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In München lebende Türken haben überwiegend Erdogan gewählt.

Was die Türken in unserer Stadt sagen

München - die Erdogan-Hochburg

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63 Prozent der in München wahlberechtigten Türken haben für die Verfassungsänderung in der Türkei gestimmt. Damit liegt die Landeshauptstadt im Trend, in ganz Deutschland war die Zustimmung für Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan deutlich größer als in der Türkei.

München - 40.500 Menschen mit einem türkischem Pass leben in München. Gut 100 feierten auf der Leopold- und der Ludwigstraße in München Erdogans Sieg. Gülseren Demirel (52) war nicht dabei. „Bis in die Nacht hinein habe ich das türkische Fernsehen verfolgt“, sagt die Stadträtin der Grünen. Demirel ist im türkischen Malatya geboren, lebt aber schon lange in Deutschland. Dass sich in München so viele Türken für die Verfassungsänderung ausgesprochen haben, schockiert die Grünen-Politikerin. Zeki Genç, der Vorsitzendes des Verbandes der Deutschtürken, ist traurig über den Ausgang des Referendums. „Wir haben mit einem Nein gerechnet. Aber es hat sich gezeigt, dass die Türken auf jeden Fall demokratisch sind.“ Genç warnt nach dem Referendum vor einer Pauschalisierung. „70 Prozent der Türken sind in Deutschland integriert. Die darf man nicht verprellen.“ Zudem habe nicht jeder abstimmen dürfen – nur eben jene, mit einem türkischen Pass. Und diese sehnten sich nach Mitbestimmung.

Demirel: „Anscheinend erreichen wir mit der politischen Bildung viele junge Türken nicht, wenn Wahlen in einem demokratischen Land genutzt werden, um die Demokratie in einem anderen abzuschaffen.“

Kerem Schamberger (29) studiert Kommunikationswissenschaft in München: „Die Ausgangslage war extrem unfair. Wenn man das alles in Betracht zieht, dann ist die knappe Niederlage ein großer Erfolg.“ Deutschland müsse sich drauf einstellen, dass nun noch deutlich mehr Türken hier Asyl suchen würden.

Hat der Ausgang des Referendums Folgen für das Zusammenleben in München? Der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion Alexander Reissl verneint. „Ich erwarte eher nicht, dass das Ergebnis außerhalb der türkischen Gemeinschaft erlebbare oder spürbare Auswirkungen haben wird.“

Wo die Türken in Deutschland wie abgestimmt haben

Das sagen die Türken in München

Sie haben „Ja“ gesagt! In der Landeshauptstadt haben 63 Prozent aller wahlberechtigten Türken für das Verfassungsreferendum Erdogans gestimmt. Doch die Stimmung ist gespalten: Während die „Ja“-Sager Lobeshymnen auf die Allmachtsphantasien ihres Präsidenten trällern, pendeln die Gedanken der „Nein“-Sager zwischen schierer Verzweiflung, Wut und Sorge hin und her: „Der 16. April ist ein schwarzer Tag, eine Schande für mein Land“, sagt Hamed M. Fotografieren dürfen wir den 47-Jährigen allerdings nicht. Zu groß ist seine Angst, von den Erdogan-Anhängern erkannt zu werden. Vor allem jetzt, da der Präsident die Todesstrafe wieder einführen will.

Die tz hat vier türkischstämmige Münchner getroffen, die trotz aller Bedenken über den Ausgang des Referendums sprechen. 

Die Wähler waren nicht informiert

Der Ausgang des Referendums macht mich traurig. Mit dem Ja entfernt sich die Türkei immer weiter von Europa. Ich war letzte Woche in der Türkei. Dort habe ich mit vielen Erdogan-Anhängern gesprochen. Das Erschreckende war, dass die meisten überhaupt nicht gewusst haben, was auf sie zukommt. Ganz im Gegenteil. Sie setzen alles auf eine Karte beziehungsweise auf einen Mann und denken, dass alles gut wird. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass das Präsidialsystem der falsche Weg ist. Die Todesstrafe würde ich allerdings nicht grundsätzlich ablehnen. Denn Mörder oder Vergewaltiger haben meiner Meinung nach kein Recht zu leben. Aber wo zieht man da die Grenze? Die Todesstrafe als politisches Werkzeug einzusetzen, finde ich falsch.

Abdullah Tasdemir (49), Wirtschaftsingenieur

Erdogan ist die einzige Option

54 Jahre lang hat die Türkei vor den goldenen Toren der EU gewartet. Jedem noch so kleinen Land sind sie geöffnet worden. Bloß uns nicht. Ich habe viel darüber nachgedacht, finde aber keinen Grund dafür, warum man uns nicht haben will. Die EU spielt Katz und Maus mit uns. Doch leider ist die Maus nur in den seltensten Fällen der Gewinner. Deshalb braucht die Türkei einen Mann, der die Zügel in die Hand nimmt. Erdogan ist der Einzige, der einen Plan hat. Er hat ein Programm, die Opposition nicht. Erdogan tut etwas, die Opposition nicht. Klar macht es mir Angst, dass der Präsident bald die alleinige Macht besitzt. Aber eine Alternative gibt es nicht. Wenn ich in der Türkei Urlaub mache, sehe ich jedes Mal, was unter Erdogans Herrschaft alles passiert. Sowohl auf der sozialen als auch auf der wirtschaftlichen Ebene. Das rechne ich ihm hoch an.

Cengiz Aydin (57), Taxifahrer

Die Wahl wurde sicher manipuliert

Erdogan liebt das Spiel mit dem Feuer, das Spiel mit der Macht. Dass er die Todesstrafe einführen will, beweist, dass er jetzt alles tun kann, was er will. Er steht über dem Gesetz. Nein, er ist das Gesetz! Ich frage mich wirklich, wie es so weit kommen konnte. Aber: In der Türkei zählt der Glaube mehr als die Politik. Erdogan wird von vielen als eine Art Heilsbringer gesehen. Meiner Meinung nach ist der Glaube der Grund dafür, dass Erdogan das Referendum für sich entschieden hat. Die Leute informieren sich nicht. Ich würde sogar behaupten, dass die meisten überhaupt nicht wissen, wofür sie am Sonntag abgestimmt haben. Erdogans Anhänger verschließen ihre Augen ganz bewusst vor der Realität. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass so viele so gedankenlos sind. Die Wahl ist hundertprozentig manipuliert worden.

Mustafa Koc (53), Imbissarbeiter

Weg in die Diktatur

Die Türkei hat gestern einen riesen Schritt nach hinten gemacht. Schließlich stehen dem Präsidenten jetzt alle Türen offen. Er hat die uneingeschränkte Macht. Wenn er die Todesstrafe einführen will, kann er das machen. Wer soll ihn denn daran hindern? Zum Glück bin ich vom Ausgang der Wahl nicht direkt betroffen. Ich lebe ja schon mein ganzes Leben lang in Deutschland. Aber die in der Türkei lebenden Türken tun mir leid - Vor allem, weil die ja überwiegend mit Nein gestimmt haben. Eigentlich ist die Türkei ein sehr fortschrittliches Land, von den Werten der EU gar nicht so weit entfernt. Doch jetzt führt der Weg direkt in die Diktatur. Und das im Jahr 2017 - einfach unglaublich! Dass die Wahl manipuliert wurde, glaube ich allerdings nicht. Erdogan hat viele glühende Anhänger. Vor allem in Deutschland.

Ibrahim Ilmas (23), Wagenpfleger

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