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Martin Lutterjohann an Bord des Kreuzfahrtschiffs „Diamond Princess“.

Coronavirus auf Kreuzfahrt

In fensterloser Kabine gefangen: Münchner berichtet von Seuchenschiff - „In dem Moment, wo wir an die Tür gehen ...“

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Coronavirus-Alarm: Ein Münchner sitzt auf der „Diamond Princess“ fest - zweimal am Tag darf er kurz an die frische Luft.

  • Ein Münchner und seine Frau befinden sich gerade in Coronvirus-Quarantäne.
  • Sie sitzen auf dem Kreuzschiff „Diamond Princess“ fest.
  • Nun berichten die beiden von ihrem Alltag.

München - Ständig dieses mulmige Gefühl. Habe ich mich mit dem Coronavirus* angesteckt? Ständig der Gedanke, ob die Situation auf der Diamond Princess* außer Kontrolle geraten könnte. Der Münchner Martin ­Lutterjohann (76) sitzt seit Tagen auf dem unter Quarantäne stehenden Kreuzfahrtschiff im Hafen von Yokohama fest. Der pensionierte Psychotherapeut hat mit seiner japanischen Frau Sakae eine fensterlose Kabine und hofft, am Mittwoch von Bord gehen zu können. „Uns geht es gut, wir sind beide gesund, negativ getestet.“

Münchner in Coronavirus-Quarantäne: „Ist das hier sicher gewesen oder nicht?“

Bisher sind jedoch 454 der über 3000 Passagiere und Crewmitglieder positiv getestet worden, 20 Betroffene sollen schwere Symptome haben. Was Sorgen bereitet: Bis Montag lagen erst für 1.723 Menschen von Bord die Testergebnisse vor. Alle Infizierten werden an Land betreut. „Aber es gibt ein bisschen dieses Unsicherheitsgefühl. Ist das hier sicher gewesen oder nicht?“, erzählt Lutterjohann über Skype. Dennoch fühle er sich an einem „bequemen, sicheren Ort“.

Und wie läuft das tägliche Leben? „Wir nehmen die Sache locker, entspannt. Wir machen uns keinen unnötigen Stress“, erzählt Lutterjohann lächelnd. „Immer natürlich vor dem Hintergrund, dass wir jetzt nicht in eine Falle geraten sind und positiv getestet werden. Dann kippt natürlich irgendetwas. Ich weiß nicht, wie es dann ist.“

Coronavirus-Quarantäne: Mann aus München muss in fensterloser Kabine bleiben

Lutterjohann ist gelernter Psychotherapeut und Psychologe, das hilft ihm, mit der Isolation an Bord des Schiffes umzugehen. Er bot seine professionelle Hilfe an – aber er muss in seiner Kabine bleiben. Da die keine Fenster hat, dürfen er und seine Frau seit einigen Tagen zwei Mal pro Tag für jeweils eine Stunde an die frische Luft. „In dem Moment, wo wir an die Kabinentür gehen, legen wir sofort die Maske an, wenn wir Essen empfangen, wenn wir rausgehen sowieso“, erzählt er. Auf jedem Treppenabsatz stehe Desinfektionsmittel. „Da sollte eigentlich nichts passieren“.

Das Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ im Hafen von Yokohama

Seit einigen Tagen werde das Essen zudem „vollverpackt“ und damit sicherer als zuvor an der Kabinentür serviert. Vergangene Woche habe jeder ein iPhone mit Internetzugang bekommen, so Lutterjohann. Einmal habe man ihnen Bettwäsche gebracht, die sie selbst wechselten. Am Samstag erhielten sie zudem Putzmittel. Einzig saugen könnten sie nicht, das „vielleicht größte Manko“.

Coronavirus: Zahl der Todesfälle in China steigt

Ansonsten sei es in der Kabine „natürlich langweilig“. Er könnte Filme schauen, doch seinen Laptop überlässt er seiner Frau, damit sie japanische Nachrichten sehen kann. Da sie inzwischen negativ getestet seien und das nötige Gespräch mit einem Medizinerteam absolviert hätten, hätten sie jetzt „eigentlich gute Chancen, dass wir mit zu den ersten gehören, die am 19. rauskönnen“, ist Lutterjohann zuversichtlich. Dann würden sie das machen, was sie von vornherein geplant hatten: noch eine Woche Tokio dranhängen.

Video: Was wir über das Coronavirus wissen

Bis dahin versuchen Lutterjohann und seine Frau, via Skype und WhatsApp Kontakt zu Freunden und Angehörigen zu halten und sich abzulenken. Die Stimmung fasst er so zusammen „Angst ist jetzt zuviel. Aber die Möglichkeit, dass es eben doch Infektionen gegeben haben kann in der Quarantänezeit, kann ja keiner ausschließen“, schildert Martin Lutterjohann mit ruhiger Stimme.

Die Zahl der Todesfälle in China stieg unterdessen auf 1770, außerhalb von China starben bisher fünf Menschen. Die Zahl der Infektionen liegt in China bei mehr als 70.500, weltweit wurden rund 800 weitere Fälle gemeldet – die meisten davon auf der Diamond Princess. Auch in Italien spitzt sich die Lage rund um das Coronavirus immer weiter zu.*

Eine Kinderärztin aus München schlägt währenddessen Alarm - das Coronavirus könnte dazu führen, dass die Praxis bald schließen muss. Schuld sind allerdings nicht etwa eine hohe Anzahl an Infektionsfällen.

Klaus Heydenreich

Die Fälle in Bayern

Drei von neun Patienten, die wegen des Coronavirus ins Schwabinger Klinikum kamen, sind mittlerweile wieder entlassen worden. Sie sind vollständig gesund und nicht mehr ansteckend, teilt die München Klinik mit. Die sechs verbleibenden mit dem Virus Infizierten sind klinisch stabil und „blicken ebenfalls einer absehbaren Entlassung entgegen“, so die München Klinik.

Bis gestern Mittag sind keine neuen Coronavirusfälle in Bayern bekannt geworden, berichtet das Gesundheitsministerium. So bleibt es vorläufig bei 14 bekannten Erkrankten.

Aus dem Trostberger Krankenhaus sind bisher vier Fälle entlassen worden.

Alle Patienten haben darum gebeten, anonym zu bleiben.

Die Coronavirus-Hotline in Bayern hat die Telefonnr. 09131 / 6808 - 5101, ­coronavirus.bayern.de

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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