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Der Güterzug rumpelte beim Güterbahnhof München-Riem über vier Gleise, es entstand Schaden in Millionenhöhe.

“Wo fängt man an, wo hört man auf?“

Pendler werden nach Güterzug-Unfall entschädigt - doch nicht alle profitieren

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Nach dem Güterzugunfall in München-Riem entschädigt die Deutsche Bahn ihre Pendler – allerdings nicht alle. Das macht die S-Bahn-Fahrer nun wütend.

München/Mühldorf – Am 28. April kurz vor Mitternacht sollte Güterzug 69150 auf dem Bahnhof München-Riem seine Fahrt nach Bremerhaven starten. Er kam nicht weit: Weil offenbar zwei sogenannte Hemmschuhe, also Sicherungskeile, nicht entfernt worden waren, entgleisten die Lokomotive und mehrere Waggons schon wenige Meter nach dem Start. Die Folgen: Gleise und Weichen wurden verbogen, die Oberleitung heruntergerissen und ein Mast abgetrennt. Schaden: rund vier Millionen Euro.

Nach dem Unfall war die viergleisige Strecke, über die auch die Züge der Südostbayernbahn (SOB) aus Mühldorf sowie die S2 aus Erding fahren, tagelang gesperrt. Es dauerte über eine Woche, bis wieder ein normaler Zugverkehr möglich war.

Lesen Sie dazu auch: Entgleister Güterzug bei Riem - So lief die Bergung - das ist der schlimme Schaden

Die Südostbayernbahn reagiert jetzt auf den Störfall: Sie wandte sich schriftlich an die Stammkundschaft, bat um Entschuldigung und erstattet den Abo-Kunden pauschal 50 Euro. Rund 3400 SOB-Nutzer seien angeschrieben worden, bestätigt ein Bahnsprecher. Daraus kann man folgern, dass sich die SOB ihre Entschädigungsaktion einiges kosten lässt: rund 150 000 Euro. Auch der Pendler Michael Wengler, der in seinem Blog „zukunft-suedostbayern.info“ die SOB bei Verspätungen oft scharf aufs Korn nimmt, lobt die Aktion der Bahn. Bisher sei man ja oft „mit Gutscheinen für ein Frühstück an Bäckereien“ abgespeist worden.

„Wo fängt man da an und wo hört man auf?“

Wer nun aber denkt, auch die Fahrgäste der S2 könnten von der Aktion profitieren, der irrt. Eine Entschädigung der S-Bahn-Stammkunden sei nicht geplant, stellt der Bahnsprecher auf Anfrage unserer Zeitung klar. „Wir befinden uns im Tarifgefüge des MVV“, erklärt er, und außerdem: „Wo fängt man da an und wo hört man auf?“ Es gebe im MVV 375 000 Abo-Vollzahler, jeder könne rein theoretisch geltend machen, dass er die München-Riem-Strecke regelmäßig benutze. Schließlich liege die gesperrte Strecke im Innenraum-Ring 3, den fast jeder in seiner Abokarte befahren könne.

Die unterschiedliche Entschädigungspraxis bei der Bahn hängt auch mit der komplizierten Unternehmensstruktur zusammen. Die SOB mit Sitz in Mühldorf ist eine Ausgründung der DB, die sogar das 550 Kilometer lange Streckennetz und die 79 Bahnhöfe in ihrem Gebiet selbst managt. Sie kann vieles autonom entscheiden. Die S-Bahn München wiederum ist eine Gesellschaft, die dem DB-Konzern direkt unterstellt ist und ihre Fahrgasteinnahmen zum Teil über den MVV bezieht.

Auch Norbert Moy vom Fahrgastverband Pro Bahn fällt spontan keine vernünftige Regelung ein, um trennscharf die wirklich betroffenen S-Bahn-Fahrgäste herauszufiltern und zu entschädigen. Trotzdem rät er der Bahn zu einer „Goodwill-Aktion“. Sie sollte sich eben etwas einfallen lassen. Für nicht sinnvoll hält Moy allerdings Zufalls-Entschädigungen wie etwa das Verteilen von Freikarten für die Erdinger Therme in den Zügen, wie es die S-Bahn zuletzt nach dem großen Störfall auf der Stammstrecke Ende Februar praktiziert hat. „Da erwischt man garantiert immer die Falschen.“ Auf Fahrgastrechte können sich Pendler jedenfalls nicht berufen – die gelten nur für Fernzüge.

Dirk Walter

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