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Seine Amtszeit endet zum 1. Juli: Bildungsreferent Rainer Schweppe.

Bilanz nach sechs Jahren Amtszeit

Abschied des Bildungsreferenten: Herr Schweppe auf wilder Fahrt

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München - Er kam aus Westfalen nach München, sah und packte an: Rainer Schweppe (SPD) hat sechs Jahre lang die Münchner Bildungslandschaft gestaltet. Nun geht der Referent. Nicht freiwillig – doch seine Bilanz kann sich sehen lassen.

Rainer Schweppe mag die feinen Töne. Etwa den, wenn ein Kanupaddel eintaucht. Gluck. Und der Kanute zieht. Rrsch. Gluck. Rrsch. Er mag es, sich elegant durchs Wasser zu bewegen, beharrlich im Takt, das Auge schweifend über den Horizont, ohne große Wellen zu schlagen. So ähnlich wie sein Hobby hätte der 62-Jährige wohl gerne auch sein Amt geführt: Sechs Jahre lang hat er das Referat für Bildung und Sport geleitet. Doch die See war turbulent, und so manche Woge platschte ihm ins Boot.

Er sei Schweppe dankbar, dass er sich aus der westfälischen Kleinstadt Herford an die „reißenden Gewässer der Isar gewagt“ habe, sagte OB Dieter Reiter (SPD) bei seiner Abschiedsrede. Er meinte, dass Schweppe 2010 gewaltigen Aufgaben gegenüberstand: Die Ganztagsschule steckte in den Kinderschuhen. Tausende Krippenplätze fehlten, der Rechtsanspruch für Ein- und Zweijährige stand vor der Tür. Schulen platzten aus den Nähten, viele Gebäude waren marode. Zugleich wuchs München rasant: von 94 000 Schülern im Jahr 2010 auf 101 000 im laufenden Schuljahr.

Schweppe begab sich auf eine Wildwasserfahrt ins Ungewisse. Der studierte Verwaltungswirt wusste nicht, dass die Bevölkerungszahlen so explodieren würden, wie die Millionenstadt, das Rathaus und das mit 15 000 Mitarbeitern größte Referat ticken. Er habe die Herausforderungen „offensiv angepackt“, lobte Reiter. Dazu gehörte der Schulbau, der jahrzehntelang vernachlässigt worden war. Eine so „umfassende Schulentwicklungs-Planung“ wie seit 2012, sagte Schweppe unserer Zeitung, habe es in München vorher noch nie gegeben. Er ließ Container aufstellen, den Bestand prüfen und entschied: Mindestens 40 Neubauten, zig Sanierungen und Erweiterungen bis 2030. Gestaffelt in Programme und Pakete, um die Beschlüsse zu beschleunigen.

„Es ist unglaublich viel passiert in diesen sechs Jahren“, sagt Schweppe, als könne er nicht fassen, dass er in solchen Dimensionen mitgestaltet hat und letztes Jahr nur ein einziges Mal zum Kanufahren kam. Er schuf mehr als 15 000 neue Kita-Plätze, so dass die befürchtete Klagewelle ausblieb. Und er baute die Betreuungsplätze für Schüler aus – insbesondere in der Ganztagsschule, für die er mit Überzeugung einstand. Wobei er immer gegen den Strom ruderte: Was er an Erfolgen verbuchte, fraß der Zuzug schnell auf. 2010 waren 69 Prozent der Schüler mit einem Platz versorgt, heute sind es immerhin 74 Prozent. Schweppes Ziel waren 80, der Bedarf liegt bei 86 Prozent.

Doch das war nicht die Sandbank, auf der Schweppes Fahrt endete. Auch wenn der OB zuletzt versöhnlich klang: Schweppe wurde von seiner eigenen Partei, der SPD, abserviert. Zu viel Kritik hatte sich aufgetürmt, von Schulleitern, Kita-Leitungen, Eltern: Der Referent kümmere sich nur um Visionen von besserer Bildung, wissenschaftliche Kongresse, pädagogische Konzepte und Konflikte mit der Staatsregierung. Er wolle die Ganztagsschule durchdrücken – habe aber kaum einen Sinn für alltägliche Anliegen: versiffte Schultoiletten, zu wenig Computer, Räume, Turnhallen, das Arbeitschaos in der Kita-Gebührenstelle, mangelnde Zusammenarbeit mit anderen Referaten, fehlende Ansprechpartner für Eltern, kurz: Er habe es versäumt, seine Behörde als modernen Dienstleister zu organisieren.

Auch im Rathaus handelte sich Schweppe Ärger ein, etwa als er bei den Milliarden für die Schulbau-Offensive ungenau rechnete. Und bisweilen wirkte es, als müsse der OB Dinge erzwingen, etwa das Online-Anmeldesystem Kita-Finder. Schweppe hatte es zudem schwer, weil ihm der Stallgeruch in der Münchner SPD und die Netzwerke fehlten, um in der Stadtpolitik zu bestehen.

Nun ist er nach einer Amtszeit gestrandet: „Ich hätte im Amt durchaus noch weitergemacht“, sagt er. „Dann hätte ich Dinge, die eingeleitet worden sind, noch stabilisieren können.“ Klingt nach Kampfgeist und Stolz auf die Erfolge – die tatsächlich so manche Panne klar überstrahlen. Schweppe brachte die Bildungsgerechtigkeit voran: Kitas und Schulen mit vielen sozial Benachteiligten erhalten mehr Geld. Die Flüchtlingskinder hat er versorgt. Und den gebundenen Ganztag begreift er auch als Instrument, um Unterschiede auszugleichen. Zudem „haben wir auch beim Schulbau Zeichen gesetzt“, sagt er, etwa flexible Räume für modernen Unterricht. In Köln hätten sie auf die Münchner Lernhäuser verwiesen. Und neulich seien 50 baden-württembergische Bürgermeister hiergewesen. „Die anderen schauen auf uns!“

So klingt der Visionär, der nach außen leise auftritt und sich als „Puzzlestein“ in der Bildungspolitik bezeichnet. Der in seinem Büro im sechsten Stock an der Bayerstraße den Blick des Besuchers gerne über die Hausdächer hinweg auf die Alpensilhouette lenkt. Er könne seiner Nachfolgerin Beatrix Zurek „ein auf die Zukunft ausgerichtetes Referat übergeben“, lobte Reiter. Was er nun macht? Er würde gern „im Bildungsbereich“ bleiben – und in München, sagt der verheiratete vierfache Familienvater. Medienberichte, wonach er ab Juli im Sozialreferat eine Arbeitsgruppe für Flüchtlings-Integration leiten solle, dementierte er gestern: „Mir ist von dieser Stelle nichts bekannt.“ Er nehme jetzt eine Auszeit und befinde sich „in Gesprächen“. Vielleicht wird sein neuer Job ja eine Fahrt durch ruhigere Gewässer.

Christine Ulrich

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