Ein Ort gegen Lebensmittelverschwendung: Marius Diab in der neuen „Fair-Teiler“-Station im Eine-Welt-Haus an der Schwanthalerstraße. Marcus schlaf
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Ein Ort gegen Lebensmittelverschwendung: Marius Diab in der neuen „Fair-Teiler“-Station im Eine-Welt-Haus an der Schwanthalerstraße.

Teilen statt wegwerfen

Hier kann man Lebensmittel abgeben und abholen

München - In München gibt es inzwischen vier „Fair-Teiler“, an denen man Lebensmittel abgeben oder kostenlos abholen kann. Wir haben uns das Konzept erklären lassen:

Eine Gesellschaft, die im Überfluss lebt, produziert auch viel Müll. Besonders gravierend ist die Lebensmittelverschwendung. Zwei Beispiele: Vor dem Urlaub übrig gebliebene Ware wird häufig weggeworfen. Oder man veranstaltet eine Party und hat zu viel eingekauft – auch diesen Fall regelt meist der Müllschlucker, selbst wenn einen das schlechte Gewissen plagt. Das Verbraucherschutzministerium hat 2012 eine aufsehenerregende Studie veröffentlicht, wonach in Deutschland jährlich etwa 82 Kilogramm Lebensmittel pro Person weggeworfen werden – im Gegenwert von 235 Euro.

Das muss nicht sein. „Foodsharing“ ist eine Organisation, die sich gegen den Wegwerfwahn wendet und einen Bewusstseinswandel anstoßen will. „Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen“, lautet die Devise der Freiwilligen-Plattform. In München hat nun der vierte sogenannte „Fair-Teiler“ eröffnet. Es sind Orte, an denen überschüssige Lebensmittel sowohl abgegeben als auch abgeholt werden können.

In Haidhausen, Giesing und Neuhausen gibt es bereits von Foodsharing betriebene Fair-Teiler, die allerdings nur einige Male pro Woche zu bestimmten Zeiten geöffnet haben. Der neue Raum im Eine-Welt-Haus an der Schwanthalerstraße bietet nun nahezu einen Rundum-Service: Täglich von 9 bis 23 Uhr (am Samstag bis 24 Uhr) kann man sich bedienen oder Lebensmittel bringen.

Marius Diab ist ein Mann der ersten Stunde bei „foodsharing.de“. Die nicht kom- merzielle Organisation existiert seit zwei Jahren, mehr als 60 000 Menschen haben sich inzwischen im Internet registriert. Die Auswüchse der Wegwerfgesellschaft sind Marius Diab beim „Containern“, auch Mülltauchen genannt, klar geworden. Mülltaucher sind Leute, die aus den Abfalleimern von Supermärkten Ware fischen. „Ich war schockiert, wie viel genießbare Lebensmittel auf dem Müll landen“, sagt der Kunststudent. Das war für ihn der Auslöser, sich in dieser Sache zu engagieren. Mittlerweile ist der 24-Jährige Mitglied des bundesweiten Organisationsteams von foodsharing und „Botschafter“ für München.

Das Prinzip der Fair-Teiler ist simpel. Es ist ein Ort mit großem Kühlschrank und Regal, zu dem überschüssige Lebensmittel gebracht werden können. Bedienen darf sich jeder. „Wir sind kein Tauschladen. Uns geht es darum, den Überschuss dorthin zu verteilen, wo er Verwendung findet, um der Verschwendung von genießbaren Lebensmitteln entgegenzuwirken“, erklärt Diab. Nach seinen Erfahrungen wird das Angebot immer besser angenommen. „Es kommen Leute aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten.“ Marius Diab glaubt, dass foodsharing künftig noch eine viel größere Rolle spielen werde.

In Berlin gibt es bereits 20 Fair-Teiler, die 24 Stunden am Tag geöffnet haben. In Deutschland, Österreich und der Schweiz engagieren sich mittlerweile 9000 Freiwillige, um Lebensmittel bei Supermärkten oder Betrieben abzuholen und zu verteilen. Ein Segment, das sich nach Einschätzung von Marius Diab ständig weiterentwickelt. „Wir haben täglich neue Kooperationen mit Supermärkten“, berichtet der Lebensmittelretter. In München zum Beispiel besteht eine Zusammenarbeit mit zwei von Franchise-Nehmern betriebenen Edeka-Märkten. Über die Foodsharing-Plattform im Internet können Privatpersonen Lebensmittel in einem Warenkorb zum Tausch anbieten.

Während die bestehenden Fair-Teiler in Haidhausen, Giesing und Neuhausen während der Öffnungszeiten ständig von einem foodsharing-Vertreter betreut werden, gibt es bei der neuen Einrichtung im Eine-Welt-Haus nur einmal täglich eine Kontrolle. Tabu sind roher Fisch, rohes Fleisch, verdorbene Ware und Lebensmittel, bei denen das Verbrauchsdatum abgelaufen ist (wohlgemerkt nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum). Marius Diab sagt, es sei auch kein Problem, wenn jemand viel Ware mitnehme oder gar den Kühlschrank komplett entleere. „Das spricht nicht gegen unser Konzept, sondern eigentlich ist der Sinn damit erfüllt.“ Erst recht, wenn Bedürftige das Angebot nutzen, wobei Diab klarstellt: „Wir sind keine Konkurrenz, sondern nur eine Ergänzung zur Münchner Tafel.“ Viel zu tun gegen das ökologische Desaster gibt es sowieso noch. Schätzungen gehen davon aus, dass in den Industrieländern etwa 50 Prozent der Lebensmittel auf dem Müll landen.

Klaus Vick

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