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Augen auf bei der Namenswahl: Sebastian Hauser rät Eltern, sich ausreichend Zeit dafür zu nehmen.

Interview mit Sebastian Hauser

München, Deine Babynamen: Das rät ein Soziologe

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München - Soziologe Sebastian Hauser über die Hitliste der Münchner Vornamen – und warum Eltern welche Namen auswählen. 

Maximilian hat es erneut geschafft: Seit Jahren steht dieser doch recht traditionelle Vorname ganz oben auf der Hitliste der Münchner. Warum Eltern welche Namen vergeben, was das über die sie verrät und welche Folgen ein Name für ein Kind haben kann, damit hat sich der Münchner Soziologe Sebastian Hauser (30) in seinem Masterstudium beschäftigt, das er schwerpunktmäßig der Namensforschung gewidmet hat.

Herr Hauser, was sagt der Name über einen Menschen?

Rückschlüsse über Namen beruhen auf statistischen Wahrscheinlichkeiten. Das soll heißen: Nicht jede Annahme, welche man mit bestimmten Namen verbindet, trifft zwangsläufig zu. Im Großen und Ganzen kann man aber behaupten, dass der Name eine enorm treffsichere Information ist, mit der man Menschen zumindest in grobem Maße gesellschaftlich verorten kann. Letztendlich sind Namen Zeitdokumente, die einem ständigen Wandel unterliegen.

Wenn ich mich als Doris bei Ihnen vorstelle, was wissen Sie dann von mir?

Laut Statistik war der Name Doris im Jahr 1957 an der Spitze seiner Beliebtheit – damals schaffte er es sogar in die Top 20 der beliebtesten Vornamen Deutschlands. In erster Linie würde ich deshalb tippen, dass Sie spätestens Anfang/Mitte der 70er geboren wurden. Die Beliebtheit dieses Namens nahm ab diesem Zeitraum nämlich rapide ab. Aber wie gesagt: Alles nur statistische Wahrscheinlichkeit – in der Praxis könnten Sie natürlich auch Anfang zwanzig sein. Aber die statistische Wahrscheinlichkeit, dass dem so ist, schätze ich als eher gering ein. (Anm. der Red.: die Autorin ist Jahrgang 1974)

Ein Name lässt ja vor allem Rückschlüsse auf die Eltern zu – welche?

Fast alle gängigen Namen lassen sich historisch einordnen. Namen wie Johannes, Michael oder Andreas sind beispielsweise biblischen Ursprungs und dementsprechend vor allem in der christlich geprägten, westlichen Welt bis heute weit verbreitet. Vor allem traditionsbewusste Eltern entscheiden sich für solch etablierte Namen. Neumodische Namen wie Justin, Angelina oder Kevin hingegen sind in Deutschland historisch – noch – nicht verwurzelt und gelten dementsprechend als ziemlich exotisch. Statistisch betrachtet vergeben solche Namen primär Eltern aus sozial schwächeren Bildungsschichten.

Statistiken befeuern Vorurteile

Haben deshalb viele bei Namen wie Kevin oder Jaqueline Vorurteile?

Zumindest befeuern die Statistiken diese Vorurteile. Während in den höheren Bildungsschichten meist berühmte Wissenschaftler oder sonstige historisch bedeutsame Personen als Namensgeber dienen, sind es für die niedrigeren Bildungsschichten oft Personen aus Film, Musik und Fernsehen. Das erklärt auch, weshalb die Namen Justin und Angelina in den letzten Jahren derart populär geworden sind.

Können Namen Schullaufbahn und Karriere beeinflussen?

Jeder nimmt Namen anders wahr. Das hat auch Einfluss auf das soziale Miteinander. In der Schule werden Kinder oft wegen bestimmter Vor- oder Nachnamen gehänselt. In Sachen Karriere ist vor allem die Phase der Bewerbung spannend: Verschiedene Studien haben gezeigt, dass bei gleicher Eignung für eine bestimmte Stelle meist derjenige Kandidat bevorzugt wurde, der einen landestypischeren Namen besitzt. Ausländisch klingende Namen werden demnach systematisch benachteiligt. Ob das in Zeiten der Globalisierung auch in zehn oder zwanzig Jahren noch so ist, sei dahingestellt. Heutzutage lässt sich aber definitiv belegen, dass der eigene Name je nach Situation und Lebenslage sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringen kann.

Sind die Münchner tatsächlich so traditionsbewusst wie es immer heißt, wenn Namen wie Maximilian seit Jahren die Hitliste anführen?

Der Name Maximilian steht dank König Max II. von Bayern natürlich in enger Verbindung zur Stadt. Bis heute sieht man die Spuren seiner Regentschaft – vom Maximilianeum bis zur Maximilianstraße. Auch renommierte Wissenschaftler wie Max Planck oder Max Weber haben maßgeblich zur Popularität diese Vornamens beigetragen. Gerade diese Nähe zum Akademischen ist womöglich ein entscheidender Grund dafür, dass der Maximilian laut Statistik vor allem in höheren Bildungsschichten extrem beliebt ist.

Trendnamen sind auch in München populär

Unterscheiden sich da die Münchner vom Rest der Republik?

Auch Trendnamen wie Finn, Mia, Leon oder Emma, welche es in den Rankings der beliebtesten Vornamen Deutschlands bis an die Spitze geschafft haben, sind in München sehr populär. Unterschiede gibt es bei traditionsbewussten Namen wie Xaver, Josef oder Ludwig. Die kommen in München beziehungsweise Bayern laut Statistik tatsächlich häufiger vor als im Rest des Landes. Solche regionalen Vorlieben sind aber keine Seltenheit.

Warum geben Menschen ihrem Kind einen Namen, den so viele andere auch haben?

Der Mensch ist ein soziales Wesen und orientiert sich in seinem Handeln immer an seinen Mitmenschen – so auch bei der Namenswahl. Er wählt einen Namen, den er als „passend“ empfindet. Passend sind in der Regel die Vornamen, die man selbst schon öfter gehört hat. Auf diese Weise kann man sich sicher sein, dass der Name akzeptiert wird und kein Außenseiterdasein fristet. So ist man bei der Wahl des Namens auf der sicheren Seite – auch wenn andere Kinder dann wahrscheinlich denselben Namen tragen.

Im Trend: Jérôme und Mats

Wie entstehen Trends zu bestimmten Namen?

Um einen Trend zu setzen, braucht es immer eine Person oder eine Gegebenheit mit gewissem Vorbildcharakter. Jérôme zum Beispiel ist im Laufe der letzten Jahre in Deutschland als männlicher Vorname immer beliebter geworden, vermutlich wegen der starken medialen Präsenz des deutschen Nationalspielers Jérôme Boateng. Auch der Vorname Mats, wie ihn Boatengs Mannschaftskollege Hummels trägt, ist dafür ein perfektes Beispiel. Großereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft tragen ihr Übriges dazu bei, dass es zu einem Boom von bestimmten Namen kommt. Wie lange sich solche Trends halten und ob sie sich in das Langzeitgedächtnis der Hitliste deutscher Vornamen einbrennen, kann man aber nicht pauschal beantworten.

Oft sind Eltern besonders kreativ bei der Namenswahl der Kinder – mit teils seltsamen Ergebnissen.

Das sind meist die Eltern, die sich oder ihr Kind für etwas Besonderes halten. Diese Besonderheit soll dann in Form eines außergewöhnlichen Namens zum Ausdruck gebracht werden. Ein einzigartiger Name strotzt dann natürlich nur so vor Kreativität, Individualität und Exklusivität – meistens jedoch im negativen Sinne. Vor allem bei Prominenten sind auffällige Namen für den eigenen Nachwuchs ja gang und gäbe. Dies dient auch der bewussten Abgrenzung zum normalen Fußvolk.

„Man sollte sich die nötige Zeit nehmen“

Was raten Sie Eltern in Bezug auf Namenswahl?

Man sollte sich die nötige Zeit nehmen, den Namen für das eigene Kind zu wählen. Auf Trends sollte man nur dann aufspringen, wenn man sie aus persönlichen Gründen für geeignet hält und nicht, weil ein bestimmter Name derzeit total angesagt ist. Im Endeffekt ist die Namensgebung eine rein individuelle Entscheidung und sollte auf Basis der persönlichen Vorlieben geschehen. Der Kreativität sind fast keine Grenzen gesetzt. Nur von allzu gewagten Experimenten ist abzuraten – am Ende ist es nämlich immer noch das Kind, welches von der Namenswahl am stärksten betroffen sein wird. Das sollten die Eltern stets im Hinterkopf behalten.

Wird sich die Hitliste in München durch den Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund verändern?

Das kommt ganz darauf an, in welche Richtung sich die Bevölkerungszusammensetzung in den kommenden Jahren entwickelt. Im internationalen Vergleich belegt Deutschland in Sachen Geburtenrate derzeit einen der hinteren Plätze. Rein mathematisch betrachtet würden demnach Namen wie Mohammed, Mustafa oder Elif in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten deutlich an Popularität gewinnen – schlicht und ergreifend weil nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit im Durchschnitt nur 1,43 Kinder bekommen, während Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit hierzulande durchschnittlich 1,95 Kinder gebären. Wenn sich an diesen Zahlen nichts ändert, ist ein Führungswechsel bei der Hitliste der beliebtesten Vornamen nur eine Frage der Zeit.

Wie zufrieden sind Sie mit ihrem Namen?

Sebastian ist ein ganz vernünftiger Name, denke ich. Und wenn er mich eines Tages mal langweilen sollte, kann ich mich ja immer noch als Basti oder Wastl vorstellen.

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