Fall Böhringer: Mordermittlerin bleibt Antworten schuldig

München - Im Prozess um das Erbe der Parkhaus-Millionärin Charlotte Böhringer haben die Anwälte des verurteilten Mörders Benedikt T. die Arbeit der Mordkommission und des Gerichts scharf gerügt. Die Kriminaler hätten einseitig ermittelt, das Gericht Aussagen falsch interpretiert.

Der Prozess, in dem es eigentlich um die Frage gehen soll, wem der Erbteil des wegen Mordes verurteilten Böhringer-Neffen Benedikt T. zufällt, entwickelt sich immer mehr zu einem zweiten Mordprozess. T.s Anwalt Peter Witting griff die Münchner Mordfahnder gestern scharf an. Sie hätten sich von vornherein auf seinen Mandanten als Täter festgelegt. Anderen Spuren seien die Kriminaler gar nicht oder erst auf Antrag der Verteidigung nachgegangen. Und das erst während des Mordprozesses in den Jahren 2007 und 2008. Getötet wurde die Parkhaus-Millionärin aber schon am 15. Mai 2006.

Im August 2008 war Benedikt T. vom Schwurgericht zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt worden. Die Strafrichter erklärten damals: Für sie stehe zweifelsfrei fest, dass Benedikt T. seine Tante aus Habgier und aus Angst, sie könne ihn enterben, erschlagen habe. In der Urteilsbegründung führte die Strafkammer unter anderem aus, T. habe ein Motiv gehabt. Er habe damit rechnen müssen, dass seine Lebenslüge auffliege. Jahrelang habe er seiner Familie und Freunden vorgegaukelt, er studiere erfolgreich Jura.

Benedikt T. hingegen sagt, er habe sich seiner Tante längst offenbart gehabt, was Böhringers Steuerberater gestern vor dem Landgericht bestätigte. „Sie hat gesagt, er hat sein Studium beendet und war verärgert darüber“, so der Steuerberater. „Hätte sie geglaubt, er habe das Studium erfolgreich beendet, dann wäre sie wohl kaum verärgert gewesen.“ Dies habe er so auch schon im Strafprozess ausgesagt. Doch die Richter gaben in ihrem Urteil an: Das Wort beenden könne auch auf einen erfolgreichen Abschluss hindeuten. „Ich höre heute zum ersten Mal, dass ich so interpretiert wurde“, so der Steuerberater. „Darüber wundere ich mich schon.“

Benedikt T.s Vorwurf, die Fahnder hätten „Fakten geschaffen, die zu meiner Person passen“, wies die für die Ermittlungen verantwortliche Kommissarin gestern zurück. „Wir haben korrekt und professionell gearbeitet!“

Dennoch blieb sie als Zeugin auf viele Fragen eine befriedigende Antwort schuldig. Warum man Genspuren vom Tatort erst zwei Jahre später untersucht habe? Weil diese keine Tatrelevanz gehabt hätten. Warum man das Alibi bestimmter Personen nicht näher hinterfragt habe? „Weil es dazu keinen Anlass gab.“ Warum Zigarettenkippen und eine Weinflasche aus der Wohnung des Opfers erst auf Antrag der Verteidigung ins Labor gingen? „Weil man nur eines nach dem anderen machen kann.“ Warum männliche Bekleidung aus der Wohnung Böhringers, wo sich der Mord zutrug, nicht untersucht worden sei, konnte die Kommissarin gar nicht beantworten. Auch nicht, wohin Hygieneartikel, die Böhringer als Andenken an ihren verstorbenen Mann im Bad als eine Art Schrein aufbewahrt hatte, verschwunden sind.

Antworten auf diese Fragen wären für Benedikt T. wichtig. Denn in dem Zivilprozess, in dem es vordergründig ums Erbe seiner Tante geht, kämpft er auch um ein Wiederaufnahmeverfahren. Den Zivilprozess angestrengt hat sein Bruder Mate. Er wehrt sich gegen die Entscheidung des Schwurgerichts, das damals in seinem Urteil verfügt hatte, dass Benedikt T.s Erbanteil nicht an die Familie, sondern an den Staat gehe. Die Millionen gelten als Tatbeute, deshalb könne Benedikt T. als verurteilter Mörder nichts von seinem Opfer erben. Der Prozess geht heute weiter.

Bettina Link

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