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Das Denkmal: An der Ecke Oberanger, Dultstraße liegen nun auf 90 Quadratmetern bunte Betonplatten – ein Symbol dafür, „dass jeder seinen Platz hat in der Gesellschaft“.

Buntes Pflaster gegen braune Vergangenheit

Denkmal für homosexuelle Opfer der Nazi-Zeit

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Adolf Hitler machte München zur „Hauptstadt der Bewegung“, auch bei der Verfolgung von Schwulen und Lesben zeigte die Stadt besonderen Eifer. Heute wurde am Oberanger ein Denkmal eingeweiht – ein buntes Zeichen gegen ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte.

München - Franz Kopriva muss noch im Bett gelegen haben, als sie am Morgen des 21. Oktober 1934 an die Tür seiner Wohnung in der Seidlstraße klopften. Einer Großrazzia am Vorabend, bei der eine halbe Hundertschaft der Polizei die Stadt durchgekämmt hatte, war Kopriva noch entgangen. Jetzt waren sie also doch da. Den 18-jährigen Mann, den sie unter Koprivas Bett hervorzerrten, ließen sie laufen. Den Schneider Franz Kopriva nahmen die Sittenpolizisten mit. Zwei Tage später kam er nach Dachau. In Koprivas Schutzhaftbefehl stand, er stelle eine „unmittelbare Gefährdung für die öffentliche Ordnung und Sicherheit dar“, er richte besonders „bei der männlichen Jugend unabsehbare Verheerungen“ an.

Franz Kopriva, 34 Jahre alt, schwul – ein Schicksal, das exemplarisch für viele andere in jener Zeit steht. Schon seit den 1920er-Jahren wurden Homosexuelle in München verfolgt wie nirgendwo sonst im Reich. Grundlage der Verfolgung war der 1871 erlassene Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der homosexuelle Handlungen ahndete. 1935 verschärften die Nazis den Paragrafen deutlich, er bestand in dieser Form bis 1969. Erst 1994 wurde er vollständig aufgehoben.

Symbol, dass jeder seinen Platz hat 

Heute, mehr als 80 Jahre nach der großen Razzia in München, bekommen die verfolgten Schwulen und Lesben ihr Denkmal. An der Ecke Oberanger, Dultstraße, wo früher der Schwarzfischer stand, ein Schwulenlokal, liegt heute ein Bodenmosaik aus gefärbten Betonplatten. Die Künstlerin Ulla von Brandenburg hat es entworfen. Als einen Flickenteppich, der zeigen soll, dass jeder seinen Platz habe in der Gesellschaft.

Der Historiker Albert Knoll hat sich seit Jahren dafür eingesetzt, ebenso wie der Rosa-Liste-Stadtrat Thomas Niederbühl. Zunächst hatte es im Stadtrat Bedenken gegeben. Schon wieder ein Denkmal, irgendwann drohe eine „Inflation des Gedenkens“. Knoll sagt: „Die Dimension der Verfolgung ist nicht vergleichbar mit der der Juden oder Sinti und Roma.“ Er arbeitet als Archivar in der KZ-Gedenksstätte Dachau. „Aber Zahlen spielen keine Rolle. Es ist wichtig, zu zeigen: Es gab diese Verfolgung! Und wer weiß, was passiert wäre, wenn die Nazis länger an der Macht gewesen wären.“

Der Mahner: Der Historiker Albert Knoll hat für das Mahnmal gestritten. 

Schwule kamen ins KZ, wurden kastriert oder ermordet

Von 1933 bis 1945 wurden im Deutschen Reich etwa 70 000 Männer wegen Homosexualität abgeurteilt. Die meisten kamen ins KZ – wo sie einen rosa Winkel tragen mussten. Einige wurden kastriert, Tausende kamen um. In zwei der bunten Betonplatten des Denkmals sind heute heute Dreiecke eingelassen – ein rosafarbendes für die Schwulen, ein schwarzes für die Lesben.

Der Leiter des Gaues Oberbayern, Adolf Wagner, nutzte die Verfolgung, um sich in der NSDAP zu profilieren. 1936 wurde sogar eine „Reichszentrale zur Bekämpfung von Homosexualität und Abtreibung“ eingerichtet – in Berlin zwar, die Leitung übernahm aber ein Münchner: Josef Meisinger brüstete sich nach vier Jahren Arbeit damit, 41 000 schwule „Verdächtige“ präsentieren zu können.

Hier trafen sich Homosexuelle in München

Neben dem Schwarzfischer am Oberanger, den auch Klaus Mann besuchte, gab es in München den Arndthof im Glockenbachviertel. Zu den Treffpunkten der Homosexuellen zählten auch die Toilettenanlage („Klappe“) am Stachus, der Hofgarten, der Englische Garten. Die intellektuelle lesbische und schwule „Society“ traf sich im Café Stefanie. Für die Nazis waren Schwule und Lesben Staatsfeinde, die nicht für Nachwuchs sorgten und eine seuchenartige Bedrohung für das deutsche Volk darstellten. „Homosexuelle hatten so gut wie keinen Rückhalt in der Gesellschaft, nicht einmal in den Familien“, sagt Historiker Knoll. Es herrschte Denunziantentum, Homosexuelle mussten ihre Liebesbeziehungen versteckt führen. Auch Lesben wurden verfolgt.

SA-Chef Röhm selbst homosexuell

Zu Lebzeiten des homosexuellen SA-Chefs Ernst Röhm wurden Homosexuelle in München nicht im großen Stil verfolgt. Kurz nach seiner Ermordung plante die Polizei allerdings die Großrazzia, die am Abend des 20. Oktober 1934 durchgeführt wurde. Polizisten durchkämmten Parks, Toiletten, Lokale – Hunderte Männer wurden festgenommen.

Die Sittenpolizei suchte zudem zahllose Männer in ihren Wohnungen auf, die auf den „Rosa Listen“ standen, nach Paragraf 175 vorbestraft waren. 54 Männer kamen nach Dachau, wo Rudolf Höss, später Lagerkommandant in Ausschwitz, das Wachmannhandwerk lernte. Sie mussten dort den rosa Winkel tragen, Tausende kamen um. „Und die freikamen, waren seelische Krüppel“, sagt Albert Knoll.

Einer dieser Männer war der Schneider Franz Kopriva. Seine Spur verliert sich in Dachau.

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