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Dieter Reiter beim Besuch in der Merkur-Redaktion.

Merkur-Interview

OB Reiter: „Am Ende entscheidet der Investor“

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Im Merkur-Interview erklärt OB Dieter Reiter, warum er sich keine Sorgen um die Münchner Wirtschaft hat, was er für spannende Architektur hält - und, warum Start-Ups von Berlin an die Isar ziehen sollten.

Herr Oberbürgermeister Reiter, wann langweilt Sie München?

München hat mich noch nie gelangweilt. Und seit ich Oberbürgermeister bin, erlebe ich noch deutlicher, wie spannend München ist.

Dass die Stadt ein bisserl behäbig ist, wie ein Experte kürzlich in unserer Zeitung kritisiert hat – dieser These würden Sie aber nicht widersprechen?

Wer bildet denn ein solches Image? Mit der Kritik von selbstausgerufenen Experten, die der Schweiz zu einer Dubaiisierung raten, kann ich gut leben.

Konkret: In welchen Wirtschaftsbranchen gibt es Nachholbedarf?

Eine, die mir da einfällt, ist die Modebranche. Aber wir sind gerade dabei, gegenzusteuern: Erst letzte Woche hat der Stadtrat auf Initiative der SPD beschlossen, einen Modepreis einzuführen. Damit wollen wir gerade jungen Kreativen in der Modebranche eine Starthilfe geben.

Ist München in Sachen Mode Diaspora?

Die Branche hat sich seit dem Weggang der Modewoche wegverlagert. Aber die Produktion ist in der Regel ohnehin nicht mehr da, wo die Marken sind. Insofern ist es eher eine Imagefrage. Auf die wirtschaftliche Situation der Stadt hat das eher keine großen Auswirkungen. Insgesamt ist unser Problem sicher nicht, dass zu viele Unternehmen wegwollen.

Was bedeutet das für die Politik?

Ich mache mir wirklich überhaupt keine Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung. Wir sind top, nicht nur, was Hightech, IT oder die Automobil-Industrie betrifft. Wir sind auch stolz auf die vielen kleinen und mittleren Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe. Wir haben erst im letzten Jahr das beste Gewerbesteuer-Ergebnis aller Zeiten verzeichnet. Das zeigt, dass München trotz hohem Gewerbesteuersatz und hohen Grundstückspreisen als Standort äußerst attraktiv ist. Unser Problem ist vielmehr, wie wir neue Flächen für Unternehmen in München finden. Deshalb kann ich gut damit leben, wenn sich das eine oder andere Unternehmen im Umland ansiedelt. Das schadet dem Wirtschaftsstandort München insgesamt nicht.

Trotzdem sagen auch Sie, dass die Stadt weiter wachsen muss. Glauben Sie nicht, dass das viele Alteingesessene inzwischen nicht mehr so sehen?

Ich sage nicht: Wir müssen wachsen. Sondern: Wir wachsen. Das ist Fakt. Es gilt, dieses Wachstum zu gestalten. Und da geht es den meisten Bürgerinnen und Bürgern nicht in erster Linie um die wirtschaftliche Entwicklung.

Sondern?

Die Folgen dieses Wachstums: Preissteigerungen, teure Mieten, volle U-Bahnen, Bildungsinfrastruktur, die aus allen Nähten platzt.

Also sehen Sie auch, dass die Münchner insgesamt eher skeptisch sind, was weiteren Zuzug und Wirtschaftswachstum betrifft?

Schwer zu sagen. Viele Menschen profitieren auch von dieser guten Wirtschaftslage: durch ein gutes Einkommen oder einen sicheren Arbeitsplatz zum Beispiel. Andererseits bringt man die sehr hohen Lebenshaltungskosten damit in Verbindung. Für diese ist das Wachstum aber nur ein Faktor – das zeigt ein Blick in beliebte europäische Städte, in denen es kein wirtschaftliches Wachstum gibt. Da steigen die Mieten oft trotzdem. Ich weise übrigens darauf hin, dass Wachstum uns auch Steuereinnahmen sichert. Die brauchen wir, um auch in Zukunft viel Geld in Bildung und Soziales investieren zu können.

Wie sehr besorgt Sie, dass sich viele Reiche aus dem ganzen Bundesgebiet Wohnungen in München als Zweitwohnsitz kaufen? Wohnungen, die dann den Einheimischen fehlen.

Die Wohnungen, die Sie ansprechen, können sich viele Münchner eher nicht leisten. Wenn ein paar Hundert dieser Zweitwohnungen so gut wie nie genutzt werden, hat das auf den Gesamtwohnungsmarkt keine nennenswerten Auswirkungen.

Dürften es nicht mehr als nur ein paar hundert Wohnungen sein?

Es gibt ja keine Statistik, wie viele Zweitwohnsitze kaum genutzt werden. Ich verstehe es, wenn es Münchner ärgert, dass es Wohnungen gibt, in die die Besitzer einmal im Jahr kommen, um dann in München ins Theater oder in die Oper zu gehen. Aber wir werden das nicht ändern können. Wichtiger ist es, dass wir noch mehr Wohnungen bauen als in den letzten Jahren.

Kritik gibt es nicht nur daran, dass wenig gebaut wird, sondern auch daran, wie die Häuser aussehen. Fehlt in München der Mut zu moderner Architektur?

Das Problem ist nicht die Stadt

Aber Sie sprechen doch politisch

mit, etwa durch die Stadtgestaltungskommission.

In der Stadtgestaltungskommission werden Wettbewerbsergebnisse diskutiert und Empfehlungen ausgesprochen. Am Ende entscheiden aber der Investor und der Bauherr.

Da klingt durch, dass auch Sie vieles, was in München gebaut wird, langweilig finden.

Es gibt tatsächlich eher wenig neue Bauten, die mich architektonisch beeindrucken.

Wo sagen Sie in München: Wow, tolle Architektur?

Wenn ich Königshof sage...

...das ist das eine Beispiel, das jedem einfällt zu moderner Architektur...

Sie haben ein Kurzzeitgedächtnis. Wir haben auch das Lenbachhaus, das Museum Brandhorst, die Herz-Jesu-Kirche. Die Hochhäuser auf dem ehemaligen Siemens-Gelände gefallen mir sehr gut. Und vom Entwurf für den Königshof war ich richtig begeistert – wie die Fachleute auch. Viele Bürger sind hingegen offenbar entsetzt. Sie sehen: Die Frage, was schöne Architektur ist, ist gar nicht einfach zu beantworten.

Sollte Politik denn manchmal mutiger sein und auch mal gegen Bürgerproteste sagen: Wir machen das jetzt?

Letztlich kann die Stadt einen Bauantrag nur genehmigen oder ablehnen. Insgesamt gilt natürlich bei Bürgerprotesten, dass wir Politik frühzeitiger und transparenter erklären müssen als früher.

Architekten klagen, dass es nirgends so strikte Vorgaben gebe wie in München.

Das stimmt einfach nicht. Die Architekten klagen über den Preisdruck und hohe Grundstückspreise. Zu mir hat noch kein Architekt gesagt, dass die Stadt München schönes Bauen verhindern würde.

Wäre der neue Hauptbahnhof ein Glanzpunkt?

Ich denke schon – auf jeden Fall im Vergleich zum alten (lacht). Ich kann mir vorstellen, dass auch die Münchner Bevölkerung sagen wird: Es war auch höchste Zeit. Und die Bahn will den Entwurf offenbar tatsächlich umsetzen.

Wenn Sie Mitte 20 wären und ein Start-Up gründen wollten: in Berlin oder in München?

Ich würde nicht nach Berlin gehen. Und ich kenne auch viele Start-Ups, die von Berlin nach München gezogen sind.

Warum?

Der Markt ist in München. Start-Ups brauchen Vernetzung, die Nähe zu Universitäten und Forschungseinrichtungen. München bietet all das in einer Kompaktheit wie nirgends sonst.

Ärgern Sie sich, dass außerhalb Bayerns viele München für provinziell, satt und nicht mehr besonders kreativ halten?

Ärgern ist der völlig falsche Ausdruck. Das stimmt schlichtweg nicht. Die Künstlerszene ist in München sehr aktiv – das zeigt die Nachfrage nach Ateliers, Flächen für Kunst und Übungsräumen – und nicht zuletzt auch das enorme Engagement der Künstler- und Musikszene bei den Montagsdemos. Ich habe keinerlei Sorgen, dass wir zu provinziell werden könnten.

Zusammengefasst wurde dieses Interview von Felix Müller.

München. Den Mut brauchen die Investoren und Bauherren.

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