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Helene Fischer bei ihrem Auftritt ARD-Show „Schlagercountdown“.

So hart ist es hinter den Kulissen

Helene Fischer & Co.: Alle lieben wieder Schlager

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Am Samstag kommen 9.000 Schlagerfans nach München. Die deutsche Gute-Laune-Musik ist so beliebt wie nie. Ein Blick in eine faszinierende Traumwelt voller Liebe und Herzschmerz, die hinter den Kulissen ein knallhartes Geschäft ist.

München – In der zweiten Pause nahm Max seinen ganzen Mut zusammen. Er sprang zum Musik-Rekorder neben dem Lehrerpult, fischte die CD der Band Metallica heraus und drückte die Kastelruther Spatzen rein. „Jetzt hören wir mal meine Musik“, rief er. Trompeten und Akkordeon dudelten auch gleich los, aber sonst war es mucksmäuschenstill in der sechsten Klasse der Hauptschule in Milbertshofen. Schlager in der großen Pause. So was hatte es noch nicht gegeben.

16 Jahre ist das jetzt her, aber Max Morath, heute 28, erinnert sich genau. Er ist noch immer der Super-Schlager-Fan, reist auf zig Konzerte und hat mehr Fan-Schals als manch jemand Unterhosen. „Es war eigentlich ein Wunder, dass ich mir da in der Pause keine Watschn eingefangen hab“, sagt er und grinst. Damals brach er ein Tabu in der Klasse, heute muss er sich für seine Liebe nicht mehr schämen, denn Schlager sind angesagt wie nie. Nicht nur die CD-Regale der Großeltern sind voll davon, sondern auch die Smartphones der Jugendlichen, die Stadel der Burschenvereine und die größten Konzertsäle des Landes.

Schlager-Boom: Die Fans wollen vom Alltag abschalten und einfach Party machen

Frauenschwarm, Jugendidol, Schlagersänger: Wenn Andreas Gabalier auftritt, flippen die Fans aus. Schlager sind so beliebt wie lange nicht.

Die Zahlen sind beeindruckend: Andreas Gabalier, 32, verkaufte über 70 .000 Karten für sein Konzert im Münchner Olympiastadion, die Menge kreischte lauter als bei Michael Jackson, sein Video zum Lied „Hulapalu“ hat im Internet 70 Millionen Aufrufe. Helene Fischer, 32, spielt kommendes Jahr gleich an fünf Abenden in der Olympiahalle, die Tickets kosten bis zu 110 Euro. Die Nachfrage? Gigantisch. Und am Samstag macht die „Schlagernacht des Jahres“ in München Station: ein Gute-Laune-Marathon mit zwölf Künstlern, sechs Stunden lang. Howard Carpendale wird kommen, Vicky Leandros, Semino Rossi und Matthias Reim. 9.000 Fans schunkeln bis spät in die Nacht in einer Welt voll Liebe und Herzschmerz. Auch, wenn es eine Traumwelt ist. Alle lieben neuerdings wieder Schlager. Aber warum?

Super-Fan: Max Morath mit Sängerin Laura Wilde. Er hat sie 2012 auf der Münchner Schlagerparade entdeckt.

Das kann nur ein echter Fan erklären, einer wie Max Morath. Der Münchner, kurze schwarze Haare, Brille, arbeitet unter der Woche in einer Steuerkanzlei, aber mit sehr flexiblen Arbeitszeiten, denn er muss ja ständig zu Schlagerkonzerten und Fernsehauftritten reisen. Sein verrücktester Trip: Freitagmittag mit dem Auto nach Ukarat bei Hamburg zu einem Konzert im Kinosaal mit 200 Gästen. Samstagfrüh 1.000 Kilometer in den Schwarzwald. Und danach 400 Kilometer heim, hundemüde ins Bett.
 
Daheim stapeln sich die Schlager-CDs in fünf Regalständern, aber oft kommt er nicht dazu, sie anzuhören, denn er spielt auch noch Steirische Harmonika im Trachtenverein und schreibt für das Internetportal schlager.de. Ein Rund-um-die-Uhr-Fan eben. „Die Schlagerszene ist wie eine Familie, das gefällt mir“, sagt er. „Für die meisten Leute ist aber wahrscheinlich am wichtigsten, mal vom Alltag wegzukommen und einfach Party zu machen.“

Abschalten. Entspannen. Dafür reichen eine einfache Melodie und ein eingängiger Text, am besten einer, den man gleich mitsingen kann. Wo sich Herz auf Schmerz reimt und geflogen auf belogen. Kritiker mosern deswegen immer, dass die Inhalte seicht und die Akkorde immer gleich sind. Udo Jürgens war einer der letzten, der auch mal Gesellschaftskritik geübt hat, zum Beispiel über das kleinbürgerliche Leben in seinem Hit „Ich war noch niemals in New York“ und das Heimweh der Gastarbeiter in „Griechischer Wein“. Aber mal ehrlich: Viele englische Lieder sind genauso einfach gestrickt wie Schlager, es fällt bloß nicht auf.

Das Geheimnis des Schlagers: Er passt sich immer wieder an

Außerdem ist das Phänomen Schlager nicht totzukriegen, obwohl es manchmal schon danach aussah. Bis in die 1960er-Jahre dominierte die Musik, sie war Balsam für die Seele der geschundenen Kriegsgeneration. „Wenn das Wasser im Rhein gold’ner Wein wär“ sang man, „Lass uns träumen vom Lago Maggiore“ und „Bobby backt einen Kuchen“. Ja, das war wirklich angesagt. Aber dann verdrängten der Rock’n’Roll und die Beatles die Heile-Welt-Musik. Bis Dieter Thomas Heck, heute 79, und die „ZDF-Hitparade“ am 18. Januar 1969 ins Fernsehen kamen. Roy Black, Michael Holm und Heino wurden unglaublich populär. Da war sie wieder, die heile Welt.

Der Schlager passte sich noch oft an: Er wurde bunter, schriller und lauter. Guildo Horn zum Beispiel stand mit Schlaghosen und kunterbunten Hemden auf der Bühne und sang „Guildo hat Euch lieb“. Totaler Unfug, aber ein Ohrwurm. Das ist das Geheimnis des Schlagers: Die Musik lässt sich nicht in eine Ecke drängen. Es gibt Volkstümliches von den Kastelruther Spatzen, Karnevals- und Ballermann-Party von Mickie Krause, Liebeslieder von Andrea Berg und Musik mit viel Bass wie zum Beispiel Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“. Zu fast allen neuen Schlagern gibt es DJ-Versionen für die Clubs.

Bei der „Schlagernacht“ in München treffen die verschiedenen Arten des Genres aufeinander. Jeder Künstler hat etwa 20 Minuten, gesungen wird live, die Musik eingespielt. Das spart Umbaupausen. Davor tanzen die Fans. Und ja, manche trinken ein Bier zu viel. Party eben.

Schlager: Beim Feiern vor der Bühne benehmen sich manche wie Hyänen

Der Fanclub: Irmi Riedel-Schleicher mit Freund Kony Haberl (re.) und dem Duo „Fantasy“. Sie treten auch am Samstag bei der „Schlagernacht“ in München auf.

Eine, die seit 25 Jahren bei den Schlagerparaden in München dabei ist, ist Irmi Riedel-Schleicher, 51, aus Berg am Starnberger See. Sie ist Fanclub-Chefin des Duos „Fantasy“, das am Samstag auch auftritt. Früher, erzählt sie, waren die Feste aber schöner. Sie gingen um 14 Uhr los und dauerten schon mal bis Mitternacht. Nach zehn Stunden war immer noch nicht Schluss, „weil Roland Kaiser einfach nicht aufhören wollte“. Heute sei alles kommerzialisiert, die Security verhindere jeden Kontakt der Fans zur Bühne. Es treten immer dieselben Künstler auf, obwohl es so viele kleine, gute Gruppen gäbe. „Und die Leute führen sich auf wie die Hyänen.“ Es wird gedrängelt, da haben Fans wie Irmi Riedel-Schleicher, 1,60 Meter groß, das Nachsehen.

Trotz des Trubels in der Olympiahalle: Im Deutschland-Vergleich hinkt Bayern in Sachen Schlager hinterher. Im Ruhrgebiet und im Berliner Raum gibt es ständig Festivals wie die Schlagernacht. Und als Helene Fischer schon riesige Hallen in Hamburg füllte, trat sie in München noch im Circus Krone auf. Helene Fischer ist ja sowieso das Paradebeispiel der neuen Schlager-Generation. Sie absolvierte eine Musicalausbildung, aber dann empfahl ihr der Manager den Schlager. Sie weinte, wird erzählt, aber machte es. Ihr erster Auftritt war bei Florian Silbereisen, 2006 kam das erste Album auf den Markt. Heute ist sie mit Silbereisen zusammen und die umsatzstärkste deutsche Künstlerin. 2017 kam das Album „Helene Fischer“ heraus.

Schlager-Branche: Hinter den Kulissen ist das Geschäft knallhart

Der Erfolg gibt den Produzenten recht. So heil die Welt in den Texten scheint, so grausam ist sie aber hinter den Kulissen. Denn Schlager ist ein knallhartes Geschäft. Viele Künstler wittern Ruhm und Geld, aber sie stoßen auf einen Teufelskreis: Wer nach oben will, muss verkaufen, aber Auftritte im Fernsehen bekommt nur derjenige, der schon Erfolg hat. Früher war das anders, es wimmelte von Schlagersendungen. Heute gibt es nur noch Florian Silbereisen und Carmen Nebel. Auch im Radio läuft Schlager nicht mehr im Hauptprogramm, sondern im Digitalen und im Internet.

Auch Super-Fan Max Morath war lange begeistert von Helene Fischer. Inzwischen gehört sein Herz Laura Wilde, 28, sie hat den großen Durchbruch noch nicht geschafft. Infiziert vom Schlagerfieber haben ihn aber seine Großeltern, die immer Kastelruther Spatzen hörten. „Schlager entdeckt man nicht von selbst. Das bekommt man von jemandem mit“, sagt er. So wie die Klassenkameraden damals. Einige hat er begeistert – sie waren inzwischen schon mit auf Konzerten.

dor

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