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Vorbild Paris: Einmal im Monat sind die Champs-Elyseées komplett autofrei.

tz-Serie: Mobilität in München

Ausgerechnet! Wie BMW die Stadt ohne Pkw plante

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Der Wunsch nach weniger Autos im Stadtkern ist in vielen Metropolen bereits Realität. Auch für München gab es dafür schon vor gut 30 Jahren ein Konzept - entwickelt von BMW.

München - Mehr MVV, weniger Autos. Klingt logisch – wie die aktuelle Debatte über die Zukunft der Innenstadt zeigt. Und der Wunsch nach weniger Autos im Stadtkern ist nicht neu: Schon im Jahre 1991 gab es ein Konzept mit diesen Forderungen. Und zwar vom Konzern BMW selbst! Das Papier ist offenbar in Vergessenheit geraten. Der Automobilkonzern ahnte: „Bereits geringe Verlagerungen von Pkw auf S- oder U-Bahn würden zu einem Kollaps des öffentlichen Verkehrs führen.“ So steht es in diesem Papier. Und knapp 30 Jahre später lässt sich sagen: Stimmt noch immer! München hinkt beim Ausbau des ÖPNV meilenweit hinterher. Der damalige Vorschlag von BMW: Ein City-Konzept Blaue Zone, das die Altstadt für alle Verkehrsteilnehmer gut erreichbar macht und die Lebensqualität verbessern soll. 

Flächendeckender Einsatz von City-Bussen

Die Idee: Im Kernbereich der etwa fünf Quadratkilometer großen Innenstadt würden sechs neue Fußgängerzonen und ein neues Radwegenetz entstehen. Wer in die Kernstadt will, soll auf Busse umsteigen. Ein flächendeckendes City-Bus-System würde für möglichst uneingeschränkte Mobilität sorgen. Der Clou dieser Vision: Der gesamte, fünf Kilometer lange Altstadtring würde zur Grünanlage umgestaltet werden. Derlei radikale Vorschläge hatten bisher nicht einmal die Münchner Grünen geäußert! Die von BMW skizzierte Blaue Zone verliefe vom Hauptbahnhof bis zur Isar sowie vom Altstadtring bis zur Kapuzinerstraße. 

Altstadt und Automobil vertragen sich nicht

Um den motorisierten Autoverkehr abzufangen, sollen am Rand der Blauen Zone zehn automatisierte Tiefgaragen mit 6000 unterirdischen Stellplätzen entstehen, dazu rund 3.000 Stellplätze an den Zufahrten zu den Parkhäusern und am blauen Ring. BMW hatte in diesem Zusammenhang zu hohen Parkgebühren geraten. Innerhalb des Rings würden fünf Citybus-Ringlinien die Besucher befördern. An wichtigen Bahnhöfen sollen Umsteigeknoten eingerichtet werden. Für eine Realisierung kurzer Taktzeiten würden insgesamt 34 Citybusse benötigt, prognostizierte BMW damals. Und die Quintessenz des Autobauers lautete: „Altstädte wie in München wurden nicht für Automobile erbaut.“

Die autofreie Altstadt: Die gibt es andernorts bereits – oder sie ist zumindest schon in Planung. Ein paar Beispiele: 

Madrid: Seit dem vergangenen Jahr ist ein Kernbereich der Altstadt nur noch für Anwohner per Pkw erreichbar. Andere Autos dürfen nur noch auf bestimmten Hauptstraßen fahren. Außerdem müssen Besitzer von alten Dreckschleudern beim Parken mehr bezahlen. 

Oslo: Die norwegische Hauptstadt geht im Bestreben um mehr städtische Lebensqualität rigoros vor: Ab 2019 dürfen keine Privat-Autos mehr in die Innenstadt. Eine Maut gibt es dort bereits. In Oslo leben rund 600 000 Einwohner, aber nur 1.000 davon im Zentrum; dort arbeiten allerdings 90.000 Menschen. 

New York: Schrittweise soll New York für Fußgänger attraktiver werden. Im Jahre 2017 wurden der berühmte Central Park sowie der Prospect Park in Brooklyn komplett autofrei. 

Helsinki: Die finnische Hauptstadt hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 eine Infrastruktur aufgebaut zu haben, die ein privates Auto überflüssig macht. 

Hamburg: In knapp 20 Jahren soll das „grüne Netz“ fertiggestellt sein, das Fußgängern und Radfahrern eine von Autos wenig beeinträchtigte Mobilität im Stadtgebiet ermöglichen soll. 

Chengdu: Außerhalb der chinesischen Metropole (14 Millionen Einwohner) soll eine Versuchsstadt entstehen: Die Architekten haben einen Wohnort für 80.000 Einwohner konzipiert, der motorisierten Individualverkehr überflüssig machen soll.

Kopenhagen: Jüngstes Projekt: Fahrrad-Autobahnen, die die Vororte besser anbinden sollen. Die Hälfte der 28 geplanten Strecken ist fertig. Und es gibt spektakuläre Fahrradwege wie die 190 Meter lange Brücke Bicycle Snake.

Paris: Wer ein Auto hat, das vor 1997 gebaut wurde, darf unter der Woche nicht mehr in die Innenstadt fahren. Jeden ersten Sonntag im Monat sind zudem die Champs-Elysées komplett autofrei, ab 2020 sollen vor 2011 gebaute Dieselfahrzeuge von den Straßen verschwinden. 

Brüssel: Einmal im Jahr gibt es einen autofreien Tag. Schon jetzt sind große Teile der Innenstadt Fußgängerzonen. Jetzt sollen erstmal alle Dieselfahrzeuge mit einem Baujahr vor 1998 verschwinden. Derzeit ringen in Brüssel die belgischen Autogegner mit den Befürwortern.

Lesen Sie auch: Filialen en masse, Nahverkehr, nachts tote Hose: Das soll sich in der Innenstadt ändern und Radikale Verkehrswende gefordert: Autofreie Altstadt bis zum Jahr 2025?

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