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Proteste des Bündnisse „Pegida“ gegen Flüchtlinge und eine „Islamisierung des Abendlandes“, wie sie in Dresden (Archivbild) seit Wochen stattfinden, sind in München unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Dort soll heute ein Zeichen für Toleranz gesetzt werden.

Kirchen und Bürger rufen zum Protest auf

München macht gegen Pegida mobil

München/Dresden – Vor einer Woche mobilisierte „Pegida“ in Dresden 15 000 Anhänger. Nun wollen die Islamkritiker Weihnachtslieder vor der Semperoper singen. Bürger in vielen Städten wollen dagegen ein Zeichen setzen – auch in München.

In der Münchner Oper läuft heute Abend „Carmen“, ein Drama um Verzweiflung, Wut und Mord. Draußen, vor der Münchner Oper, ist heute Abend eine Premiere geplant, ein Stück über Toleranz und Offenheit. Mitten in München plant ein Bündnis aus Kirchen, Gewerkschaften und Bürgergruppen eine Anti-„Pegida“-Aktion. Ziel: Sich von den montäglichen islamfeindlichen Demonstrationen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) zu distanzieren, schon ehe sie aus Dresden nach München schwappen.

Knapp 10 000 Teilnehmer haben sich im Internet bisher für die Münchner Demo vor der Oper angemeldet. Offiziell den Behörden mitgeteilt sind bisher 1500 Besucher. Anmelder ist das Bündnis „Bellevue di Monaco“, das Motto heißt „Platz Da! – Flüchtlinge sind hier willkommen“ Erwartet werden unter anderem die Weilheimer Band The Notwist, Konstantin Wecker, Claus von Wagner und Max Uthoff (ZDF, „Die Anstalt“) und ein syrischer Flüchtlingschor.

„Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen, bevor etwas passiert, bevor man in München auch solche Aufläufe hat“, sagt Matthias Weinzierl, Geschäftsführer beim Bayerischen Flüchtlingsrat. Man müsse zeigen, dass die Stadtgesellschaft etwas anderes wolle. Es gehe dabei nicht nur um Pegida. „Demonstrieren darf und soll man in Deutschland“, sagt auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD): „Aber immer unter der Maßgabe, dass nicht die Würde anderer Menschen verletzt wird.“ Da gebe er („und das passiert mir nicht oft“) Kanzlerin Angela Merkel recht: „Hier ist kein Platz für Hetze und Verleumdung von Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen.“

Die Pegida-Demonstrationen sind politisch umstritten. In den vergangenen Wochen hatten sich in Dresden jeweils tausende Bürger an den Kundgebungen beteiligt, zuletzt 15 000 Menschen. Sie demonstrieren für eine strengere Asylpolitik und gegen eine vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft. In anderen Städten gab es ähnliche Aufrufe, denen deutlich weniger Bürger folgten. In Dresden haben sie heute zu einem „gemeinsamen Weihnachtsliedersingen“ aufgerufen.

SPD und Grüne sehen in den Aktionen vor allem ausländerfeindliche Motive. SPD-Bundesvize Ralf Stegner sagt zwar, er wolle keinesfalls tausende Demonstranten als Nazis bezeichnen. „Aber arglose Bürger, die nicht wissen, was dort geschieht, sind das nicht. Das müssten solche sein, die Augen, Ohren und Nase zuhalten. Das stinkt nämlich, das ist inhaltlich rechts, und das kann man hören und sehen.“ Mehrere Unionspolitiker warnen indes vor einem Pauschalurteil.

Rätselhaft, warum Pegida in Dresden so starken Zulauf hat

Gerätselt wird, warum vor allem Dresden mit einem nur minimalen Ausländeranteil den Kern der Aktionen bildet. Der Sozialpsychologe Andreas Zick sieht darin Zeichen für ein Auseinanderdriften der alten und neuen Bundesländer. „Die eigene Abstiegsangst macht einem Probleme, also redet man lieber über die Überfremdungsangst“, erklärt Zick.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich erinnert die Bürger daran, dass ihnen seit 25 Jahren die Welt offen stehe. „Und genauso ist und muss uns die Welt auch in Sachsen willkommen sein, ohne Mauer in den Köpfen und mit Neugier, wie wir Bereicherung erfahren können“, mahnt der CDU-Politiker.

Der Zentralrat der Muslime ruft dazu auf, sich intensiver mit den „Pegida“-Anhängern auseinanderzusetzen. „Die Ängste, die sie umtreiben, ist die Schere zwischen arm und reich, die größer wird“, sagt der Vorsitzende Aiman Mazyek. Die Muslime in Deutschland verurteilten selbst seit Jahren die radikalen Auswüchse des Islams. „Wir brauchen keine Pegida, um gegen diese Formen zu protestieren. Die Muslime selber demonstrieren dagegen.“

In Bayern hat es – von kleinen Demos in Würzburg abgesehen – Pegida-Demonstration bisher nicht gegeben. Die Nürnberger Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair geht jedoch davon aus, dass das nicht mehr lange so bleiben wird. „Wir erwarten in Kürze eine ähnliche Veranstaltung in Nürnberg“, so die Leiterin des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass in Nürnberg oder München nichts läuft.“

Für die Zurückhaltung in Bayern fallen Mair mehrere Gründe ein: „Es kann sein, dass die Rechten ihre Kräfte aktuell in Dresden bündeln und erst später in Bayern starten.“ Außerdem seien die Gegendemos und bunten Bündnisse gerade in Nürnberg sehr gut vernetzt und hätten schon viele Anläufe für rechte Kundgebungen gestoppt. Es sei aber auch möglich, dass Anhänger der rechtsextremen Szene gerade nicht auf die Straße gingen, weil sie Anschläge planten. „Ich sehe ein Riesenproblem darin, dass die Neonazis derzeit gezielt terroristisch arbeiten. Das hat der Brandanschlag in Vorra ganz deutlich gezeigt. Und ich fürchte, dass es nicht beim Anbrennen von Asylbewerberheimen bleibt.“

dpa/fm/cd

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