+
Bussi, Bussi, Schampus, wilde Partys: So machte Filmregisseur Helmut Dietl in seiner TV-Serie Kir Royal die Münchner Schickeria im ganzen Land bekannt. 

Ist das noch unser München? Teil 6 der Serie

Ausgebusselt: Ist die Münchner Schickeria am Ende?

Vor mehr als 30 Jahren prägten schillernde Partys das Bild. Doch gibt es die Münchner Schickeria heute überhaupt noch? Und wie hat sich das bunte Treiben der Bussi-Bussi-G’sellschaft verändert?

München! Da denkt man an eine Mass Bier am Chinaturm, Lederhosn und die Frauenkirche vor der unverrückbaren Alpenkulisse. Aber auch an der Landeshauptstadt geht der Wandel der Zeit nicht spurlos vorüber. Wie viel München steckt eigentlich noch in München? In der großen tz-Serie „Ist das noch unser München?“ gehen wir dieser Frage auf den Grund. Die heutige Ausgabe dreht sich um München als Hauptstadt der Reichen und Schönen.

Das waren die wilden Jahre

Bussi, Bussi, Schampus, wilde Partys: So machte Filmregisseur Helmut Dietl in seiner TV-Serie Kir Royal die Münchner Schickeria im ganzen Land bekannt. In den 70ern und 80ern war an diesem Bild viel Wahres dran. In Kneipen wie Kay’s Bistro oder Roy ließen es Promis wie Leonard Bernstein, Gina Lollobrigida oder Mick Jagger krachen - und die Klatschreporter berichteten darüber. Der Journalist Michael Graeter (76) war damals hautnah dabei. Der Münchner arbeitete bei Abendzeitung, Bunte und Neue Revue als Gesellschaftsreporter. Er diente Dietl in den 80er-Jahren als Vorlage für die Figur des Journalisten Baby Schimmerlos, der in der Schickeria auf der Suche nach den schlüpfrigsten Storys, Liebesaffären und Eskalationen war. Graeter: „Dietl hat das natürlich überzeichnet - aber im Kern haben alle Geschichten tatsächlich stattgefunden.“ 

Der Klatschreporter erinnert sich zum Beispiel an die Partys von Playboy Gunter Sachs: „Da waren oft Lilli Palmer und Carlos Thompson zu Gast. Einmal wurde das Menü von Musical-Darstellern serviert.“ Günther Schmidt , Boss der Togal-Werke, lud einst in den Bavariastudios zu einem goldenen Fest: „Von den Wänden bis zur Kleidung war alles gold - sogar hauchdünn auf dem Essen“, erinnert sich Graeter. Unternehmer Friedrich Karl Flick lud Politik und Adel oft zu artigen Feiern in sein Privathaus, dafür ging es bei seinen auswärtigen Partys umso wilder zu. „Wenn er in Diskotheken oder Wirtshäusern feierte, haben wir das ,Umbau‘ genannt. Im Franziskaner haben seine Sicherheitsleute mal das Schlagzeug zerlegt, als sie mit ihren Pistolen Preisschießen machten.“ 

Unternehmer, Fotograf, Kunstsammler, Playboy: Gunter Sachs (u.r.) war bekannt für seine Feierfreudigkeit.

Unvergessen auch eine Geburtstagsfeier von Feinkost-König Gerd Käfer: Erst wurden alle 200 Gäste in der Oper von Maskenbildnern ins andere Geschlecht verkleidet, dann fuhren sie im Bus von Lokal zu Lokal. Graeter: „Beim Bieseln stand ich neben dem Chefarzt vom rechts der Isar - und habe nur seine roten künstlichen Fingernägel gesehen.“ Damals musste man eben auffallen - entweder durch Geld oder indem man sich etwas einfallen ließ. Wer es richtig anstellte, schaffte den Sprung vom Friseur zum Starfigaro (Gerhard Meir) oder vom Verkäufer zum Modezar wie Rudolph Moshammer († 2005). Für Graeter bezeichnet der Begriff Schickeria aber nicht die wirklichen Society-Größen, „sondern die Trittbrettfahrer, die bei den Schönen und Reichen dazugehören wollten“. 

Die Gesellschaftskolumnistin Marie Waldburg (u.a. Abendzeitung, Bunte) hat die Bezeichnung nie gemocht. „Schickeria waren die, die immer eine Spur zu laut waren.“ Und die in den Klatschspalten genannt werden wollten: „Es kam oft vor, dass jemand vor einer wichtigen Party bei mir angerufen und gefragt hat, wie er auf die Gästeliste kommt.“ Laut Michael Graeter ist München nach wie vor eine Hochburg der Promis. Aber: „Man feiert weniger.“ Aus der Sicht von Michael Käfer ist die Münchner G’sellschaft zurückhaltender geworden: „Die Menschen trinken zwar noch Champanger, aber sie stellen es nicht mehr zur Schau.“ Marie Waldburg sieht es ähnlich: „Die Zeiten sind ernster geworden. Heute kann man es sich nicht mehr leisten, anzugeben. Im Gegenteil, zuletzt haben mich die Promis sogar am Tag nach der Party angerufen, ich solle bitte bloß nicht schreiben, dass sie da waren.“ 

So feiern die Promis von heute

„In Schwabing gibt’s a Kneipn“ - so beginnt die Spider Murphy Gang ihre Hymne über die Münchner Schickeria. Wie aktuell ist das Lied aus dem Jahr 1981 heute noch? Kneipen heißen heute „Clubs“. Und die hippsten davon liegen nicht mehr in Schwabing, sondern in der Maxvorstadt oder im Glockenbachviertel. So wie das Nachtbad, das aus einem schwulen Saunaclub hervorging, das mondäne Trisoux in der Müllerstraße - zuvor eine Gay-Bar - oder die Pop-up-Bar AWI in einem abgewickelten Kreditinstitut. „Da lassen’s solche Leit wie di und mi erst gar net nei“, raunt die Spider Murphy Gang. Das kann sich heute kaum ein Nachtclub-Betreiber mehr leisten. In den 80ern gab es gut ein Dutzend Diskotheken, heutzutage dürften es im Stadtgebiet gut hundert sein. Die Konkurrenz ist zu groß, um sich mit Floskeln wie „Nur für Stammgäste“ die Kundschaft zu verprellen. 

Der „Gorilla an der Tür“ ist daher auch dem „Silencer“ gewichen. Die Hauptaufgabe des Türstehers besteht heute darin, für Ruhe bei den Gästen vor dem Lokal zu sorgen. Durch die Gentrifizierung ist das Nachtleben in die Wohnviertel gewandert, die Anwohner am Gärtnerplatz, Glockenbach und in der Maxvorstadt können ein Lied davon singen. Das tun sie auch, gerne vor dem Bezirksausschuss, der sich ihrer Sorgen annimmt. Nachwuchs-Schauspieler und die Balltreter-Elite aus der Säbenerstraße tummeln sich gerne im H’Ugo’s am Promenadeplatz. Wenn’s etwas diskreter sein soll, dann wechselt der geneigte Kicker gerne gegenüber ins Trader Vic’s im Hotel Bayerischer Hof. 

Wer sich eher dem Intellekt zugehörig fühlt, schätzt die aufmerksame Behandlung von Charles Schumann in dessen Bar am Odeonsplatz. Hier genießt der Stammgast durchaus Privilegien, die ihn vom gemeinen Besucher abheben. Das P1 gilt vor allem auswärtigen Gästen als Statussymbol. Die 1984 von Michael Käfer eröffnete VIP-Diskothek verfügt heute über eigene Guest-Relation-Mitarbeiter. Maria Theresia, älteste Tochter von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, hat hier ihren Polterabend gefeiert. Usain Bolt, Pharrell Williams oder Flo Rida feierten im „Einser“. Insbesondere zur Wiesn-Zeit dürften die Türsteher hier wirklich noch aussortieren. 

Sommerfest 2013 - HEART Restaurant & Bar

Ähnlich ist es im Heart in der Alten Börse am Lenbachplatz, das sich in den letzten Jahren zum Heart House mauserte. Unten Restaurant und Bar, oben der Private Member Club. Um die tausend Euro nebst persönlicher Empfehlung muss jährlich aufbringen, wer das für die Mitglieder reservierte Restaurant, die exklusive The Circle Bar und den Club nutzen will. Da wird dann auch mal - wie bei der Spider Murphy Gang - „a Schampus an der Bar“ getrunken.

Stichwort: Das bedeutet Schickeria

Schick, schick, Schickeria: Wer die Bezeichnung erfunden hat, ist nicht eindeutig. 1963 beschreibt Schriftsteller Gregor von Rezzori das Wort erstmals in seinem „Idiotenführer  durch die deutsche Gesellschaft“ als „Grüppchen innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft“. Die Bezeichnung sei eine Verschmelzung aus den Wörtern chic (französisch für elegant, modisch) und schickern (sich betrinken). Laut Duden bezeichnet die Schickeria oft abwertend die in der Mode und im gesellschaftlichen Leben tonangebende Schicht und entstand vom italienischen sciccheria (Schick, Eleganz). Die Spider Murphy Gang besang in ihrem Lied das Münchner Szenelokal Schikeria, das in den 70er- und 80er-Jahren von Natascha Stangl und ihrem damaligen Mann geleitet wurde. Heute ist die Schickeria vor allem aus dem Fußball bekannt - so nennen sich seit 2002 linksorientierte Ultras des FC Bayern München.

Christina Meyer/T. Oßwald

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“:

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

S-Bahn München: Störung auf Stammstrecke sorgt für Verzögerungen
Zahlreiche Pendler sind auf den S-Bahn-Verkehr angewiesen. Doch immer wieder kommt es zu Störungen, Sperrungen und Ausfällen. In unserem News-Ticker informieren wir Sie …
S-Bahn München: Störung auf Stammstrecke sorgt für Verzögerungen
Schluss mit Sommerzeit? Das sagen Münchner zur EU-Umfrage
Ticken wir eigentlich noch ganz richtig? Beim Thema Zeitumstellung drehen viele durch. Was denken eigentlich die Münchner über die Sommer- und Winterzeit?
Schluss mit Sommerzeit? Das sagen Münchner zur EU-Umfrage
Kabarettist Christian Springer schreibt Brandbrief, damit Münchens Radl-Rambos gestoppt werden
Der Kabarettist Christian Springer hat einen Brandbrief geschrieben. Darin richtet er sich an die vernünftigen Fahrradfahrer und bittet sie, mit den Radl-Rambos zu …
Kabarettist Christian Springer schreibt Brandbrief, damit Münchens Radl-Rambos gestoppt werden
Oktoberfest 2018: In welchen Festzelten trifft man die Promis?
In welchem Zelt auf dem Oktoberfest 2018 trifft man die Promis? Hier finden Sie den großen Promi-Guide zur Wiesn in München.
Oktoberfest 2018: In welchen Festzelten trifft man die Promis?

Kommentare