Langjährige Prostituierte spricht Klartext

Illegale Liebesdienste im Münchner Bahnhofsviertel boomen

Das Rotlicht-Geschäft boomt. Immer mehr Frauen bieten ihre Dienste in Wohnungen und Hotels an – illegal. Was Sie über den Boom im Sperrbezirk wissen müssen.

München - „Traumhafte Nächte gegen Taschengeld“, „süß und versaut sucht schöne Dates“ – das Netz ist voll von solchen Angeboten. Frauen bieten auf einschlägigen Foren im Internet Liebesdienste an – beispielsweise „im Hotel“ oder „bei dir“. Unerlaubt. Denn rund 90 Prozent des Stadtgebiets sind Sperrbezirk – Prostitution ist dort verboten. Lediglich in neun Anbahnungszonen dürfen die Prostituierten den Kontakt mit den Freiern öffentlich herstellen. Wer Prostitution im Sperrbezirk ausübt, muss beim ersten Mal eine Geldstrafe von 300 Euro zahlen. Ab dem zweiten Mal ist es eine Straftat.

Auch auf der Goethestraße werden illegale Liebesdienste angeboten.

Vor allem das Bahnhofsviertel ist im Visier der Polizei. Seit der EU-Osterweiterung kommen immer mehr osteuropäische Frauen nach München. 2016 waren nicht einmal mehr zehn Prozent der Frauen, die in der Landeshauptstadt ihre Liebedienste anbieten, Deutsche. Vor allem zur Wiesn-Zeit boomt das Geschäft mit dem (illegalen) käuflichen Sex. 

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Hoteliers schlagen Alarm

Mithilfe des neu eingeführten „kommunalen Außendienstes“ will das Kreisverwaltungsreferat (KVR) auch die illegale Prostitution im Bahnhofsviertel eindämmen. Laut Alexander Egger höchste Zeit. „Die Problematik der illegalen Straßenprostitution steigt an“, sagt Egger, der in Bahnhofsnähe zwei Hotels betreibt. Als Hotelier habe man kaum eine Handhabe. „Zuhälter buchen oft über die großen Booking-Systeme. Diese Reservierungen müssen wir annehmen“, so Egger. Selbst wenn die Hotels später merken, dass es sich um eine Prostituierte handelt – etwa aufgrund wechselnder Männerbesuche in einem Zimmer – könne man kaum eingreifen. „Ich bin einen rechtsgültigen Vertrag eingegangen und müsste beweisen, dass es sich um Prostitution handelt, die Beteiligten quasi in flagranti erwischen.“

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Polizei: „Wir haben das Milieu im Griff“

Man habe das Milieu im Griff, beteuert hingegen die Polizei. Auch was die illegale Prostitution betrifft. „Es gibt keine feststellbaren Schwankungen“, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Allerdings räumt er ein, dass es eine Dunkelziffer gibt, „die hier definitiv greift“. Ein Dokument, das unserer Zeitung anonym zugespielt wurde und in Auszügen auch der Polizei vorliegt, passt zu dieser Einschätzung: Der Verfasser listet darin mehr als 130 Namen, Telefonnummern und Adressen von Frauen auf, die seiner Aussage nach der privaten Prostitution in Wohnungen, Hotels oder Massagestudios nachgehen – fast alle im Sperrgebiet. 

Die Münchner Polizei bei einer Razzia im Rotlicht-Milieu.

Recherchen in Internetforen wie Rote Laterne oder markt.de liefern ähnliche Ergebnisse. „Nur Haus- oder Hotelbesuche“ heißt es in den Anzeigen oft – Frauen bieten „gegen Taschengeld“ ihre Dienste stadtweit an. Auf markt.de erklärt der Betreiber der Seite die Taschengeld-Floskel wie folgt: „Grundsätzlich dürfen nämlich Privatwohnungen nicht für gewerbliche Tätigkeiten benutzt werden. Da dies schwer nachzuweisen ist, wenn man nur gelegentlich Sex gegen Taschengeld anbietet, sollte man trotzdem darauf achten, dass man andere Mieter nicht stört.“

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Langjährige Prostituierte spricht Klartext

Auch Mia (Name von der Redaktion geändert) ist stadtweit unterwegs – für 100 Euro bietet die Prostituierte ihre Dienste an. Unerlaubt. „Man muss höllisch aufpassen. Das Netz ist durchsichtig. Natürlich ist da ein Riesenmarkt. Aber ich meine vor allem auch die Gefahr, die von manchen Männern ausgeht. Es gab schon Übergriffe, die ich nicht wollte“, erzählt die 49-Jährige, die seit über zehn Jahren in der Branche tätig ist. „Ich habe vor vielen Jahren als Animierdame in der Schillerstraße angefangen“, sagt sie. Legal in Clubs zu arbeiten, kommt für sie nicht in Frage, „weil man da als Stück Fleisch degradiert wird“. 

Sie kennt das Geschäft mit dem Sex: Mia (49) ist seit zehn Jahren als Prostituierte tätig. 

Doch das Geschäft werde immer schwieriger. „Es ist billiger und respektloser geworden. Durch die EU-Osterweiterung laufen da draußen viele verzweifelte Frauen rum, die sich für sehr wenig Geld anbieten.“ Hinzu kämen „respektlose Freier“ und eine zunehmenden Perversion. „Je höher die Freier beruflich gestellt sind, desto mehr wollen sie oft erniedrigt werden. 

Ich kenne zum Beispiel eine Kollegin, die ist extrem dick. Einmal die Woche kommt ein Vorstandsvorsitzender einer großen Münchner Firma, legt 600 Euro auf den Tisch und zieht eine Schweinsmaske auf. Und sie muss nur hingehen und sagen: ,Ich erstech dich jetzt, ich erstech dich jetzt.‘ Wenn er das jetzt seiner Frau erzählen würde – die Scheidung kostet ihn mit Sicherheit viel mehr. Die Gesellschaft hat Angst vor der Wahrheit, wir Huren fangen diese unausgelebte Sexualität ab – und werden gesellschaftlich abgewertet. Das macht mich wütend.“

Rubriklistenbild: © Sigi Jantz

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