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Staatsanwalt Laurent Lafleur.

Mordfall Brunner: Bis Sonntag unterschreibt ER die Anklage

München - Als Ankläger für Kapitaldelikte bei der Staatsanwaltschaft gehören Mord und Totschlag zu seinem Alltag. Doch was am 12. September 2009 am Sollner S-Bahnhof geschehen ist, lässt auch Laurent Lafleur nicht kalt.

„Das steht sittlich auf allerniedrigster Stufe“, sagt der Staatsanwalt über die Brutalo-Schläger Markus S. und Sebastian L. (damals 18 und 17). Sie haben das Leben von Dominik Brunner auf dem Gewissen. Bis zum Sonntag wird Lafleur die Anklage gegen die beiden unterschreiben!

Am 31. Januar um 24 Uhr verstreicht laut Informationen der tz die interne Frist bei der Staatsanwaltschaft München I: Dann räumt Chefankläger Lafleur nach dreieinhalb Jahren seinen Schreibtisch. Der 35-Jährige wird Familienrichter am Amtsgericht. Prägend in Erinnerung sind seine Worte am Tag nach der Tat: „Den Tätern ging es um Vergeltung und Rache!“

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Aus der Pressestelle der Staatsanwaltschaft teilte Thomas Steinkraus-Koch mit, dass die beiden Heranwachsenden wegen Mordes nach dem Jugendstrafrecht angeklagt werden sollen: „Als Obergrenze stehen zehn Jahre Haft.“ Auch Christoph T. (17), der als Anstifter der beiden Schläger gilt, wird sich verantworten müssen. Gut möglich, dass dies in einem abgetrennten Prozess erfolgt. Steinkraus-Koch wollte dies weder ausschließen noch bestätigen. Christoph T. soll seine Kumpels aufgefordert haben, es den beiden Mädchen und Buben „richtig zu besorgen“. Von diesen wollte das Trio Bargeld erpressen. 15 Euro, die die auf die schiefe Bahn geratenen Jugendlichen wohl in Alkohol und Drogen investieren wollten. Wie so oft.

An der Donnersberger Brücke stieg Christoph T. aus der S-Bahn. Markus S. und Sebastian L. hingegen schüchterten die vier anderen Jugendlichen weiter ein. Deshalb mischte sich Dominik Brunner ein, stellte sich schützend vor sie, rief die Polizei. Als er mit den Buben und Mädchen in Solln ausstieg, eskalierte die Situation. Mit 22 Schlägen und Tritten droschen die beiden wie von Sinnen auf den erfolgreichen Manager einer Dachziegelfabrik ein. Um 18.20 Uhr verstarb Brunner im Krankenhaus. Die qualvollen letzten Minuten seines Lebens sind auf Tonband festgehalten. Auf Brunners Handy wurde die Wahlwiederholung gedrückt: Es war die Nummer der Polizei.

Für die Anklage sind zudem die unterschiedlichen Zeugenaussagen wichtig: Einer gab an, dass Brunner selbst eine Kampfeshaltung eingenommen und zugeschlagen habe. Andere Fahrgäste sagten aus, dass die Schläger ihr Opfer sofort auf brutalste Weise attackierten. „Die Bewertung dieser Aussagen ist ein ganz wichtiger Punkt“, betont Steinkraus-Koch. Auch er weiß, dass die Verteidiger versuchen werden, dies in ihre Verteidigungsstrategie einzubauen.

Für die Ermittler schmälert Brunners Schlag – sollte er tatsächlich erfolgt sein – die Schuld von Markus S. und Sebastian L. nicht. Sie dürften ihn als Notwehr einstufen. Der Ausgang des Dramas hat für Chefankläger Lafleur damit ohnehin nichts zu tun: „Wenn man jemanden, der bereits am Boden liegt, wehrlos, hilflos, noch weiter gegen den Kopf tritt“, müsse ein Täter erkennen, dass sein Opfer zu Tode kommt. Diese „niedrigen Beweggründe als Motiv machen einen Totschlag zu einem Mord!“

Wann der Prozess beginnt, ist Sache des Landgerichts. Zudem könnte es sein, dass die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Diese Möglichkeit besteht, weil Sebastian L. noch nicht volljährig war, als er so brutal zuschlug.

Stefan Dorner

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