuziehen.

Seit dem Tattag liefen die Ermittlungen der Mordkommission auf Hochtouren. Bis zu 30 Beamte waren in der Sonderkommission (Soko) „Aidenbach“. Hunderte Spuren wurden verfolgt, dutzende Verwandte, Kollegen und Freunde befragt - doch zunächst stellte sich kein konkreter Fahndungserfolg ein. Bis zu diesem Donnerstag. Entscheidend war der Hinweis eines Polizisten: Wie Markus Kraus berichtet, hatte bereits am 7. Januar ein Beamter der Obersendlinger Inspektion die Soko auf Marco F. aufmerksam gemacht, weil dieser offenbar Gewaltphantasien habe. Im vergangenen Jahr war der Schüler aufgefallen, weil er angeblich von einem anderen Mann eine Pistole kaufen wollte. In seiner Vernehmung erklärte Marco F. damals jedoch, lediglich damit geprahlt zu haben, einen Raubüberfall begehen zu wollen. Auch das Stadtjugendamt und das Gesundheitsamt waren damals laut Polizei auf die Familie hingewiesen worden - die alleinerziehende Mutter und ihr Sohn hätten aber alle Hilfsangebote ungenutzt gelassen.

In seinem Zimmer lag der Griff des Messers

Nach dem Hinweis ihres Kollegen standen die Mordermittler zwei Mal vergeblich vor der Tür der Familie F. - der Schüler war nicht daheim. Als er auch eine schriftliche Vorladung unbeantwortet ließ, fuhr ein zivile Streife am Donnerstagmorgen zu der Wohnung an der Boschetsrieder Straße. Und plötzlich ging alles sehr schnell: Die Beamten sahen einen abgebrochenen Messergriff im Zimmer des 19-Jährigen liegen - und blutige Kleidung. Daraufhin deutete Marco F. offenbar sofort an, etwas mit dem Mord zu tun zu haben. Er wurde festgenommen.

Während der Vernehmungen bei der Mordkommission fügten sich dann alle Spuren-Puzzleteile in ein Bild. Laut Kraus wurde beim Landeskriminalamt festgestellt, dass der Messergriff zu der abgebrochenen Klinge vom Tatort passt. Außerdem stimmte eine Speichelprobe von Marco F. mit DNA-Spuren an Katrin Michalks Leiche überein.

Wegen seiner irrwitzigen Erklärungen zu seinem Motiv wurde Marco F. am Freitag von einem Psychiater untersucht. Zum genauen Krankheitsbild wollte die Münchner Staatsanwaltschaft vorläufig keine Angaben machen. Unklar ist auch, seit wann diese offenbar schwere psychische Störung vorliegt. Polizeilich aufgefallen war der 19-Jährige bislang nur mit einem Diebstahl. Der Ermittlungsrichter ordnete nun die Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie an.

In Obersendling kann nun Ruhe einkehren. „Wir sind unglaublich erleichtert“, sagt Hue N. Ihre metallene Leiter hat sie gestern wieder in den Keller gebracht.

Von Sven Rieber und Ann-Kathrin Gerke

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