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Blumen am Jakobsplatz: Immer wieder kommen am Donnerstag Bürger zur Hauptsynagoge, um dort ihr Mitgefühl für die Opfer von Halle auszudrücken.

Besorgniserregende Zahlen

Antisemitische Straftaten haben deutlich zugenommen: „Judenhass ist auch in München ein Thema“

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Der Neonazi-Terror von Halle sorgt in München für Bestürzung. Auch hier nehmen Anfeindungen und Angriffe gegen Juden zu. Eine Menschenkette soll ein Zeichen gegen Hass setzen.

München - Das Friedensgebet auf dem Jakobsplatz war schon seit Wochen geplant. Doch am Tag nach dem Doppelmord in Halle, dem geplanten Blutbad in der dortigen Synagoge, ist alles anders. Das Gebet vor der Münchner Hauptsynagoge bekommt nach dem Neonazi-Terror von Stephan B. einen anderen Rahmen. Blumen liegen vor dem Gotteshaus Ohel Jakob auf dem Jakobsplatz: Bürger brachten damit ihr Mitgefühl zum Ausdruck.

Die Polizei hat an allen sensiblen Einrichtungen – auch an der Hauptsynagoge – ihre Einsatzkräfte verstärkt. „Es ist eine Grenze überschritten worden“, erklärt der Antisemitismus-Beauftragte der Bayerischen Regierung, Ludwig Spaenle (CSU). Der Anschlag von Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur sei „rechtsextremistischer Terror“ gewesen. Spaenle ruft den Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim an der Reichenbachstraße im Februar 1970 in Erinnerung, bei dem sieben Menschen starben. 2003 wurde ein Attentat auf die Grundsteinlegung der Münchner Synagoge vereitelt.

München: Körperverletzung, Sachbeschädigung und Beleidigung gegen Juden

Anfeindungen und Angriffe sind auch heute nicht nur Alltag – sie werden immer mehr. Das belegt die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus – kurz Rias –, die im April gegründet wurde. Allein bis Juni wurden nur in München 15 Vorfälle gemeldet. Zum Beispiel die Schmiererei „Arbeit macht frei“ auf einem Ausstellungsplakat des jüdischen Museums – die auf zynische Weise an die NS-Konzentrationslager erinnert. Bis Oktober haben sich die Rias-Meldungen verdoppelt.

Charlotte Knobloch ist dankbar für die Solidarität der Münchner.

Besorgniserregend auch die Zahlen der Polizei: Antisemitische Straftaten haben demnach deutlich zugenommen. Im Jahr 2018 registrierte das Präsidium bereits 86 Straftaten, 79 davon werden als politisch rechtsmotiviert gewertet. 2017 waren es 51 Straftaten, 2016 zählte das Präsidium 37 und 2015 waren es 24. Für das laufende Jahr meldet das Präsidium vorläufige Zahlen. Bis Ende September gab es 48 antisemitische Straftaten. Dazu zählen unter anderem Körperverletzung, Sachbeschädigung und Beleidigung.

München: Schutz gegen Antisemiten auch im Privatleben gefordert

„Der Judenhass ist seit Jahren Thema – auch hier in München“, sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde. Unter den Mitgliedern wirkt der Terror von Halle nach. „Bewegt und beunruhigt“ beschreibt Knobloch die Gemeinschaft. „Zugleich sind wir dankbar für die entschlossene Solidarität.“ So hat OB Dieter Reiter (SPD) am Mittwoch alles stehen und liegen gelassen, um am Abendgebet teilzunehmen. „Ich hatte gestern das Bedürfnis, den Jüdinnen und Juden hier zu signalisieren, dass die Münchner Stadtgesellschaft sie nicht alleine lässt, sondern an ihrer Seite steht.“

Sein Parteikollege und Stadtrat Marian Offmann, Jude und im Vorstand der Kultusgemeinde, weiß, dass es seit Jahren Sicherheitsvorkehrungen gibt. „Ich hatte immer das Gefühl, dass unsere Bedenken von allen Behörden ernst genommen worden.“ So geht es auch Terry Swartzberg, dem Initiator der Münchner Stolpersteine. Er sorgt sich mehr um den Alltag: „Wir Juden leben nicht in unseren Synagogen, sondern in der Zivilgesellschaft. Der einzige effektive Schutz im täglichen Leben kommt durch die Solidarität unserer Mitmenschen.“

München: Bündnis für Toleranz alle Bürger ruft zu einer Menschenkette auf

Genau so ein Zeichen soll das Friedensgebet am Donnerstagabend sein. „Diese Gewalt und dieser Hass gehen uns alle an“, erklärt Weihbischof Rupert Graf zu Stollberg. Die Initiatoren haben zu einer Schweigeminute vor der Synagoge aufgerufen. Für die Opfer von Halle. Am Freitagabend ruft das Bayerische Bündnis für Toleranz alle Bürger zu einer Menschenkette um die Synagoge auf. Treffpunkt ist um 17.30 Uhr am St.-Jakobs-Platz. „Worte sind nicht genug!“, sagt die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit- Keßler. „Wir wollen ein Zeichen setzen. Verspottung, Verletzung und Attacken auf jüdisches Leben müssen ein Ende haben!“

In Halle ist die Anteilnahme der Bevölkerung groß, wie merkur.de* berichtet. Ebenfalls hat merkur.de* die Chronologie des Tat-Tags zusammengefasst.
In München hat es eine Bombendrohung am Gerichtskomplex in der Nymphenburgerstraße gegeben. 

Video: Tatverdächtiger von Halle auf dem Weg zum Ermittlungsrichter

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

S. Wegele, S. Karowski, L. Kretzschmann, N. Hoffmann, A. Thieme

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