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Oliver Shanti im Gerichtssaal.

314 mal Kinder missbraucht?

Kranker Guru Shanti:  Prozess im Glaskasten

München - Der Guru und Musiker Oliver Shanti hat am ersten Tag seines Prozesses wegen 314-fachen sexuellen Kindesmissbrauchs alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestritten. Das Verfahren verfolgt er aus einem Glaskasten.

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"Ich habe nie Kinder missbraucht, ich habe Kinder sehr lieb", sagte der 60-Jährige am Mittwoch vor dem Münchner Landgericht. Der Angeklagte musste in einem Glaskasten sitzen sowie einen Gummimantel und Mundschutz tragen, da er an einem übertragbaren MRSA-Keim leidet. Dieser kann verschiedene, teils lebensbedrohliche Krankheiten auslösen. 

Kranker Guru Shanti: Prozess im Glaskasten

Der Mann mit dem Künstlernamen Shanti leidet außerdem an Lymphdrüsenkrebs. Shantis Berliner Anwalt Sebastian Bartels sagte: "Unser Mandant ist unschuldig." Die Vorwürfe seien ein "wirtschaftliches Komplott". Die Eltern der mutmaßlich geschändeten Kinder, die ihn beschuldigten, seien Mitbegründer der Shanti-Familie gewesen, einer Wohngemeinschaft zur Produktion von esoterischer Musik. In einem im Gefängnis geschriebenen Papier schilderte Shanti, er habe damit allein 2002 weltweit 10 Millionen Euro umgesetzt. "In dem Jahr nahmen Missgunst und Neid überhand." Seine Gegner hätten einen Kriminellen aus ihm gemacht und ihm alles weggenommen.

Der Guru der spirituellen Gemeinschaft soll sich von 1985 bis 1998 an zwei Mädchen und vier Jungen seiner Kommune vergangen haben. Er hatte sich mit der Gemeinschaft Mitte der 1980er-Jahre in Portugal niedergelassen. Besucher in dem Prozess fühlten sich wie in einer Isolierstation. Beamte in Schutzanzügen und mit Gummihandschuhen führten den ebenso gekleideten 60-Jährigen in den Saal 177 des Landgerichts. Nach Ablegen des Mundschutzes im Glaskasten bestritt der Angeklagte die ihm vorgeworfenen "Schweinereien": "Das sind Dinge, an die ich nicht mal denken kann."

Die mutmaßlichen Missbrauchsopfer waren Töchter und Söhne von Bewohnern der Shanti-Kommune. Der Angeklagte will sich im Juni 2008 wegen seiner Erkrankung der deutschen Botschaft in Lissabon gestellt haben. Laut Staatsanwaltschaft wurde er dagegen gefasst, als er bei der Konsularabteilung der Botschaft seinen Pass verlängern lassen wollte. Zwei der laut Anklage missbrauchten und inzwischen erwachsenen Opfer hatten sich 2002 einer Anwältin offenbart und Anzeige erstattet. Einer der jungen Männer war noch im selben Jahr an einem Hirntumor gestorben. Shanti war seither auf der Flucht.

Nach Aufenthalten in Singapur und Bali habe er zuletzt viereinhalb Jahre in dem portugiesischen Wallfahrtort Fatima gelebt, erzählte der Angeklagte. Mit seiner Frau hatte er nach eigenen Worten eine Ehe ohne Sex geführt. Shanti outete sich als homosexuell, er interessiere sich "nur für junge Männer von 17, 18, 19 Jahren". Wortreich schilderte der ehemalige Seemann seine Erfolge als Musikproduzent. Mit zahlreichen CDs mit orientalisch inspirierter Musik habe er "Millionen" verdient. "Ich war der Mann des Geldes", sagte er. Eine Finca in Portugal mit zwölf Gebäuden sei sein Eigentum gewesen, das habe zu "Neid und Missgunst" geführt.

Zur Fortsetzung der Verhandlung am Donnerstag sind erste Opfer als Zeugen geladen: damals noch Mädchen, sind die Frauen mittlerweile 32 und 33 Jahre alt sind. Die Anwälte dieser beiden Nebenklägerinnen haben Anträge auf Ausschluss der Öffentlichkeit während der Vernehmung angekündigt. Für den Prozess hat das Gericht bisher acht Verhandlungstage festgesetzt. Sitzungstage bis Ende des Jahres sind reserviert.

Stichwort: Krankheitserreger MSRA

Rund 35.000 Menschen erkranken Schätzungen zufolge jährlich bundesweit an dem gefährlichen Krankenhauskeim MRSA. Etwa 1500 sterben an dem Erreger, der gegen Antibiotika resistent ist. Infektionen mit MRSA sind nicht nur in Kliniken, sondern auch in Pflegeeinrichtungen und Altenheimen ein wachsendes Problem. MRSA steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus, ein Staphylokokken-Keim, der durch den weltweit häufigen Einsatz von Antibiotika vor allem gegen das Breitband-Antibiotikum Methicillin unempfindlich geworden ist.

Der Erreger kommt auf der Haut und in den Schleimhäuten der oberen Atemwege vor. Gesunde erkranken selten an MRSA. Auch für die meisten Krankenhauspatienten ist er nicht gefährlich. Sie können den Erreger aber weitertragen und andere gefährden. Kritisch wird es, wenn die resistente Variante des Bakteriums kranke Menschen befällt, die offene Wunden haben oder deren Abwehr geschwächt ist. MRSA kann Lungenentzündungen, Blutvergiftungen oder andere Infektionen auslösen, die bisweilen tödlich sein können.

dpa

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