Polizei kontrolliert Einhaltung der Schutzmaßnahmen

Wegen Corona-Krise: Immer mehr Münchner kommen zur Tafel - aber es gibt auch eine positive Entwicklung

  • vonKathrin Braun
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Immer mehr Münchner sind auf Essen von der Tafel angewiesen und reihen sich in die Schlange vor dem Großmarkt ein. Ein Grund dafür ist die Not, die mit der Corona-Pandemie kam. 70 Prozent der Tafel-Mitarbeiter gehören selbst zur Risikogruppe.

München - Die Schlange vor der Großmarkthalle zieht sich über mehrere Hundert Meter. Hier stehen Menschen für Brot, Gemüse und Nudeln an, halten 1,5 Meter Abstand zum Vordermann, manche ziehen einen Bollerwagen hinter sich her - so wie Rafael V. und seine Frau Vanessa. „Es ist alles ein bisschen anstrengend im Moment“, erzählt er. „Wir haben drei Kinder, meine Frau ist hochschwanger.“ Dann lacht er. „Es könnte jeden Moment so weit sein - vielleicht sogar hier.“

Die beiden sind zum fünften Mal bei der Tafel. Sie brauchen diese Hilfe, seit Rafael V. am Anfang der Corona-Krise* seinen Job verloren hat. „Ich hatte gerade eine Ausbildung als Hotelfachmann angefangen“, sagt er. „Nach sechs Tagen wurde ich gekündigt, wegen Corona.“ Seitdem bezieht er Arbeitslosengeld I. „Kann man nix machen, da muss man jetzt durch.“ Bis Juli bekommt er noch die Unterstützung von der Arbeitsagentur - wie es danach weitergeht, weiß er nicht.

Lesen Sie auch: An der Weilheimer Tafel können sich Bedürftige einmal pro Woche Lebensmittel abholen. Eine Passantin hat dabei eine unglaubliche Beobachtung gemacht: Zwei Asylbewerber warfen die vollen Tüten mit Lebensmitteln in den Müll - und gingen einfach weiter.

Corona-Krise bringt Münchner Tafel Zulauf: „Dafür braucht sich keiner schämen“

So wie Rafael V. geht es auch einigen anderen Münchnern. „Seit Corona kommen immer mehr Menschen, die vorübergehend Hilfe brauchen“, sagt Hannelore Kiethe, die Gründerin der Münchner Tafel. „Und wir wollen diese Menschen ermutigen: Diejenigen, die gerade eine Durststrecke haben, dürfen zu uns kommen. Dafür braucht sich keiner schämen.

Vergangene Woche berichtete die Stadt, dass im Mai mehr als 51.000 Münchner arbeitslos gemeldet waren - rund 5200 mehr als im April. Mit 4,8 Prozent ist das die höchste Arbeitslosenquote für einen Mai seit zehn Jahren.

Neulinge in der Not: Rafael V. und seine hochschwangere Frau Vanessa sind erst seit Kurzem Kunden der Tafel.

Corona-Krise bringt Münchner Tafel Zulauf: Mehr als 3000 junge Helfer folgen Aufruf

So gibt es auch viele neue Gesichter bei der Tafel. Zum einen diejenigen, die mit Corona in eine Krise gestürzt sind. Der große Ansturm kam aber von denen, die sich entschlossen haben, zu helfen. Als die Münchner Tafel am Anfang der Pandemie einen Aufruf für Freiwillige startete, hoffte man auf ein paar Ersatzkräfte - denn von den 650 Mitarbeitern der Tafel gehörten fast 70 Prozent zur Risikogruppe. Gemeldet haben sich darauf mehr als 3000 junge Helfer.

„Wir waren überwältigt von dieser Hilfsbereitschaft“, sagt Kiethe. Mit der Kontaktbeschränkung musste die Münchner Tafel fast alle der 27 Ausgabestellen dichtmachen - sie waren nicht Corona-konform. Geschlossen hatte die Tafel aber nie. „Wir haben alles auf eine zentrale Stelle verlegt“, sagt Hannelore Kiethe. „An der Großmarkthalle war genug Platz für Mindestabstände. Wir haben Tag und Nacht an der Logistik gearbeitet, damit wir nahtlos weitermachen können.“

Corona-Krise bringt Münchner Tafel Zulauf: Polizei kontrolliert Schutzmaßnahmen auch per Hubschrauber

Immer wieder habe die Polizei kontrolliert, ob Maskenpflicht* und Hygieneregeln* eingehalten wurden. „Einmal sind die sogar mit einem Hubschrauber über das Gelände geflogen“, erzählt ein Mitarbeiter der Tafel. Mittlerweile durften viele der Ausgabestellen wieder öffnen - und bis Ende dieser Woche sollen laut Kiethe wieder an 20 Stellen Lebensmittel verteilt werden.

Rafael V. sagt: „Was die Tafel macht, ist eine große Leistung. Das gibt mir den Ansporn, einen Job zu suchen, bei dem ich auch anderen helfen kann.“ Sein früherer Beruf im Sicherheitsdienst kommt für ihn nicht mehr infrage. „Da hatte ich ständig Nachtschichten, habe tagsüber geschlafen, und immer wieder kam es zu brenzligen Situationen. Wenn man vier Kinder hat, passt das einfach nicht.“

Vertraute Gesichter: Hannelore Kiethe, hier zusammen mit Fußball-Legende Paul Breitner, hat die Münchner Tafel gegründet.

Corona-Krise bringt Münchner Tafel Zulauf: Ehepaar füllt Bollerwagen mit sieben Einkaufstüten

Der Bollerwagen des Ehepaares ist mit sieben vollgepackten Einkaufstüten gefüllt, als die beiden die Ausgabestelle an der Großmarkthalle verlassen. Für Vanessa S. gibt es sogar einen Strauß weißer Chrysanthemen. Wie Rafael V. sagte: Es ist alles ein bisschen anstrengend im Moment. Trotzdem sind sie glücklich. Und bald einer mehr.

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Kathrin Braun

Rubriklistenbild: © Achim Schmidt

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