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Im Internet können die Aufnahmen vieler Kameras ungehindert eingesehen werden.

Überwachungsvideos öffentlich im Internet

Ausspäh-Alarm: Münchner werden unbewusst gefilmt und im Internet gezeigt

Viele Aufnahmen privater Überwachungskameras laufen auch im Internet - und die Gefilmten wissen es oft nicht. Ein Jurist verrät, wann Kamera-Aufnahmen illegal sind.

München - Big Brother beobachtet Dich! Dass an öffentlichen Plätzen in München Überwachungskameras laufen, ist längst alltäglich. Aber: Wussten Sie, wo Sie sonst noch gefilmt werden? Und dass manche Aufnahmen privater Überwachungskameras im Internet übertragen werden – ohne, dass es der Besitzer der Kamera weiß? Dass somit jeder Einblick in Orte hat, die nie für die Öffentlichkeit gedacht waren…

Martin Hengstmann, IT-Sicherheits-Experte aus München (46), ist im Internet auf die offenbar in den USA registrierte Website insecam.org gestoßen, die Tausende Kamera-Aufnahmen von überall auf der Welt live überträgt – eine ganze Reihe auch aus München. Dort sind Szenen zu sehen, die etwa aus Firmenräumen stammen, aber auch von Straßen, Parkplätzen, aus Geschäften oder Privathäusern. Brisant etwa: Eine Kamera filmt eine Großküche, in der ein Koch arbeitet. Wo die Küche genau liegt, ist nicht ersichtlich: Auf der Seite gibt es nur vage Infos, die den Standort in der Münchner Innenstadt ansiedeln. Hengstmann: „Es ist möglich, dass dieser Mann keine Ahnung hat, dass er öffentlich im Internet zu sehen ist.“

„Das hat etwas mit Anstand zu tun“

Auch die Aufnahmen aus Kleiderläden sind zu sehen.

Manche Arbeitgeber filmen ihre Mitarbeiter etwa aus Sicherheitsgründen oder um Diebstahl zu vermeiden. Manche Privatleute überwachen ihr Haus, filmen zusätzlich aber auch Passanten. Die Gefilmten wissen das nicht immer. Viele Kameras – besonders billige – haben laut Hengstmann keine Sicherung, sodass jeder im Internet auf die Bilder zugreifen kann. Ein Datenleck, das sich solche Webseiten zunutze machen. Hengstmann kritisiert: „Das hat etwas mit Anstand zu tun! Ich darf Leute nicht einfach öffentlich zeigen, ohne dass sie Bescheid wissen.“ Warum es dennoch geschieht? Der Insecam-Administrator reagierte auf eine tz-Anfrage nicht. Allerdings erklärte der Betreiber früher, dass er sein Angebot gerade als Warnung verstanden wissen will – eben um auf die Verletzlichkeit der Privatsphäre hinzuweisen. Was allerdings offenbar kein Hinderungsgrund ist, Werbung auf Insecam laufen zu lassen…

Die Münchner Polizei erklärt derweil, dass auf Webseiten, die solche Aufnahmen live übertragen, strafrechtlich relevante Delikte zutreffen können. Der „persönliche Lebens- und Geheimbereich“ könne verletzt sein, es können Daten ausgespäht oder Privatgeheimnisse verletzt werden. Aber: „Die Verfolgung dieser Art Delikte erfolgt ausschließlich auf Antrag des Geschädigten“, so die Polizei. 

Jurist: Wann Kamera-Aufnahmen illegal sind

Einen ungenierter Blick auf private Kamera-Aufnahmen werfen: Im Internet ist es möglich. Doch sind solche Webcam-Filme und deren Veröffentlichung überhaupt erlaubt?

Zunächst einmal kommt es darauf an, wie Aufnahmen auf eine Internet-Seite geraten, sagt Dr. Thomas Glückstein, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht bei der Münchner Kanzlei Lausen. „Wird eine private Cam gehackt und ohne Einwilligung des Kamerainhabers online gestellt, ist das strafbar.“ Ist Letzteres der Fall, könnten Straftatbestände vorliegen wie die „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ und das „Ausspähen von Daten“.

Was ist, wenn die Webcam vom Inhaber bewusst online gestellt wird – die Gefilmten davon aber nichts wissen oder sie damit nicht einverstanden sind? „Jeder hat ein Recht am eigenen Bild“, sagt Fach­anwalt Glückstein. Wenn die Person auf den Bildern erkennbar ist, werden ihre Persönlichkeitsrechte berührt. Und damit ist nicht nur das Gesicht gemeint – auch über die Statur, die Frisur oder die Kleidung kann jemand erkennbar sein. „Dann muss grundsätzlich eine Einwilligung der abgebildeten Person vorliegen.“ Doch was ist, wenn jemand zum Beispiel einen öffentlichen Platz filmt und dabei natürlich auch alle Passanten abbildet? „Das ist zulässig, sofern die Passanten lediglich als „Beiwerk“ neben dem gefilmten Ort erscheinen“, so Dr. Glückstein.

Juristisch gesehen ein Sonderfall sind Filmaufnahmen am Arbeitsplatz. „Diese können ausnahmsweise zulässig sein, wenn sie durch schutzwürdige Belange des Arbeitgebers gerechtfertigt sind, zum Beispiel zum Schutz vor Diebstählen.“ Aber: Eine Übertragung der Aufnahmen ins Internet ist dafür nicht notwendig. „Daher wäre hierfür zumindest die schriftliche Zustimmung der Arbeitnehmer erforderlich“, so Dr. Glückstein. Erst recht dürften keine Kunden ohne ihre Zustimmung von Webcams gefilmt und im Internet gezeigt werden.

Was kann jemand erwarten, der merkt, dass er (zum Beispiel von seinem Chef) ohne Einwilligung gefilmt wurde? Laut Rechtsanwalt Glückstein lassen sich dann unter Umständen zivilrechtliche Unterlassungsansprüche geltend machen. Dabei sei es unwesentlich, ob solche Aufnahmen auch noch gespeichert werden oder nur einmal live über den Bildschirm oder das Handy abgerufen werden können. „Das macht persönlichkeitsrechtlich keinen Unterschied.“ ast

ast

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