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Eine Idee, viele Gesichter: Im Dezember 2013 wurde der erste öffentliche Bü- cherschrank eröffnet – auf dem Bild oben sind Zeichner/Autor Ali Mitgutsch und Vereinsvorstand Doris Niemann zu sehen.

Immer mehr Standorte

Wie die Bücherschränke München erobern

Fünf öffentliche Literatur-Tauschbörsen gibt es mittlerweile – weitere sind in Vorbereitung, unter anderem in Laim.

München - Nehmen, geben oder leihen – das Prinzip eines offenen Bücherschranks ist schnell erklärt. Ohne Anmeldeformulare, Leihfristen oder Öffnungszeiten kann sich jeder bedienen. Nur diskriminierende, rechtsradikale oder pornografische Literatur ist verboten. Bisher gibt es in München fünf solcher öffentlichen Bücherschränke – und es werden mehr. In diversen weiteren Stadtteilen wird gerade über Bücherschränke diskutiert.

Am Laimer Anger soll bald ein weiterer Bücherschrank stehen

Auch nach Laim könnte einer kommen. Die Bürgerin Elfriede Freudenreich ließ sich von der Idee inspirieren und wandte sich kürzlich an den Bezirksausschuss Laim (BA). Der befürwortet ihren Vorschlag, den Bücherschrank am Laimer Anger aufzustellen, und möchte sie als Initiatorin unterstützen. Freudenreich wohnt seit knapp 40 Jahren in Laim und engagiert sich ehrenamtlich für das kulturelle Leben im Stadtteil. Sie ist Vorsitzende des Jazz Clubs in München, organisiert Musikabende und Lesungen im Laimer Kulturzentrum Interim. „Es soll hier im Viertel vorwärtsgehen, und wenn der Bücherschrank in anderen Stadtteilen funktioniert, dann hier ja wohl auch“, sagt Freudenreich.

Als ehemalige Buchhändlerin kennt sie sich in der Literaturwelt aus und kann auf viele Kontakte zurückgreifen, die bereits ihre Hilfe angeboten haben. Sie vermutet, dass so viele Bücher gespendet werden, dass gar nicht alle in den Schrank passen. Denn für den Bücherschrank erwartet Freudenreich keine hohe Literatur. Ihr ist wichtig, dass für jeden etwas zum Lesen dabei ist, zum Beispiel auch für Kinder. „Die größte Herausforderung wird wohl eher sein, dass keiner den Schrank verschmiert oder zumüllt“, befürchtet sie.

Den Pasinger Schrank, mit Projektleiter Rüdiger Schaar, gibt es seit einem Jahr.

Freiwillige Paten kümmern sich um die Schränke

Deshalb sollte es für jeden Bücherschrank freiwillige Projektpaten geben, die den Schrank regelmäßig säubern und auf fragwürdige Bücher überprüfen, rät Doris Niemann, Vorsitzende des Vereins Offene Bücherschränke Schwabing-West. 2013 eröffnete sie am Nordbad den ersten Bücherschrank Münchens und hat einen Überblick über alle Projekte dieser Art in der Stadt. Schon bei der Premiere sei es überhaupt kein Problem gewesen, Paten für den Bücherschrank zu finden, erzählt sie. „Für mich verdeutlicht das große freiwillige Engagement, wie geschätzt der Bücherschrank in Schwabing ist.“ 

In Schwabing werden täglich ca. 100 Bücher getauscht

Täglich überprüft ein Freiwilliger den Bücherschrank, der an der Ecke Schleißheimer- und Elisabethstraße steht. Die Glasscheiben werden gewischt, DVDs, CDs oder unpassende Bücher entsorgt. Welche Literatur unerwünscht ist, entscheiden die Paten. Eine Bibel oder ein Koran seien schon erlaubt, sagt Niemann. Ab und an liegen aber auch missionarische Schriften von Sekten im Schrank, und die müssen raus, erklärt sie. Mittlerweile ist der Bücherschrank zu einem regelrechten Umschlagplatz für Literatur geworden. Niemann schätzt, dass hier täglich um die 100 Bücher getauscht werden.

Schlechte Erfahrungen hat sie in den drei Jahren nur wenige gemacht. „Bisher wurden in München keine Schränke zerstört oder verschmiert“, sagt sie. Es sei aber schon vorgekommen, dass Bücherschränke komplett leer geräumt wurden. „Das ist natürlich schade, aber dagegen kann man nichts machen. Außerdem ist der Schrank ja auch im Nu wieder gefüllt.“

Zuletzt eröffnet wurde der Bücherschrank in der Au, Am Herrgottseck 2.

Ein Schrank pro Bezirk ist mittlerweile erlaubt

Anfangs sei es schwierig gewesen, die Stadt von einem offenen Bücherschrank zu überzeugen, erinnert sich die Initiatorin. Schließlich sei der öffentliche Raum in München begrenzt und könne nicht einfach voller Schränke stehen. Mittlerweile erlaubt die Stadt dank einer vorübergehenden Sonderregelung einen offenen Bücherschrank pro Bezirk. Ein eingetragener Verein muss die Verantwortung für den Bücherschrank übernehmen und auch für die Finanzierung sorgen. Die Kosten von rund 10.000 Euro für das spezielle Schrankmodell werden häufig durch den jeweiligen Bezirksausschuss oder mit Fördergeldern der Stadt bezuschusst. „Mittlerweile ist die Planung eines Bücherschranks wesentlich einfacher geworden, sodass er binnen eines halben Jahres aufgestellt werden kann“, schätzt Niemann.

„Die Laimer sollen ihre Bücher schon mal sammeln“, sagt Elfriede Freudenreich. Ihre Planungen sind zwar noch am Anfang, aber sie ist davon überzeugt, dass am Laimer Anger schon bald eine weitere Tauschbörse für Literatur eröffnen wird.

Hier entstehen öffentliche Bücherschränke:

Zurzeit gibt es in München fünf Bücherschränke. Die genauen Standorte:
  • Schwabing-West am Nordbad (Ecke Schleißheimer-/Elisabethstraße)
  • am Rathaus Pasing
  • in Moosach an der Bunzlauerstraße 44-46
  • in Sendling Westpark am Partnachplatz 
  • in der Au (Am Herrgottseck 2) 

Im Sommer wird in Schwabing-West ein weiterer Bücherschrank am Ackermannbogen aufgestellt. Konkrete Planungen laufen auch in Bogenhausen vor dem Cosimabad und in Giesing am Giesinger Bahnhof. 

Standorte diskutiert werden inLaim, in der Isarvorstadt, inSendling, Thalkirchen, und im Hasenbergl sowie in Neuhausen und der Maxvorstadt. Auch für das Werksviertel in Berg am Laim gibt es bereits grobe Planungen.

Johanna Sagmeister

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