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Startbereit: Suzanna Randall ist Astrophysikerin an der Europäischen Südsternwarte in Garching. Nebenbei trainiert sie für einen Flug ins All.

Außerirdische Ambitionen

Münchner Astronautin will als erste Deutsche ins Weltall: „Zum Mars fliegen wäre das Ultimative“

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Immerhin 63 Frauen waren bisher im Weltraum – aber noch keine aus Deutschland. Das Projekt „Die Astronautin“ will das ändern. Die Münchnerin Suzanna Randall ist eine von zwei Kandidatinnen.

München - 2020, so der Plan, soll die erste deutsche Frau abheben und auf der Internationalen Raumstation ISS Experimente durchführen. Zwei Kandidatinnen gibt es. Eine davon ist die Münchner Astrophysikerin Suzanna Randall. Die 39-Jährige wohnt in Schwabing und arbeitet als Forscherin an der Europäischen Südsternwarte in Garching. Ein Gespräch über Gleichberechtigung in der Schwerelosigkeit und die Hürden, die es dafür zu überwinden gilt.

Frau Randall: Ich habe als Kind immer gebannt den nächtlichen Sternenhimmel betrachtet? Sie auch?

Suzanna Randall: Mond und Sterne fand ich schon immer ganz toll. Ich erinnere mich, wie ich so mit elf, zwölf Jahren im Winter eine Thermoskanne dabeihatte und nachts im Garten gelegen habe. Ich hatte eine Sternenlandkarte und habe die Sternenbilder, die ich gesehen habe, nachgemalt. Diese Himmelskörper, die Millionen von Lichtjahren entfernt sind, die Unendlichkeit des Universums, das hat mich fasziniert. Heute sehe ich das als Astrophysikerin etwas nüchterner. Meine Freunde sagen immer: Mit dir Sterne zu schauen, das ist ja so was von unromantisch... (lacht).

Kann man das Universum überhaupt verstehen?

Randall: Nein. Viele sagen immer: Ach, Astrophysiker, die begreifen das. Wir begreifen das überhaupt nicht. Wir umschreiben die Prozesse mit mathematischen Formeln, das menschliche Gehirn kann diese Distanzen aber nicht wirklich fassen. Das ist ja gerade das Faszinierende.

Und nun wollen Sie ins Weltall. Warum?

Randall: Um Neues zu entdecken. Ich habe übrigens gerade „Star Trek“ für mich wiederentdeckt. Dieses in unbekannte Sphären vorstoßen, so wie in „Star Trek“, das ist es immer noch, wenn man in den Weltraum fliegt. Auch wenn es in meinem Fall nur zur Internationalen Raumstation ISS gehen würde, nicht zum Mars.

Suzanna Randall würde gerne auf den Mars fliegen

Auf den Roten Planeten würden Sie auch fliegen?

Randall: Zum Mars zu fliegen, wäre das Ultimative. Da war noch kein Mensch. Da wäre ich gerne ganz vorne dabei.

Bisher hat es noch keine deutsche Frau ins Weltall geschafft. Können Sie das Projekt „Die Astronautin“ kurz erklären?

Randall: Ich sage immer, wir sind ein Startup für Astronautinnen. Wir finanzieren uns über Spenden und Sponsoren, nicht wie die ESA aus Steuergeldern. Wir sind keine Berufsastronauten, sondern machen das auf Projektbasis. Die Raumfahrtingenieurin Claudia Kessler ist die Initiatorin. Claudia hatte an einem Weinabend mit Freunden über Gleichberechtigung in der Raumfahrt diskutiert – und sich gesagt: Das kann doch gar nicht sein, dass noch keine deutsche Frau im Weltall war, da müssen wir was tun. Wenn man so will, war es also eine Schnapsidee (lacht). Inzwischen haben wir viele Förderer, zum Beispiel Airbus. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt unterstützt uns ebenfalls.

So leicht wie auf dem Mond fühlt man sich unter Wasser. Suzanna Randall und ihre Kollegin Insa Thiele-Eich simulierten in Marseille das Arbeiten auf dem Mond, zum Beispiel das Aufbauen von Solarzellen.

Sie erwähnen die Europäische Weltraumorganisation. Wie sieht denn die ESA das Projekt?

Randall: Wir stellen natürlich einiges infrage. Die ESA trainiert gerade den zwölften deutschen Mann. Wir sagen: Nach elf Männern muss es auch mal eine Frau sein.

Suzanna Randall hat intensives Auswahlverfahren überstanden

Wie kamen Sie in das Projekt hinein?

Randall: Es gab eine Ausschreibung, und ich habe mich beworben. Wichtig ist: Es ging nicht um „Germany’s Next Topastronautin“, also wer hat die schönsten Haare. Der Auswahlprozess hat ein Jahr gedauert und ist nach denselben Kriterien erfolgt, die die ESA anwendet, zum Beispiel bei der Auswahl von Alexander Gerst. Das DLR hat den Prozess geleitet. Am Ende blieben zwei Frauen übrig – die Meteorologin Insa Thiele-Eich und ich. Jetzt werden wir gerade ausgebildet, damit eine von uns fliegen kann.

Ein Team, aber auch Konkurrentinnen: Suzanna Randall mit Insa Thiele-Eich (re.). Nur eine wird am Ende abheben.

Es steht also noch nicht fest, wer fliegt?

Randall: Nein. Und das ist auch gut, damit beide motiviert bleiben. Wer fliegt, wird wohl erst kurz vor der Mission entschieden. Im Moment sind wir ein Team, das sich gut versteht und unterstützt.

Welche Trainings müssen Sie machen?

Randall: Gerade läuft das Basistraining. Die missionsspezifischen Trainings kommen später. Zuletzt hatten wir ein Tauchtraining in Marseille und haben das Arbeiten auf der Mondoberfläche simuliert. Auf dem Mond herrscht ja nur ein Sechstel der Schwerkraft der Erde. Wir haben unter Wasser Proben genommen, Solarzellen aufgebaut oder Mondgestein eingesammelt.

Suzanna Randall: ISS-Flüge für Weltraumtouristen möglich

Echtes Mondgestein?

Randall: Das kam natürlich aus dem Baumarkt (lacht).

Der Flug zur ISS würde ungefähr 50 Millionen Euro kosten. Das ist viel Geld.

Randall: Das ist der Betrag, mit dem wir kalkulieren. Wir haben auch schon Angebote von SpaceX und Boeing. Das sind die beiden US-amerikanischen Anbieter, die schon bald kommerzielle Flüge anbieten werden. Allerdings stehen da noch Testflüge an. Unser Plan ist, mit einem der beiden Anbieter zu fliegen.

Man kann sich einen Startplatz zur ISS kaufen? Ich könnte also auch hoch, wenn ich das Geld hätte?

Randall: Ja. Bis jetzt sind fast ausschließlich staatliche Organisationen zur ISS geflogen. Es gab sieben Weltraumtouristen, das waren Milliardäre. Die sind alle mit den Russen mitgeflogen. Jetzt, mit SpaceX und Boeing, wird sich der Markt öffnen. Das ist gerade eine spannende Phase. Bisher waren es die Auserwählten der NASA oder ESA.

Die Raumfahrt wird kommerzialisiert?

Randall: Sozusagen. Die NASA hat das Potenzial schon vor zehn Jahren erkannt und ist Vorreiter. Gerade kleinere Missionen können auch kommerziell bewältigt werden. Die NASA hat SpaceX und Boeing Aufträge zugesichert, wenn sie ein Raumschiff entwickeln, das Astronauten sicher zur ISS und zurück bringt. Jetzt stehen die ersten bemannten Testflüge bevor. Die NASA möchte sich auf wirklich große Missionen konzentrieren, zum Beispiel einen bemannten Flug zum Mars. Flüge zur ISS sollen ausgelagert werden auf kommerzielle Anbieter.

Suzanna Randall: So geht es auf der ISS zu

Wie ist das denn auf der ISS? Wie läuft das dort?

Randall: Es gibt einen russischen und einen amerikanischen Bereich. Die meisten an Bord sind inzwischen Amerikaner. Aber es kommen immer wieder Astronauten aus Europa oder auch Japan. Die ESA zahlt 8,6 Prozent der Kosten der Raumstation und darf entsprechend viele Astronauten schicken. Normalerweise sind zwischen sechs und neun Menschen auf der ISS.

Wie lange wollen Sie auf der ISS bleiben?

Randall: Zehn Tage bis zwei Wochen. Kurzzeitmissionen sind mit den neuen Anbietern möglich. Wir wollen eigene Experimente mitbringen und dürften die Anlagen der Amerikaner benutzen. Welche Projekte das sind, hängt von den Investoren ab. Zum Beispiel könnte eine Biotech-Firma sagen, wir brauchen diesen und jenen Test in der Schwerelosigkeit. Das würden wir dann durchführen. Und wir möchten mehr Mädchen begeistern für technische Berufe. Wir könnten zum Beispiel von der ISS aus über Youtube mit Schulen Physikunterricht machen. Wir wollen Mädchen zeigen, dass viele technische Berufe nicht nur was sind für nerdige Jungs in Karohemden.

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Gibt der Bund Geld?

Randall: Wir sind in intensiven Gesprächen. Die Signale sind positiv, eine Zusage vom Bund gibt es aber noch nicht.

Aber Sie wollen doch schon 2020 starten?

Randall: Das ist unser Wunsch, aber wenn es 2021 wird, ist es auch kein Desaster. Das ist besser, als wenn wir noch 30 Jahre auf die erste deutsche Frau im All warten. Wir müssen auch sehen, wie die Testflüge von SpaceX und Boeing verlaufen. Die haben sich etwas verzögert. Ohne Rakete können wir nicht fliegen.

Suzanna Randall: Ist sie die erste Frau, die „Cimon“ sieht?

Womit fliegt die ESA?

Randall: Mit der russischen Sojus. Aber die ist extrem teuer, so 70 bis 80 Millionen Euro, weil die Russen im Moment noch ein Monopol haben.

Was steht als Nächstes an?

Randall: Diese Woche machen wir ein medizinisches Basistraining – und lernen so eklige Sachen wie uns selber Blut abzunehmen. Denn wir sind ja sozusagen unsere eigenen Versuchskaninchen auf der Raumstation. Im Oktober werden wir in Friedrichshafen mit „Cimon“ trainieren. Das ist ein intelligenter Kopfroboter, der auch der persönliche Assistent von Alexander Gerst war. Er soll Emotionen erkennen lernen, Menschen imitieren.

Und der arme „Cimon“ kennt noch keine Frauen?

Randall: (lacht) Er hat bestimmt schon welche gesehen, aber noch nie intensiv mit ihnen zusammengearbeitet. Wenn er nur über Fußball reden kann, müssen wir ihm noch andere Themen beibringen.

Haben Sie eigentlich Angst vor dem Flug ins All?

Randall: Ja. Ich fliege seit Jahren Gleitschirm. Da habe ich auch Angst. Aber es macht auch Sinn, Angst zu haben vor etwas, das Risiken beinhaltet. Angst macht aufmerksam und ist manchmal lebensrettend. Entscheidend ist, die Angst kontrollieren zu können.

Video: “Astro-Alex“ Alexander Gerst kommt heim

Im Jahr 2018 wurde bekannt, dass Suzanna Randall daran arbeitet, als erste Deutsche ins Weltall zu fliegen. Im selben Jahr war Alexander Gerst auf der ISS stationiert.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

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