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Polizeioffizier Ulrich K. Wegener, gespielt von Benjamin Sadler (2. v. r.), erkennt als erster, dass die Terroristen über die Medienberichterstattung von der geplanten Stürmung des Gebäudes erfahren haben.

"München 72": Hier spricht der echte General Wegener

München - Das ZDF stellte in "München 72" die dramatischen Ereignisse der Olympischen Spiele 1972 nach. General Ulrich K. Wegener war damals vor Ort. Seiner Meinung nach hätte das Blutbad verhindert werden können.

Die Angst vor Terrorismus ist allgegenwärtig. Vor 40 Jahren war das noch anders, zumindest in Deutschland. Der Übergriff von Palästinensern auf die Olympischen Spiele 1972 in München war ein Schock. Die „Stunde Null des internationalen Terrorismus“ nennt der damalige General Ulrich K. Wegener den Moment, als die Attentäter das Olympische Dorf stürmten und israelische Sportler als Geiseln nahmen. Ihre Befreiung endete in einem Blutbad mit 17 Toten. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher richtete daraufhin eine Spezialeinheit unter Leitung seines Adjutanten Wegener ein, die GSG 9. Wegener hat die Ereignisse damals hautnah miterlebt. Er sei regelrecht traumatisiert gewesen, sagt er im Interview mit unserer Zeitung. Sein erster Gedanke damals: „Das darf nicht noch einmal passieren in Deutschland.“

Bilder aus dem ZDF-Film "München 72"

Bilder aus dem ZDF-Film "München 72"

Bilder aus dem ZDF-Film "München 72"
Herr Wegener, der ZDF-Film „München 72“, der am Montag im Fernsehen lief, zeigt, dass Sie mit den Plänen zur Befreiung der israelischen Geiseln nicht einverstanden waren. Wie hätten Sie damals entschieden?

Wegener: Hinterher ist man natürlich immer klüger. Aber ich hätte

Ulrich K. Wegener, ehemaliger GSG9-Kommandeur

die Entscheidung im Olympischen Dorf gesucht, nicht auf dem Militärflughafen in Fürstenfeldbruck. Man hätte eine systematische Lagebeurteilung im Olympischen Dorf machen müssen, Kräfte bereitstellen müssen. Man hat keine Spezialkräfte gehabt. Aber man hatte ja auch Zugriffskräfte bei der Polizei. Das Wichtigste war, dass man die Presse hätte fernhalten müssen und die Fernsehsender. Der ganze Bereich hätte abgesperrt werden müssen.

Wäre die Geiselnahme dann anders verlaufen?

Wegener: Ich bin überzeugt davon. Ich kann natürlich heute gut darüber reden. Aber ich bin überzeugt, dass es erfolgreicher gewesen wäre. Ich kann natürlich nicht garantieren, dass es ohne Tote abgegangen wäre. Aber bestimmt besser als in Fürstenfeldbruck.

Woran fehlte es?

Wegener: Es fehlte eine präzise Einsatzleitung vor Ort, die war nicht vorhanden. Jeder hat reingeredet. Es gab einige Leute, die Ansätze gemacht haben, etwas durchzuführen, aber es waren alles halbe Sachen. Es war kein vernünftiges Lagebild vorher erstellt worden und keine Lagebeurteilung. Und die Kräfte waren nicht richtig eingesetzt.

Wäre so etwas heute auch noch möglich?

Wegener: Heute ist das ganz anders. Wir haben seit damals eine ganz andere Strategie und Taktik in der Terrorismusbekämpfung entwickelt. Das war der Beginn einer systematischen Bekämpfung, sowohl beim Bundeskriminalamt wie auch bei den Spezialeinheiten und bei der GSG 9. Ich glaube, so etwas wäre heute nicht mehr möglich.

Sie waren der erste Kommandeur der Spezialeinheit GSG 9. Worauf kam es Ihnen bei dieser Einsatztruppe an?

Wegener: Ich wollte etwas völlig Neues schaffen, eine völlig unkonventionelle Einheit, die es bisher nicht gab. Die musste unkonventionell in der Konzeption sein, in der Ausbildung, in der Ausrüstung und auch in der Führung. Dass das überall nicht gerade mit Begeisterung gehört wurde, kann man sich vorstellen.

Was haben Politik und Sicherheitskräfte daraus gelernt?

Wegener: Gott sei Dank hat man aus den Lehren von München 72 viel gelernt. Wir haben heute eine Strategie der Terrorismusbekämpfung, auch durch die Schaffung von Zentren, zum Beispiel des gemeinsamen Abwehrzentrums zur Islamismusbekämpfung. Jetzt wird ein gleiches Zentrum geschaffen für die Bekämpfung des Rechtsterrorismus, das hätte man schon längst machen müssen. Alles hat dazu geführt, dass wir heute in Europa eine Terrorismusbekämpfung haben, die sich sehen lassen kann. Daran gibt es keinen Zweifel. Wir haben in Deutschland bis auf wenige Einzelfälle, die alle durch die GSG 9 erledigt wurden, keinerlei große Anschläge mehr gehabt seitdem.

Wie haben Sie damals die Fortsetzung der Spiele empfunden?

Wegener: Ich fand das etwas eigenartig. Auf der einen Seite hatte ich Verständnis. Das Organisationskomitee hatte ja die ganze Welt eingeladen, zu uns zu kommen. Natürlich wollten sie auch einen Erfolg haben. Aber im Hinblick auf die Opfer war das nicht gut, das ist meine persönliche Meinung.

Nach dem Attentat waren Sie in Israel, um sich über die Arbeit der dortigen Spezialkräfte zu informieren. Wie wurden Sie dort empfangen?

Wegener: Erst sehr zurückhaltend. Wir haben sehr heftige Diskussionen gehabt, auch über taktische Maßnahmen und über die Taktik und Strategie, die die Israelis auch dort in den besetzten Gebieten anwenden. Ich habe vieles aufgenommen. Vieles war für mich neu, anderes nicht. Eines habe ich gelernt, das war ganz wichtig: Eine Spezialeinheit kann man nur aufbauen und entwickeln, wenn man sich auf jeden einzelnen Mann verlassen kann. Das Auswahlprinzip muss entsprechend sein. Man kann nicht jeden Mann in die Spezialeinheit einberufen.

Die Filmemacher sagten, es sei von der Politik damals viel unter den Teppich gekehrt worden. Was könnte das sein?

Wegener: Ich kann das nicht beurteilen, ich war nicht Mitglied des Krisenstabes. Aber ich kann mir das lebhaft vorstellen, dass nicht alle Einzelheiten bisher veröffentlicht worden sind.

Interview: Cordula Dieckmann

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