+
In vielen Städten und Landkreisen ist es längst Realität: Flüchtlinge werden in Turnhallen untergebracht.

Unterbringungs-Engpässe

Flüchtlinge: Turnhallen sind nicht mehr tabu

  • schließen

München - Die Stadt ist bei der Unterbringung von Flüchtlingen im Verzug. Es wird bereits über die Belegung von Turnhallen nachgedacht. Und einige Landräte sind verwundert, dass München seine Quote nicht erfüllt.

Müssen heuer auch in München Flüchtlinge in Turnhallen untergebracht werden? Diese Frage steht im Raum, seit bekannt geworden ist, dass München seit Monaten bei der Beherbergung hinterherhinkt – zumal 2016 womöglich genauso viele Neuankömmlinge zu erwarten sind wie 2015.

Jüngsten Berechnungen der Regierung von Oberbayern (ROB) zufolge hat die Stadt aktuell 2100 Flüchtlinge weniger aufgenommen, als sie müsste. Dieses Defizit hat sich laut ROB aufgestaut, weil sie München im Herbst wegen der Massenankunft am Hauptbahnhof weniger Flüchtlinge zugewiesen hatte. Nun gelte es, diese Lücke zu schließen, sagt ein Sozialreferats-Sprecher.

Dabei kämpft die Stadt auch so schon mit den hohen Zahlen. Aktuell muss München wöchentlich 340 Flüchtlinge aufnehmen. Zwar wurden letztes Jahr 15.000 Plätze geschaffen. Und für 2016 sind laut Sozialreferat bereits 11.000 Plätze beschlossen.

Doch es gibt zwei Probleme: Erstens sei „absehbar, dass die bisher in Planung befindlichen Unterkünfte nicht ausreichen“, schreibt Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) in der Vorlage für den 22. Standortbeschluss. Hochgerechnet: Wenn heuer wieder eine Million Menschen nach Deutschland kommen und München gemäß den Schlüsseln 15.500 aufnehmen plus den Rückstand aufholen muss – „dann stoßen wir bei der Unterbringung an Grenzen“, heißt es aus Referatskreisen.

Das zweite Problem ist, dass es zwar inzwischen schnell geht mit dem Beschluss neuer Standorte. „Doch der Vollzug hängt gewaltig“, sagt CSU-Fraktionschef Hans Podiuk. Tatsächlich verschiebt sich bei Unterkünften häufig der Zeitplan: Laut ROB und Sozialreferat liegt das an Lieferengpässen bei Containern, baulichen Verzögerungen und schwierigen Vertragsverhandlungen. Im März soll nun ein Dutzend neue Unterkünfte ans Netz gehen – einige stark verspätet.

Podiuk rechnet vor: Wenn der Zustrom unvermindert anhält und der Unterkunftsausbau weiter festhängt, „dann ist irgendwann eine Grenze erreicht, wo wir nicht mehr normal unterbringen können“, sagt er. „Bis zu einem Fünftel der Turnhallen“ könnte dann belegt werden müssen.

Für OB Dieter Reiter (SPD) ist das Ultima Ratio. „Sollte das tatsächlich irgendwann erforderlich sein, sind wir selbstverständlich vorbereitet“, sagte er gestern auf Anfrage. „Aber das ist nicht mein Ziel.“ Turnhallen könnten nur ein absoluter Notbehelf sein. Stadtrat Christian Müller (SPD) sagte: „In Turnhallen ist es zu laut, und die Infrastruktur ist häufig ungeeignet“ – etwa wenn eine separate Essensausgabe fehle.

Doch allein die Vorstellung bereitet vielen Sorgen. Etwa Sportvereinen: Die Situation in München sei „eh schon schwierig“, sagt Michaela Regele, Vorsitzende des Dachverbands Münchner Sportjugend. Die Vereine wachsen, darum habe die Stadt ja auch das Hallenbauprogramm beschlossen. „Hier ist kaum Spielraum, anders als auf dem Land.“ Es gebe zu wenig Hallenzeiten, „und es wäre fatal, mit der Unterbringung darauf auszuweichen“.

Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) sieht die Sache ähnlich: „Notsituationen brauchen Notmaßnahmen“, sagt sie zwar. „Bei den Flüchtlingen müssen alle zusammenhelfen.“ Jedoch könnten Turnhallen nur als Übergangslösung dienen. Auch im Winter müsse man Schulsport anbieten: „Man kann die Schüler nicht immer zum Schlittschuhfahren schicken oder einen Parcours im Klassenzimmer aufbauen“, sagt sie. Sollten doch Hallen für die Unterbringung gebraucht werden, erwartet sie eine klare Kommunikation und Vorbereitungszeit.

Tatsächlich seien die mehr als 400 Turn- und Mehrzweckhallen in München „voll ausgelastet“, sagt Ursula Oberhuber, Sprecherin des Bildungsreferats. Konkrete Anfragen des Sozialreferats gebe es noch nicht, doch man sei „auf jegliche Ereignisse gut vorbereitet“. Dass bereits an Notfallplänen gearbeitet wird, wollte sie nicht bestätigen. Doch „verantwortungsvolles Handeln bezieht alle Eventualitäten mit ein“.

Die 2100 Flüchtlinge, mit denen München im Rückstand ist, wurden laut Sozialreferat vorübergehend in der Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Das Defizit mussten also nicht die Landkreise auffangen. Bei den Landräten stoßen Münchens Nöte auf geteiltes Echo. Josef Hauner (CSU) aus Freising sagte, es verwundere ihn, dass Reiter erst jetzt darüber nachdenke, auch Turnhallen zu belegen. „In diesem Modus ist der Landkreis Freising seit 2015.“ Dachaus Landrat Stefan Löwl äußerte Verständnis für Münchens Situation, erwartet aber auch, „dass es das Defizit beheben wird“. Der Tölzer Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) sagte: „Mit dem Finger auf andere zu zeigen, halte ich bei der krisenhaften Lage für nicht adäquat.“

Reiter sagte, er könne die Reaktionen verstehen, verwies aber auch auf Münchens spezielle Situation. Zudem erklärte er sich auch zur aktuellen Debatte. Am Wochenende hatte er in einem Interview die Bundesregierung aufgefordert, in der Flüchtlingspolitik endlich mit Plan zu agieren, weil auch München nicht unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen könne (wir berichteten). Die CSU interpretierte dies als "Kurswechsel".

Auf die Frage, ob ihn möglicherweise die angespannte Sachlage zu seinen jüngsten Äußerungen gebracht habe, sagte er gestern: „Ich erhebe seit Monaten gegenüber der Bundesregierung die gleichen Forderungen.“ Für das vordringliche Ziel einer vernünftigen Integration sei eine gesamteuropäische Lösung unerlässlich. „Es braucht keine Obergrenze, sondern europäische Solidarität“, so erklärte er seine Forderung, die Flüchtlingszahlen für München zu reduzieren. „Die unsägliche Obergrenzendiskussion bringt uns hierbei kein Stück voran.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Stammstrecke: Verspätungen, Teilausfälle und Umleitungen
München - Auf der Stammstrecke kam es am Samstagabend wegen der ärztlichen Versorgung eines Fahrgastes zu Verspätungen, Teilausfällen und Umleitungen bei der S-Bahn.
Stammstrecke: Verspätungen, Teilausfälle und Umleitungen
Amidou floh aus Todesangst - doch der Schwulenhass holt ihn ein
München - Homosexuelle Flüchtlinge wie Amidou (Name geändert) können der Angst auch in München nicht entkommen. Sie werden von Landsleuten bedroht und angefeindet. Die …
Amidou floh aus Todesangst - doch der Schwulenhass holt ihn ein
Grippe-Alarm: Schon über 520 Fälle in der Stadt
München - Sie beginnt meist mit Halsschmerzen, der ganze Körper tut weh – und dann kommt das hohe Fieber inklusive Schüttelfrost: die Grippe. Und die gefährliche …
Grippe-Alarm: Schon über 520 Fälle in der Stadt
200.000 Euro an Amoklauf-Opfer von München ausbezahlt
München - Vor sechs Monaten erschütterte der Amoklauf am Olympiaeinkaufszentrum München. Nun wurde ein Teil des Hilfsfonds an die Opfer ausbezahlt.
200.000 Euro an Amoklauf-Opfer von München ausbezahlt

Kommentare