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Eine Mutter aus München hat eine Petition gegen das Martinshorn gestartet. 

Lärm-Ärger

Weil ihr Baby immer aufwacht: Münchnerin startet Petition gegen das Martinshorn

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Schlaf soll wichtiger sein als die Hilfe für Menschen in Not? Eine Münchnerin hat eine Petition gegen das Martinshorn der Retter gestartet. Die Einsatzzahlen steigen aber tatsächlich – aus einem frustrierenden Grund.

München - Es ist ein altes Thema. Eigentlich. Immer wieder fühlen sich Menschen durch Lärm auf den Straßen gestört. Meist geht es um Feiernde oder Raucher vor Gaststätten. Doch nun bekommt der Konflikt um die Lautstärke des Stadtlebens einen völlig neuen Dreh: Eine Münchnerin hat eine Petition gegen „Lärmbelästigung“ gestartet – ihr geht es aber um das Martinshorn von Polizei, Feuerwehr und Rettungswägen. Retter sind erzürnt über die Initiative.

Ins Leben gerufen hat die Petition eine Mutter. „Täglich wacht unser Baby durch den inflationären Gebrauch des Martinshornes auf bzw. kann gar nicht erst einschlafen“, schreibt die Frau aus dem Stadtteil Lerchenau. Ihr Vorwurf: Das Martinshorn werde „inflationär“ und teils „ohne Sinn“ angewendet. Blaulicht allein könne genügen, wenn niemand auf der Straße ist, findet sie – und fordert unter anderem den Stadtrat auf einzugreifen.

Rettungsfahrer ärgert sich über Initiative: „Sind keine Cowboys“

Ein Rettungsfahrer hat sich nun in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk verärgert gezeigt. „Uns ärgert das einfach, weil es heißt: Ihr seid zu laut und ihr seid alles Cowboys. Nein, das sind wir nicht! Wir sind Menschen, die helfen wollen“, sagte Christian Strohschein, Fahrer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Aschaffenburg. 

„Wir arbeiten für das Wohl des Bürgers und nicht, weil wir es toll finden, mit Martinshorn und Blaulicht nachts durch die Stadt zu fahren“, betonte er weiter. Auch der Abteilungsleiter für Rettungseinsätze in der Landesgeschäftsstelle des BRK, Thomas Stadler, wies den Vorstoß zurück. Das Martinshorn habe eine wichtige Funktion, sagte er dem BR. Es aus Lärmschutzgründen auszulassen, sei rechtlich und mit Blick auf die Verkehrssicherheit riskant.

Zahl der Rettungseinsätze steigt tatsächlich – aus einem ärgerlichen Grund

Einen unstrittig wahren Kern hat der Ärger der Münchnerin allerdings. In den Jahren 2007 bis 2016 stieg die Zahl der Rettungseinsätze in Bayern um 54 Prozent. Das geht aus unlängst veröffentlichten Zahlen des BRK hervor. Als Grund nannte Stadler im April das gestiegene Alter der Bevölkerung – aber auch den Umstand, dass Patienten vermehrt wegen Lappalien die Rettung alarmieren würden.

Auch interessant: Sanitäterin will bewusstloses Baby retten - Radfahrer schlägt sie

Strohschein bestätigte dieses Phänomen. „Früher bist du zu Herzinfarkten und Schlaganfällen gerufen worden, wenn der Bürger wirklich Hilfe brauchte. Heute fahren wir Einsätze wegen eingerissener Fingernägel, Husten und Heiserkeit“, erklärte er dem BR.

Streit ums Martinshorn erlaubt Einblicke in die Gesellschaft

Ein Umstand dürfte die Retter im Freistaat allerdings beruhigen: Zuspruch findet die junge Mutter mit ihrem Anliegen kaum. Bis zum Samstagmittag hatten 36 Menschen die Petition online unterzeichnet, 17 davon aus München. Dafür prasselte einiges an Spott auf die Frau ein. 

„Ja, dann sollten wir doch alle medizinischen Notfälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall während der Nacht- und Mittagsruhezeiten verbieten und die Arbeit den Bestattern überlassen, die machen wenigstens nicht so einen Krach während der Anfahrt“, ächzte etwa ein User in der Diskussion über die Unterschriftensammlung. Andere zogen Parallelen etwa zu Streitigkeiten über Kuhglocken-Lärm auf dem Land.

Auch differenziertere Beiträge finden sich. So etwa das Argument, die einzige Lösung für die Situation sei gegenseitige Rücksichtnahme. „Einfach eine Petition einstellen, die den Bürgern beibringt, die 112 nur zu rufen, wenn wirklich ein Notfall vorliegt“, empfiehlt ein Diskussionsteilnehmer. Ein anderer analysiert, Abhilfe könne letztlich nur eine Verbesserung im Gesundheitssystem bringen – oder weniger Verkehr.

All das dürfte gleichwohl schwierig werden. Das Zusammenleben in großen Städten ist eben schwierig und es wird durch Egoismus aller Art auch nicht einfacher.

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fn

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