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Der tz.de- und merkur.de-Redakteur Haakon Nogge (46) vor dem Lenbachhaus. Freundliches Personal, problemloser Museumsbesuch.

Museen, Konzerte, Kinos

Münchner Kultur barrierefrei: Der große Test

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München - Wer im Rollstuhl unterwegs ist, hat es besonders im Winter schwer: Wir machen den Kultur-Test: Wie barrierefrei sind Münchens Konzerthallen, (Musik-)Theater, Kinos und Museen wirklich?

Wenn’s kalt ist, ist Kulturzeit. Die Auswahl ist riesig – wer aber im Rollstuhl unterwegs ist, scheut vielleicht den Ausflug. Denn obwohl München auch heuer wieder die barriereärmste Stadt Deutschlands ist, ist noch längst nicht alles optimal.

Ich heiße Haakon Nogge, bin Online-Redakteur, 46 Jahre alt und seit meiner Geburt querschnittsgelähmt. Hier berichte ich meine Erfahrungen und gebe Ihnen Tipps für den stressfreien Kulturbesuch.

Als Rollstuhlfahrer in München: Diese Tipps sollten Sie beherzigen

Da man als Sitzender unter lauter Stehenden schon ab der zweiten Reihe nur noch Hinterteile erblickt, sind Pop- und Rock-Konzerte oft problematisch. Podeste für Vierrädler, von denen aus diese über die Köpfe des Publikums hinweg freie Sicht auf die Bühne genießen können, sind rar. Das Tollwood etwa geht hier mit gutem Beispiel voran. Ansonsten bleibt es meist dem Veranstalter überlassen, ans Wohl der rockenden Rollis zu denken. Und der wäre schön blöd, wenn er sich einen Haufen Extraarbeit mit dem Aufbau der Podeste aufhalsen würde. Weil’s zudem weniger Platz fürs Fußvolk und damit weniger Einnahmen zur Folge hat …

Tipp 1: Bereits früh vor Ort sein und schnellstmöglich einen Platz in der ersten Reihe ergattern. Bei kleineren Veranstaltungsorten wie dem Ampere etwa, ist das kein Problem. Doch mit mehreren Hundert bis Tausend jubelnden, tanzenden und oft nicht mehr ganz nüchternen Menschen im Rücken, wird der Abend zum Überlebenstrip. Einmal dort abgestellt, gibt es kein Zurück mehr. So denn überhaupt eine Rolli-Toilette vorhanden ist, rückt diese während des Konzertes in unerreichbare Ferne. Was die Einnahme von Getränken angeht, ist daher größte Zurückhaltung angesagt.

Der Sicherheitsgraben zwischen Fan-Absperrung und Bühne wäre eine Lösung, doch der ist für Rollis tabu, dort müssen schließlich Security-Personal und Fotografen ihrer Arbeit nachgehen.

Tipp 2: Viele stellen sich daher ganz vorne an den Rand, in der Hoffnung, hin und wieder zumindest einen kurzen Blick auf die Stars erhaschen zu können. Das ist zwar weder optisch noch akustisch optimal, doch wie so oft ist auch hier Kompromissbereitschaft angesagt.

Tipp 3: Kontaktieren Sie beim Kartenkauf immer erst den Veranstalter, am besten telefonisch. Das geht unkomplizierter. Denn manchmal gibt es spezielle Rollstuhlfahrer-Tickets, die nicht im regulären Vorverkauf zu erwerben sind. Zudem lässt sich hier gleich vorab klären, ob die Begleitperson ermäßigten und sogar freien Eintritt hat – und wo man sich (nicht) hinstellen kann.

Jazz

Rollstuhlfahrer, denen der Sinn mehr nach Jazz steht, sind in der Unterfahrt gut aufgehoben. Wer bei der Online-Reservierung um einen rollstuhlfreundlichen Platz bittet, bekommt ihn auch. Ein Rolli-Klo ist vorhanden, den Schlüssel dazu gibt’s an der Bar. Ins Kellergewölbe des Einstein gelangt man über den Lift im hinteren Treppenhaus. Da dieses stets abgesperrt ist, schickt man am besten seine Begleitperson hinunter, ein Mitglied des Personals kommt dann und macht auf.

Pop- und Rockkonzerte

Tonhalle, Muffathalle und das Zenith sowie das Kesselhaus sind komplett ebenerdig und mit einem Rolli-Klo ausgestattet. Rolli-Parkplätze finden sich direkt vor der Location.

In der Olympiahalle gibt es Rollstuhl-Plätze oberhalb der Ränge bei den Stehplätzen.

In der großen Olympiahalle (Zugang über Eingang Ost) sitzen die Rollstuhlfahrer oberhalb der Ränge bei den Stehplätzen. Der Zutritt zur Arena bleibt verwehrt. Die sorgenfreie Entsorgung der Speisen und Getränke ist dank zweier Rolli-Klos (Personal sperrt auf) gewährleistet. Auf dem Parkdeck Olympiaturm gibt’s mehrere Behinderten-Parkplätze.

Gasteig

Der Gasteig (hinten sehen Sie die Philharmonie).

Im Gasteig sind hat alle Säle, Institute und Unterrichtsräume barrierefrei erreichbar. Achtung: Die Säle dürfen nur mit Begleitperson besucht werden (Brandschutz). In der Philharmonie gibt’s 15 Rolliplätze, im Carl-Orff-Saal zehn, im Kleinen Konzertsaal drei und in Blackbox und Bibliotheks-Vortragssaal je vier.
An der S-Bahnstation Rosenheimer Platz gibt’s einen Lift. Bis zum Gasteig sind’s etwa 200 Meter. Die Gasteig-Tiefgarage hat 19 Behinderten-Parkplätze . Sie sind kostenlos, wenn Sie Ihren Ausweis („G“, „aG“) vorzeigen.

Theater/Musiktheater

An allen bayerischen Staatstheatern gibt es Ermäßigungen für Schwerbehinderte. Dabei erhalten Rollstuhlfahrer kostenlosen Eintritt, die Begleitperson zahlt die Hälfte des regulären Kartenpreises. Personen mit Sehbehinderung sowie deren Begleitperson zahlen jeweils nur die Hälfte, die Begleitperson des Besitzers eines Schwerbehindertenausweises mit dem Vermerk „B“ zahlt nichts.

Residenz- und Cuvilliés-Theater: Zugang ebenerdig. Rolli-Plätze (vier im Resi, zwei im Cuvilliés) jeweils im hinteren Parkett. Beh.-WC: Resi 1, Cuvilliés 2. Induktionsschleife für Besucher mit einem Hörgerät, Funkübertragung auf Kinnbügelhörer (Pfand).

Marstall: Zugang ebenerdig. Anzahl der Rolli-Plätze abhängig vom Bühnen-Aufbau.

Kammerspiele: Foyer und Parkett des Schauspielhauses, Spielhalle und Werkraum bar­rierefrei zugänglich. Begrenzte Anzahl von Rollstuhlplätzen (Karten nur telefonisch oder an der Theaterkasse erhältlich). Ermäßigung: 50 % ab 50 % GdB für Behinderte und Begleitperson („B“ im Ausweis). Beh.-WC: ja. Beh.parkplätze: Maximilianstraße (5). Verleih von Induktionsempfängern oder drahtlosen Kopfhörern (Pfand), ausgewählte Vorstellungen mit Gebärdensprache.

Volkstheater: Zugang über Rampe, schwere Eingangstüren. Große Bühne barrierefrei zugänglich. Rolliplätze: 2-3 (vorher anmelden, Karten an der Theaterkasse erhältlich, Eintritt frei). Rolli-WC: ja. Beh.parkplätze: vor dem Gebäude an der Brienner Str. (3).

Deutsches Theater: Zugang ebenerdig. Zugang zu allen Ebenen (Lifte). Rolli-Plätze: 8 (Balkon). Mehrere Beh.-WCs. Begleitperson Pflicht, Rollis frei, Karten vor Ort an der Theaterkasse oder telefonisch. Grad der Behinderung mind. 50 %, für Begleitperson (B): 50% Ermäßigung. Behinderten-Parkplätze: Landwehrstr. 20 (2), Garage (Zufahrt Schwanthalerstr.): 2 (vorher anmelden). Induktive Höranlage auf ausgewählten Plätzen.

Das Nationaltheater verfügt insgesamt über vier Plätze für Gehbehinderte

Nationaltheater: Zugang über Seiteneingang Maximilianstraße ebenerdig. Beh.-WC: 1. Rang (Lift). Rollstuhl-Stellplätze: 2 x 2 (neben Reihe 19, Parkett), Begleitpersonen sitzen daneben bzw. in der Nähe – zwei Plätze sind für schriftlichen Vorverkauf reserviert (ab drei Monate im Voraus erhältlich), zwei für telefonischen Vorverkauf (ab neun Wochen im voraus). Abendkasse: Stufen, Tageskasse, Beh.-Parkplätze in der Maximilianstraße 8 (5) und am Max-Joseph-Platz 2 (2). Induktionsleitungen im Parkett, Balkon und 1. Rang

Staatstheater am Gärtnerplatz: Zugang am Seiteneingang in der Reichenbachstraße. Beh.-Parkplätze: vor dem Theater (3). Barrierefreies WC: ja. Rollstuhlplätze: 4 (Parkett). Induktionsleitung im 1., 2. und 3. Rang

Komödie im Bayerischen Hof: Zugang ins Hotel ebenerdig, Karten an der Rezeption, Lift führt ins Theater (Personal). Rollstuhl-Stellplatz: 1 (7. Reihe rechts außen), Karten-Reservierung für sich und Begleitperson telefonisch, Rolli freier Eintritt. Beh.-WC: ja (direkt beim Ausgang). Beh.-Parkplätze: 2 (Prannerstr. 7).

Kinos

In Kinos stehen Rollstuhlfahrer normalerweise am Rand. Wenn sie sich nicht auf einen der regulären Plätze umsetzen, kommt die Begleitperson meist umsonst rein. Gerade kleinere und ältere Kinos sind oft nicht zugänglich – und falls doch, haben sie nur in Ausnahmefällen ein Rolli-Klo. Letzteres findet man aber ebenfalls eher selten bei den größeren, mit modernster Technik ausgestatteten Lichtspielhäusern. So hat etwa auch das ­Cinema keines. In dessen Saal sind drei Stellplätze für Rollstuhlfahrer vorgesehen, die in der Online-Reservierung zwar auftauchen, anklicken kann man sie jedoch nicht. Hier ist das gute alte Telefon gefragt.

Auch bei den Multiplex-Kinos gibt es Einschränkungen. So kommt man im Cinemaxx zwar in alle Säle hinein, nur in drei der sieben kann man jedoch im Rollstuhl sitzen bleiben (Stellplätze sind in der letzten Reihe), in den anderen muss man sich umsetzen. Eine Online-Reservierung ist nicht möglich. Eine behindertengerechte Toilette ist ebenso vorhanden wie Rolli-Parkplätze (im Parkhaus). Lobenswert: Eine Gratis-App bietet Audio-Beschreibungen für Menschen mit Sehbehinderung an, mit einer anderen können Gäste mit Hörbehinderung die Untertitel zu den Streifen auf dem eigenen Handy ablesen.

Alle 14 Säle im Mathäser sind zugänglich.

Im Mathäser sind alle 14 Säle voll zugänglich und mit zwei (in Saal 6 mit sechs) Stellplätzen ausgestattet. Diese befinden sich hinter der letzten Reihe, meist kann die Begleitperson jedoch nicht direkt neben dem Rollstuhlfahrer sitzen. Dafür ist der Eintritt bei Vorlage des Schwerbehindertenausweises reduziert. Eine behindertengerechte ­Toilette ist vorhanden, in diese ­kommen jedoch auch Fußgänger rein. Rolli-Parkplätze gibt es in der Prielmayerstr. 7 sowie im Karstadt Parkhaus.

Museen

Gibt es ermäßigte Eintrittspreise, gelten diese bei Vorlage des Schwerbehindertenausweises meist auch für Rollstuhlfahrer. Der Überblick:

Staatliche Antikensammlung: nicht barrierefrei

Glyptothek (eingeschränkt barrierefrei): Zugang über steile bekieste Rampe an der Rückseite des Gebäudes, schwere Eingangstür. Auch innen ist nicht alles ebenerdig. Behinderten-WC: nein. Positiv: spezielle Führungen für Blinde (das Anfassen einiger Exponate mit Handschuhen ist hier erlaubt), Verleih von Klapphockern. Behinderten-Parkplätze: Luisenstraße. 29 (zwei Stück).

Staatliches Museum Ägyptischer Kunst:Zugang zum Haus, Shop, Auditorium und Garderobe barrierefrei. Jede Ebene zugänglich (Lifte). Behinderten-WC vorhanden. Unterfahrbare Mediatafeln bei den Exponaten. Regelmäßige Führungen für Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigung. Führungen für Sehbehinderte und Blinde (Anfassen ausgewählter Exponate ausdrücklich erlaubt, Ausstellungsstücke in Braille erklärt, taktile Leitlinien am Fußboden erleichtern Nutzern eines Blindenstocks die Orientierung). Führungen für Gehörgeschädigte und Gehörlose mit speziell geschulten Gästeführern (Lippenlesen!). Führungen für Menschen mit kognitiven Einschränkungen (geistig behinderte Menschen und psychisch Kranke). Rollstuhlverleih.

Alte Pinakothek: Zugang zum Haupteingang mit Rampe. Jede Ebene zugänglich (vier Lifte). Behinderten-WC: ja. Beh.-Parkplätze: Nordseite sowie an der Theresien-/Ecke Barer Straße. Verleih von Roll- und leichten, tragbaren Faltstühlen.

Neue Pinakothek: Rampe abwärts zum Restaurant, Klingel für Tür, zwischen den Sälen: Rampen. Beh.-WC: ja (4). Beh.-Parkplätze: Theresien- bzw. Theresien-/Ecke Barer Straße. Roll- und Faltklappstuhl-Verleih. Zugang zum hauseigenen Restaurant (Rampe).

Pinakothek der Moderne: Zugänge (Barerstr. sowie Gabelsberger/- Ecke Türkenstr.) ebenerdig. Jede Ebene zugänglich (2 Lifte, davon einer personalbetrieben). Beh.-WC: ja. Beh.-Parkplätze: 2 (Personalparkplatz an der Gabelsbergerstr.), 2 (Theresienstr. 72).

Haus der Kunst: Zugang: zwei Rampen, innen alles ebenerdig. Jede Ebene zugänglich (Lifte, zum Teil vom Personal bedient). Beh.-WC: ja (2).

Museum Brandhorst: Zugang ebenerdig. Jede Ebene zugänglich (2 Lifte). Beh.-WC: ja (2: Garderobenbereich und Obergeschoss). Beh.-Parkplätze: 2 (vor dem Haupteingang). Mitnahme von Blinden- und Epilepsie-Warnhunden gestattet. Roll- und Faltklappstuhl-Verleih.

Kunsthalle München: Zugang ebenerdig. Jede Ebene zugänglich (Lifte). Beh.-WC: ja. Beh.-Parkplätze: Schrammerstr, 3 und Burgstr. 7. Roll- und Faltklappstuhl-Verleih.

Hinter der Säule geht es im Lenbachhaus zum Aufzug.

Lenbachhaus: Das Jugendstil-Juwel ist komplett barrierefrei. An der Kasse gibt’s einen Plan für den problemlosen Rundgang. Vor Ort sind auch mehrere Rollstühle und Rollatoren (Anmeldung: Tel. 23 33 20 29 oder an der Tageskasse). Eine Behindertentoilette ist im Untergeschoss gegenüber der Garderobe. Blindenhunde sind erlaubt.
Der Kunstbau (U-Bahn-Zwischengeschoss Königsplatz) des Lenbachhauses ist dank einer sehr flachen, langen Rampe bequem zu erreichen. U-Bahn-Lift vorhanden. Auch hier stehen Rollstühle und Rollatoren bereit (s. o.). Behindertentoilette vorhanden.

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