Neue Arzneimittel-Studien auch in München

Münchner Infektiologe erklärt: Diese Medikamente sollen gegen Corona helfen

  • Andreas Beez
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Ein Infektiologe und Oberarzt am Klinikum rechts der Isar erklärt, welche Mittel im Kampf gegen Coroana im Rennen sind und wie sie wirken.

  • Die Welt wartet weiter auf einen Impfstoff gegen Corona.
  • Forscher weltweit suchen nach einer Lösung, so auch in München.
  • Medikamente gegen Corona könnten noch in diesem Jahr zugelassen werden.

Nach wie vor steht kein ausreichend erforschtes Mittel zur Verfügung, um die Lungenerkrankung Covid-19 zu heilen. Umso größer ist der Druck auf die Wissenschaftler: „Ich habe noch nie erlebt, dass in einer solchen Geschwindigkeit klinische Studien eingeführt werden“, sagt Privatdozent Dr. Christoph Spinner, Infektiologe und Oberarzt am Klinikum rechts der Isar. So gibt es laut einer WHO-Liste inzwischen über 500 Studien – und es werden laufend mehr. Fakt ist: Keine einzige dieser Studien ist schon so weit fortgeschritten, dass die Ärzte in den kommenden Monaten Millionen von Corona-Patienten heilen können. Selbst die Zulassung eines Medikaments noch in diesem Jahr gilt als ehrgeiziges Ziel. Immerhin: Es werden eine Reihe vielversprechender Substanzen getestet.

Hilft Remdesivir gegen SARS-CoV-2?

Art der Therapie:Remdesivir gehört zur Gruppe der antiviralen Wirkstoffe, in der Fachsprache Virostatika genannt. Sie sollen die Vermehrung der Viren hemmen.

So soll das Mittel wirken: Viren brauchen menschliche Wirtszellen, um sich darin vermehren zu können. Sie kopieren sich praktisch selbst. Dies geschieht im Falle der SARS-CoV-2-Viren nicht nur in der Lunge, sondern in vielen Zellen des menschlichen Körpers, wodurch eine Entzündung verursacht wird. Remdesivir verlangsamt die Replikation durch Hemmung eines viralen Enzyms, der Polymerase.

Einschätzung der Experten: Remdesivir ist von der Weltgesundheitsorganisation WHO als das vielversprechendste Medikament eingestuft worden. Es wurde vor einigen Jahren vom kalifornischen Unternehmen Gilead Sciences zur Behandlung von Ebola entwickelt. Doch die Ergebnisse waren enttäuschend, deshalb verzichtete der Pharmariese auf ein teures Zulassungsverfahren.

Bei Covid-19 gibt es Hoffnungen aus dem Labor, dass Remdesivir dagegen besser wirkt. Es werde derzeit in zwei großen Studien bei über 1000 Patienten getestet, berichtet Dr. Spinner. Daran beteiligen sich derzeit acht deutsche Kliniken, darunter das Klinikum rechts der Isar und die München Klinik Schwabing. „Bereits Ende April sollen die Studien abgeschlossen sein“, so der Infektiologe.

Erste Zwischenergebnisse nähren Hoffnung – etwa die Daten aus dem Remdesivir-Härtefallprogramm, die gerade im weltweit wichtigsten Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht worden sind. Dafür wurden die Verläufe von 53 schwer an Corona Erkrankten ausgewertet, die mit Remdesivir behandelt worden waren. In 36 Fällen – immerhin 68 Prozent – zeigte das Medikament eine positive Wirkung. Die Wissenschaftler betonen aber, dass die Daten noch nicht ausreichen, um die Erfolgschancen seriös beurteilen zu können. Optimistisch stimmen die Forscher auch Labor-Analysen. „Dabei kristallisierte sich heraus, dass Remdesivir SARS-CoV2-wirksam ist und die Viruslast reduziert“, berichtet Spinner. Als Viruslast bezeichnen Wissenschaftler die Menge bestimmter Viren. Remdesivir ist eine pulverähnliche Substanz, die mit Kochsalzlösung verdünnt als Infusion verabreicht wird. Spinner: „Die Verträglichkeit scheint gut zu sein.“

Auch erste Erkenntnisse aus einer groß angelegten Studie in den USA senden jetzt positive Signale in diese Richtung - Patienten sollen deutlich verminderte Symptome gezeigt haben.

Favipiravir soll Vermehrung von Viren hemmen

Art der Therapie: Antivirale Therapie

So soll das Mittel wirken: Favipiravir soll wie Remdesivir die Vermehrung der Viren in den Wirtszellen hemmen.

Einschätzung der Experten:Favipiravir ist in einigen Ländern zur Influenza-Therapie zugelassen. Aus Japan kamen ermutigende Nachrichten in der Presse. So soll das Grippe-Medikament die Fieberperioden der Patienten verkürzt und das Verschwinden der Coronaviren aus dem Körper beschleunigt haben. Die Nebenwirkungen seien geringer als bei anderen Mitteln. In China wurde Favipiravir bereits – auf fünf Jahre befristet – zur Behandlung von Covid-19 zugelassen. „Allerdings liegen uns dazu bisher keine wissenschaftlich veröffentlichten Daten vor“, betont Spinner.

Lopinavir und Darunavir - Medikamente im Kampf gegen HIV

Art der Therapie: Antivirale Therapie

So sollen die Mittel wirken:Beide Medikamente sollen die Vermehrung der Viren in der Wirtszelle stoppen.

Einschätzung der Experten:Beide Medikamente dienen eigentlich dem Kampf gegen HIV. Lopinavir wurde zu Beginn der Corona-Pandemie in China häufig eingesetzt. Doch die Durchschlagskraft hält sich in Grenzen. „Es könnte sein, dass die aus der HIV-Therapie übliche Dosierung zu nierdrig ist, um einen spürbaren Effekt zu erzielen“, erklärt Dr. Spinner. Auch Darunavir ist den Nachweis noch schuldig geblieben, dass es gegen Covid-19 wirkt. Zwar ist in Spanien eine große Studie mit dem HIV-Medikament gestartet worden und es kursieren auch Berichte, dass es bei Versuchen mit Zellkulturen eine antivirale Wirkung hat. Doch der Hersteller Janssen-Cilag mit Sitz in Neuss selbst bewertet die Erfolgschancen in Bezug auf Covid-19 skeptisch, das geht aus einem Schreiben an die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hervor.

APN01 (rhACE2) - antivirale Therapie

Art der Therapie: Antivirale Therapie

So soll das Mittel wirken: Dieses Medikament hat einen anderen Ansatz als Remdesivir oder Favipiravir, es greift früher in den Lebenszyklus des Virus ein. APN01 soll verhindern, dass die Coronaviren überhaupt in die Wirtszellen eindringen können. Dazu nutzen die Krankheitserreger einen Rezeptor namens ACE2. Dort dockt das Virus an – und zwar mit seinen sogenannten Spikes. Diese keulenartigen Gebilde kann man sich wie Greifarme vorstellen. Der Trick bei APN01: „Es ahmt das menschliche Enzym ACE2 nach. Das Virus soll an APN01 andocken statt an die Zellen, sodass praktisch kein Platz mehr für das Virus ist. Das neue Medikament soll schädliche Entzündungsreaktionen in der Lunge reduzieren.

Einschätzung der Experten:Im Kampf gegen Covid-19 werden die sogenannten Entry-Inhibitoren (Eintritts-Hemmstoffe) zunehmend erprobt, etwa die Substanzen Camostat und Chloroquin. Letzteres wird schon lange zur Malaria-Behandlung eingesetzt. „Doch die Studiendaten sind bisher sehr widersprüchlich, und es werden weitere Daten zur Risiko-Nutzenbewertung benötigt“, sagt Dr. Spinner. Auch die Erforschung des neuen Medikaments APN01 steht erst am Anfang. So werden zunächst 200 Covid-19-Patienten damit behandelt, auch im Klinikum rechts der Isar der TU München. „Wir hoffen, dass im Herbst erste Ergebnisse vorlegt werden können, hoffentlich aber noch in diesem Jahr“, erläutert Dr. Spinner.

Forschung am Coronavirus.

Bei herrlichstem Frühlingswetter müssen sich die Menschen in München an die neuen Gegebenheiten gewöhnen - doch einige machen sich schon Gedanken über die Zeit danach.

Hyperimmunserum als Infusion für Covid-19-Erkrankte

Art der Therapie: Antikörper aus dem Blut von genesenen Corona-Patienten werden im Labor aufbereitet und Covid-19-Erkrankten als Infusion verabreicht.

So soll die Therapie wirken:„Man macht sich praktisch das Immungedächtnis zunutze“, erklärt Dr. Spinner. „Die Antikörper aus dem Spenderblut sollen dabei helfen, die Viren unschädlich zu machen.“ Eine sehr alte Methode, die bereits im Kampf gegen die spanische Grippe und später gegen Masern, Mumps und Kinderlähmung (Polio) eingesetzt worden ist.

Einschätzung der Experten:In Amerika hat die Aufsichtsbehörde FDA das Verfahren bereits unter strengen Auflagen genehmigt. Auch an bayerischen Universitätskliniken laufen dazu Studien. Doch Experten treten auf die Euphoriebremse. „Ideal wäre es, die Antikörper zu finden, die spezifisch und effektiv gegen SARS-CoV-2 wirken“, erklärt Spinner. Denn Corona ist nicht gleich Corona. „Es gibt über 30 verschiedene Coronaviren im Menschen, und 90 Prozent aller Erwachsenen haben im Laufe ihres Lebens Kontakt mit einem davon.“

Das erschwert übrigens auch die Entwicklung eines verlässlichen Antikörpertests, der weltweit herbeigesehnt wird. Die damit verbundene Hoffnung: Es scheint so zu sein, dass genesene Covid-19-Patienten zumindest vorübergehend immun sind – sprich vor einer erneuten Corona-Ansteckung geschützt. Der Münchner Curtis Warren Puckett war an dem Covid-19 erkrankt. DerRisikopatient konnte dank Remdiesivir geheilt werden*.

Andreas Beez

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Rubriklistenbild: © dpa

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