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Bagida-Teilnehmer gehen zum S-Bahnhof am Stachus.

Münchner Pegida-Ableger

Verfassungsschutz sieht Bagida-intern Konfliktpotenzial

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München - Schon wieder laufen Neonazis, NPD-Funktionäre und Hooligans bei „Bagida“ mit. Die Organisatoren distanzieren sich offiziell, profitieren aber vom Auflauf. Der Verfassungschutz sieht innerhalb von Bagida Konfliktpotenzial.

Michael Stürzenberger, 50, schwarze Jacke, schwarze Pudelmütze, ist in seinem Element. Der Rechtspopulist steht auf einem Haufen Tannenzweige an der Trambahninsel Sendlinger Tor, blickt stolz in die Menge vor sich, ergreift das Mikrofon und brüllt: „Hallo München!“. Die Menge johlt. Der Münchner Stürzenberger ist ein Star in der Szene. Offiziell hat er nichts mit der Organisation der „Bagida“-Demos zu tun, trotzdem hilft er schon mehr als eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn dabei, die Lautsprecher aufzustellen. Und natürlich spricht er wieder vor der Menge, und er genießt es sichtlich.

Birgit W., die offizielle Anmelderin der Bagida-Demo, erweist sich dagegen eher als Hilfskraft. „Ich habe natürlich nicht so die Stimmgewalt wie der Michael“, sagt sie schüchtern ins Mikrofon. Stimmt. Stürzenberger fährt rhetorisch auf. „Allen extremen Kräften erteilen wir eine Absage“, ruft er. Die Presse habe doch nur nach Rechtsextremen unter den Bagida-Teilnehmern vom letzten Montag gesucht. „Die sind ja alle irre“, brüllt Stürzenberger. „Auf die Münchner Tageszeitungen passt die Bezeichnung Lügenpresse!“ Die Menge skandiert: „Lügenpresse, Lügenpresse!“

Die Bagida-Menge, das ist ein seltsamer Haufen. Vom Neonazi bis zum besorgten älteren Bürger mit Rollator ist alles dabei. „Normale Bürger“ seien das, werden die Bagida-Organisatoren nicht müde zu betonen. Auf der Bühne sprechen „der Johannes“ oder „der Fritz“, normale Leute aus der Mitte, heißt es. Den Rechtsextremen könne man das Mitlaufen ja nicht verbieten. Wie vergangenen Montag sind Neonazis, Rechtsextreme und Hooligans dabei – der Verfassungsschutz spricht von 150 bekannten Rechtsextremisten. Zu sehen sind kahlrasierten Schädel, typische Nazi-Jacken und Deutschland-Fahnen. Einer der Rechten ist Philipp Hasselbach, ein mehrfach verurteilter Neonazi. Von ihm gibt es Fotos, auf denen er vor einer Hakenkreuz-Flagge posiert und den Hitlergruß zeigt. An Hitlers 125. Geburtstag im April 2014 hatte er den Kreisverband der Partei „Die Rechte“ in München gegründet.

Karl Richter nimmt teil, der Neonazi im Stadtrat, der bei seiner ersten Vereidigung 2008 den Hitlergruß zeigte. Auch Karl-Heinz Statzberger ist wieder dabei, der 2003 an dem geplanten Sprengstoffanschlag auf das Jüdische Zentrum in München beteiligt war. Die Liste ließe sich fortführen. Aber es sind eben nicht nur die Nazis. Neben den Glatzköpfen im „Hooligans gegen Salafisten“-Pulli stehen normale Bürger auf der Trambahninsel. Spätestens jetzt allerdings müssen sie wissen, dass sie mit verurteilten Neonazis und Hooligans unterwegs sind, wenn sie die Sonnenstraße entlang ziehen.

Vielleicht waren es deshalb diesmal laut Polizei 400 Teilnehmer weniger in der Vorwoche. Die Neonazis und die eher Bürgerlichen profitieren aber auch voneinander. Die Nazis sehen nach einer großen Menge aus, weil sie sich die anderen Bagida-Teilnehmer zunutze machen. Es ist eine zweifelhafte Symbiose. Denn die Bagida kann nicht mit den Nazis, weil die ihr ohnehin schwieriges Image komplett in den Dreck ziehen. Ohne sie aber wäre Bagida deutlich kleiner. Der Verfassungsschutz geht von einem „Konfliktpotenzial“ zwischen Islamfeinden und klassischen Neonazis aus. Schließlich haben die beiden Szenen keineswegs nur Schnittmengen, wie ein Sprecher des Verfassungsschutzes an einem Beispiel verdeutlicht. „Für manchen Rechten ist es unerträglich auf einer Demonstration mitzulaufen, auf der eine Israel-Fahne gezeigt wird.“ Für manchen Islamfeind wiederum ist genau das selbstverständlich.

Als die Bagida die Sonnenstraße entlang zieht, werfen Gegendemonstranten Flaschen in ihre Richtung. Linke hängen ihre Transparente über die Absperrgitter und versuchen, diese zu durchbrechen. Am Hauptbahnhof zeigen junge Antifa-Mädels mit „All Cops Are Bastards“-Jacken den filmenden Polizisten den Mittelfinger und kreischen „Da habt ihr was zu filmen!“. Andere Linke, berichtet die Polizei, werfen Holzpaletten und Schilder auf Beamte. Ein Polizist erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma. Auch unter den Gegendemonstranten gibt es ganz offensichtlich schwarze Schafe. Der Abend ist voller Widersprüche und absurder Szenen. Als die Bagida-Demo vorbei ist, verlassen die Teilnehmer den Stachus wieder über die Treppen am Kaufhof. Eine ältere Frau im Rollstuhl blickt hilflos auf die Stufen, die Rolltreppe ist ausgeschaltet. Zwei Glatzköpfe, die schwarzen Pullis über den Mund gezogen, hieven die Frau aus dem Rollstuhl und helfen ihr die Treppe hinab. „Nazis raus!“, brüllen die Gegendemonstranten.

Bis auf die etwas aggressivere Stimmung läuft vieles an diesem Montag so ab wie vergangene Woche. Muss München jetzt jeden Montag Großdemos befürchten, inklusive Straßen-Sperrungen und Polizei-Hundertschaften? „Der Trend scheint ja dahin zu gehen“, orakelt KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle. Zumindest könnte sich der Gegenprotest in der kommenden Zeit etwas ändern. München will dann nicht mehr laut sein, sondern besinnlich. Für den 2. Februar ist eine Lichterkette geplant, die vom Salvatorplatz bis zum Sendlinger Tor über zwei Kilometer symbolisch Gotteshäuser verschiedener Religionen verbinden soll. Für kommenden Montag wollen „München ist bunt“ und „Bellevue di Monaco“ keine Gegendemo veranstalten. Die Bagida-Organisatoren wollen sich noch beraten, wie sie weiter vorgehen. Es werde aber auf jeden Fall wieder eine Bagida-Demo geben, hieß es.

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