+
Dieses Foto stammt von der letzten Streik-Runde am 22. März – die Demonstranten machten in der Schwanthalerstraße auf sich aufmerksam.

Nichts geht mehr

Es wird wieder gestreikt: Das fordern die Münchner

Der Müll bleibt stehen, viele Kitas bleiben zu, und in den Ämtern und Behörden wird man am Dienstag lange warten müssen. Nichts geht mehr in der Stadt. Es wird wieder gestreikt!

München - Der Müll bleibt stehen, viele Kitas bleiben zu, und in den Ämtern und Behörden wird man heute lange warten müssen. Nichts geht mehr in der Stadt. Es wird wieder gestreikt! Grund dafür ist der ganztägige Warnstreik, zu dem die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für Dienstag bundesweit aufgerufen hat. „Wir wollen, dass die Städte und Gemeinden endlich erkennen, dass ihre Beschäftigten keine Kostenblöcke sind“, schimpft der Münchner Gewerkschafts-Chef Heinrich Birner, „sondern ihr wertvollstes Gut.“ Deswegen fordert die Gewerkschaft eine Einkommenserhöhung von sechs Prozent für bundesweit mehr als 2,3 Millionen Beschäftigte. Zum Streik aufgerufen sind unter anderem die Mitarbeiter der Müllabfuhr, der Stadtwerke sowie etlicher Kinder-Tageseinrichtungen (detaillierte Infos im Netz auf muenchen.de). Auch Flugreisende sollen die Auswirkungen des Warnstreiks zu spüren bekommen. Ab 9.45 Uhr führen zwei Demonstrationszüge von der Arnulfstraße ausgehend durch die Stadt. Apropos Züge: Beim öffentlichen Nahverkehr wird es keine Einschränkungen geben. Wir haben mit Menschen gesprochen, die heute streiken und Bürger befragt, was sie davon halten.

Lesen Sie dazu auch: Lufthansa streicht 800 Flüge wegen Verdi-Warnstreiks

Müllabfuhr & Co.

Mehr Gehalt: Für Basak Schnös (li.) startet der Tag pünktlich um sechs Uhr morgens am Betriebshof des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWM). Von dort aus will die Angestellte zusammen mit ihren zwölf Azubis losziehen. Von der Schwanthalerstraße Richtung Stachus. „Wir erhoffen uns eine Gehaltserhöhung von mindestens 200 Euro“, erklärt die 27-Jährige, „außerdem wollen wir, dass unsere Azubis nach ihrer Ausbildung einen unbefristeten Vertrag bekommen.“

Auch Fritz Gattinger setzt sich für bessere Bezahlung ein. Als der 53-Jährige hört, dass die Arbeitgeber künftig nur noch höhere Lohngruppen besser bezahlen wollen, wird er wütend. „Die Bedingungen müssen vor allem für unsere Berufseinsteiger besser werden“, so Gattinger.

Vielleicht interessiert Sie auch das: Keine Freistellung bei Streik in Kita und Nahverkehr

Klinikum

Bedingungen sind schlecht: „Die Pflege ist am Boden“, sagt Maximilian Kadach, der vor drei Jahren eine Ausbildung am Städtischen Klinikum begonnen hat. „Es wundert mich überhaupt nicht, dass so viele ihre Ausbildung abbrechen“, so Kadach, „die Bedingungen sind einfach zu schlecht.“ Die Bezahlung, die Belastung – „den meisten Azubis fehlt sogar die Aussicht auf einen gesicherten Arbeitsplatz“. Um einen Ausgleich zu schaffen zwischen den stetig steigenden Lebenserhaltungskosten und seinem Gehalt, will Kadach nicht nur einen Tag, sondern 48 Stunden lang streiken. „Die Akademie hat sich leider sehr unkooperativ gezeigt“, erzählt er. So seien Prüfungen extra auf den Streiktag verlegt worden. „Das geht so nicht“, schimpft Kadach. Nach dem offiziellen Streik wollen die Azubis morgen vor der Geschäftsstelle der Akademie protestieren.

Baumamt

Mehr Respekt: „Ich fühle mich nicht wertgeschätzt“, sagt Margot Vogl aus dem Münchner Bauamt. 2000 Euro netto verdient die 52-Jährige monatlich. Sie komme damit aus, doch nur weil ihr Mann ebenfalls berufstätig sei. „Aber wenn unerwartet größere Ausgaben anstehen, wird es schwierig“, sagt die Dachauerin. Wenn zum Beispiel das Auto repariert werden muss oder Reifen fällig sind. Das fresse jedes Mal ein Loch in die Kasse. Für solche Fälle lege sie natürlich Geld zurück. „Aber ich wohne in Dachau, und im Münchner Umland ist das Leben fast genauso teuer wie in der Stadt.“ Außerdem gebe es kein richtiges Urlaubsgeld. Das rechne ihr Arbeitgeber in einer Einmalzahlung gemeinsam mit dem Weihnachtsgeld ab – welches seit 2005 nicht erhöht wurde.

Beleuchtung

Job muss zum Leben reichen: „Meine Nebenkosten sind in letzter Zeit um 50 Prozent gestiegen“, sagt Olaf Göltl. Der 58-Jährige verdient 2800 Euro brutto monatlich. „Damit komme ich eingermaßen über die Runden. Doch für Menschen, die weniger verdienen, muss sich etwas ändern!“ Und dafür geht er heute auf die Straße. Seit 1982 kümmert er sich um die Straßenbeleuchtung in der Stadt. Einige seiner schlechter verdienenden Kollegen hätten einen zweiten Job. Nur so könnten sie sich ihre Familie ernähren. „Das darf nicht sein“, sagt Göltl. Sechs Prozent mehr Lohn oder mindestens 200 Euro zusätzlich würden Geldsorgen vieler zwar nicht verschwinden lassen. „Aber sie würden kleiner.“

Hort

Ein sehr teures Pflaster: „In München ist es nicht einfach zu überleben“, sagte Andreas Jeenicki (40). „Das Wichtigste ist für uns, dass wir gewertschätzt werden.“ Denn im Moment fühle sich das nicht so an, so Jeenicki. Die meisten Arbeitgeber wüssten auch nicht, dass viele ihrer Mitarbeiter länger arbeiten als vertraglich vereinbart.„Ohne meinen Nebenjob würde ich es hier nicht schaffen. Ich habe mir ein bisschen was aufgebaut, aber vor neun Jahren hatte ich bis zu drei Nebenjobs, sonst hätte ich es hier nicht geschafft.“ Jeenicki ist neben der Arbeit im Hort auch Schwimmlehrer. „Das Leben hier ist hart. Ich hoffe, dass wir das ändern können.“ 

Das sagen die Bürger

Ich unterstütze den Warnstreik voll und ganz. Lebensmittel, Fahrkarten, Miete: Alles, was zum Leben gehört, wird teurer. Es ist schwer genug, überhaupt Arbeit zu finden. Und wenn man eine hat, sollte man seinen Kindern eine Zukunft bieten können. Ich würde auch streiken gehen. Wie soll man sonst alles bezahlen?

Mila Schwede (64), beschäftigungslose Witwe aus München

Stadtverwaltung

Für mehr Geld: Mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und einem schwarzen Luftballon in der Hand ist Alexander Demus zuletzt schon auf die Straße gegangen. „Die Arbeitgeber sollen endlich merken, dass es uns ernst ist“, schimpft der städtische Angestellte. Mit seinem Gehalt von etwa 2000 Euro netto komme er gerade so aus, erzählt er. Wenn allerdings mal eine Anschaffung außer der Reihe ansteht – ein neues Handy oder ein Computer, „dann geht das nicht mehr einfach so locker-flockig.“ Um die Arbeitgeber zum Nach- beziehungsweise Umdenken zu bewegen, will der 26-Jährige seine Arbeit 24 Stunden lang niederlegen und gemeinsam mit seinen Kollegen von der Arnulfstraße aus durch die Straßen ziehen. „Wir haben sogar Banner gebastelt“, erzählt er. „Was da drauf stehen wird, ist allerdings noch streng geheim.“

Agentur für Arbeit

Wer denkt eigentlich an uns? Seit 27 Jahren arbeitet Heidimarie S. (59) bei der Agentur für Arbeit, Roger Zschiesche (47) auch schon seit mittlerweile über zehn Jahren. „Für mich macht der Streik einfach Sinn“, sagt Heidimarie. „Wie sollen wir sonst unsere Interessen durchsetzen?“ Sie arbeitet in der Leistungsabteilung – diese macht das Arbeitslosengeld erst möglich. „Was ist einem der öffentliche Dienst wert?“, fragt Zschiesche. Die Mitarbeiter in den tariflich tieferen Gruppen kämen besonders am Anfang oftmals „nicht mit der Kohle klar“. „Unsere Pflichten sind jedem bekannt“, seufzt Heidimarie. „Unsere Rechte dagegen – die werden nicht immer voll berücksichtigt.“ Die Arbeitnehmer der Agentur seien für so viele Schicksale und Existenzen verantwortlich. Man solle zumindest auf die Forderungen eingehen.

Straßenreinigung

Bodenlos: „Es ist eine bodenlose Frechheit, dass die Arbeitgeber unsere Forderung nach einer Lohnerhöhung nicht ansatzweise akzeptiert haben“, sagt Ole Wakulat (2.v.l.). Seit 1992 arbeitet der 52-Jährige bei der Straßenreinigung, heute streikt er. „Die unteren Einkommensschichten müssen mehr verdienen, nicht die oberen.“ Dafür geht er heute auf die Straße. Verdis Forderung nach 200 Euro mehr Lohn pro Monat sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein in einer teuren Stadt wie München, sagt er. „Aber für jemanden, der nicht so viel verdient, ist jeder Euro mehr ein Unterschied.“

sb, rm, kab, csc

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

S-Bahn: Sperrung bei der S6 zwischen Grafing und Ebersberg
Zahlreiche Pendler sind Tag für Tag auf den S-Bahn-Verkehr in und um München angewiesen. Doch immer wieder kommt es zu Störungen, Sperrungen und Ausfällen. In unserem …
S-Bahn: Sperrung bei der S6 zwischen Grafing und Ebersberg
Ticket-Eklat vor Metallica-Konzert: Fans beklagen „armseliges Verhalten“
Am Donnerstagabend wollen Metallica die Olympiahalle zum Beben bringen. Einige Fans dürfen das Spektakel wohl nicht miterleben - obwohl sie gültige Tickets besitzen.
Ticket-Eklat vor Metallica-Konzert: Fans beklagen „armseliges Verhalten“
Ärgernis auf Rädern: Darum kann die Stadt das Mietradl-Chaos nicht verhindern
Der Münchner hat sich längst an das Stadtbild mit vielen herumstehenden Leih-Rädern gewöhnt. Daran wird sich wohl auch so schnell nichts ändern. Denn der Stadt sind die …
Ärgernis auf Rädern: Darum kann die Stadt das Mietradl-Chaos nicht verhindern
„Darum ist das Frühlingsfest so viel besser als die Wiesn“, behauptet unser Kollege
Unser oberbayerischer Onlineredakteur meint: Das Frühlingsfest auf der Theresienwiese ist so viel besser als das Oktoberfest. Hier erfahren Sie, warum.
„Darum ist das Frühlingsfest so viel besser als die Wiesn“, behauptet unser Kollege

Kommentare