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„München ist die schönste Stadt der Welt“, findet Harry G. „Außer, du wohnst hier und musst Miete zahlen“...

Ist das noch unser München? Teil 11 der Serie

„München ist schönste Stadt der Welt - außer du wohnst hier und zahlst Miete“: So sehen Bürger den Wandel

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Wie viel München steckt noch in unserer Stadt? Dieses Thema hat Sie, liebe Leser, sehr bewegt. Im letzten Teil lesen Sie, was die Münchner zum Wandel der Stadt sagen. Wie hat sich München im Laufe der Zeit verändert?

München, unser München! Wir denken an Lederhosn, an die Frauenkirche vor Föhnhimmel und Alpenkulisse. München, unser München! Das ist ein ganz eigenes Lebensgefühl, geprägt von eigenen Bildern und einer langen Geschichte. Und die Zeit geht auch an dieser Stadt nicht spurlos vorüber... Wir haben uns gefragt: Wie viel München steckt noch in München? Und sind dieser Frage in vielen Ausgaben auf den Grund gegangen. In der heutigen letzten Folge haben die Münchner das Wort. 

Der Verkehr ist unser Problem

Wenn nur die Miete nicht wäre Wenn du schon mal um sechs Uhr morgens durch München gelaufen bist, wenn langsam alle Baustellen erwachen und die Handwerker die Einzigen sind, die man auf der Straße sieht, und am Viktualienmarkt nur Verkäufer und Lieferanten geschäftig den Tag vorbereiten und weit und breit noch kein Tourist in Sicht ist, wenn die Isar noch menschenleer durch die Stadt fließt: Mei, dann weisst du, München ist noch immer eine ganz normale Stadt. Und wenn dann diese Stadt zum Leben erwacht und durch ihre Schönheit zum Magnet für Menschen aus allen Ländern dieser Welt wird, dann weißt du: Es ist die schönste Stadt der Welt. Außer, du wohnst hier und musst Miete zahlen. 

Harry G (38), Kabarettist

Der Verkehr ist unser Problem Das Besondere an München und der Region sind - neben uns manchmal gern grantelnden Urmünchnern (auch das gehört dazu) - die vielgepriesene Lebensart und der Stolz, mit dem wir unsere Traditionen bewahren und auch leben. Richtig wütend macht mich allerdings die Tatsache, dass die Stadverwaltung das Wachstum Münchens (das sicher nicht aufzuhalten ist) in unverantwortlicher Weise, zum Beispiel mit Werbung für Firmenansiedlungen, auch noch befeuert! In der Folge weist man dann immer neue Siedlungsgebiete (Freiham, Feldmoching , Daglfing etc.) aus. Keiner denkt aber scheinbar daran, zuerst die Infrastruktur wie die Verkehrssysteme (Schienen und Straßen), die gegenwärtig schon vor dem Kollaps stehen, auszubauen. Hier macht man leider immer den zweiten Schritt vor dem ersten. 

Alexander Bauer (49), technischer Beamter, mit Lea (6)

Vermisse viel München ist bei Weitem nicht mehr, was es einmal war. Ich vermisse die Gesprächsbereitschaft, mal einen unverbindlichen Plausch auf der Straße. Die privat geführten Geschäfte, wo man die Leute kannte und einfach mal Grüß Gott sagte. Schöne alte Häuser werden abgerissen und moderne Klötze hingestellt. München war immer so schön überschaubar. Positiv sind die Fußgängerzone und die schönen Passagen in der Innenstadt. Und die guten Verkehrsanbindungen - aber die sind leider viel zu teuer. 

Inge Hösch (71), Rentnerin

Zeitlose Schönheit München verändert sich ständig - das war aber schon immer so. Was uns zusammenhält und was unsere Stadt auch so lebenswert macht, ist unsere Einstellung zum Leben. Ob Münchner Gemütlichkeit oder Liberalitas Bavariae: Grundlegende Charakterzüge der Münchnerinnen und Münchner haben noch jede historische Epoche schadlos überstanden. Deswegen mag sich die Stadt an der Oberfläche hin und wieder verändern, beispielsweise aufgrund wichtiger Infrastrukturmaßnahmen, aber im Kern ist München so, wie sie immer war: die schönste und lebenswerteste Stadt der Welt. 

Josef Schmid (48, CSU), Bürgermeister

„Diese Parks und Anlagen müssen unbedingt erhalten bleiben“

Noch liebenswert Meiner Meinung nach ist München momentan noch liebenswert. Das kann sich aber schnell ändern. Ich sehe das Problem der Verdichtung auch, doch wer garantiert uns, dass bei Hochhäusern nicht auch an Grünflächen gespart wird? Es sind doch gerade die grünen Oasen in München, die diese Stadt von den anderen unterscheidet. Diese Parks und Anlagen müssen unbedingt erhalten bleiben. Und eine Industrialisierung durch Hochhäuser lässt allen Charme verlieren und gleitet in eine Anonymität ab. Baut Hochhäuser - aber nicht in der Stadt. 

Claus Spanfelner (70), Rentner

Viel wird plattgemacht Wer wie ich in München geboren ist, wird die Stadt immer lieben. Allerdings: Das Totsanieren der alten Viertel ist schade, alles wird plattgemacht und soll so perfekt wirken. Dabei hatte München immer deshalb Charme, weil es eben nicht perfekt ist. 

Jutta Speidel (63), Schauspielerin

Das Stadtbild ist wunderschön Die echten Münchner, die gibt es noch - und sie haben sich auch kaum verändert. Was wirklich schade ist: Unser schönes Münchnerisch, das ich noch von meiner Mama kenne, spricht keiner mehr. Ich sehe es selbst an meinen Söhnen, die kein Bairisch reden. Dabei ist der Dialekt so wichtig! Das Münchner Stadtbild dagegen ist noch immer wunderschön. Ich bin ein paar Hundert Meter vom Deutschen Museum groß geworden, konnte in der Badehose rüber zum Volksbad springen. Hier hat sich zum Glück kaum etwas geändert. Und nach wie vor haben sofort die Cafés und Biergärten im Freien geöffnet, wenn die Sonne rauskommt. 

Konstantin Wecker: „Was wirklich schade ist: Unser schönes Münchnerisch, das ich noch von meiner Mama kenne, spricht keiner mehr.“

Konstantin Wecker (70), Musiker und Autor

Sehnsucht nach alter Zeit Münch’n, mein Münch’n, du Weltstadt mit Herz, des sogt ma meistens nur no ois Scherz. I deaf des song, i bin da gebor’n. Münch’n, mein Münch’n, dei Herz host valor’n. Münch’n, mein Münch’n, Millionendorf bist g’wes’n. De meist’n Münchner ham des scho vagessn. Koana hat sich über an laut’n Biergart’n beschwert, neamd hat sich an am Glock’ng’leit g’stört. Münch’n, mein Münch’n, schönste Stadt auf da Welt, i möchte niamals weg, net um no so vui Geld. Münch’n, mein Münch’n, i hob di doch gern, konnst net wieda Millionendorf wer’n ? Erst wenn dei Herz wieda o’fangt zum schlong, dann ham mia Münchner a wieda wos zum song. 

Friedrich Kraus

Der Lauf der Dinge Wir Alten sterben weg, und die Jungen wissen es nicht anders. Denen gefällt es so, wie es ist. So ist das Leben! 

Adi Wimmer (83), Rentner, mit Enkel Josef 

„Ich vermisse die bayerische Lebensart, die Toleranz, das Verschrobene“

Für mehr Engagement Als langjähriger Leiter der Theater AG einer Schwabinger Realschule hatte ich schon immer fehlende bairisch sprechende Schüler beklagt. Ganz anders sieht es in meiner Heimat Köln aus: Seit 1983 existiert die „Akademie för uns Kölsch Sproch“: Ein breites Spektrum Kölner Sprache und Kultur wird durch zahlreiche Veranstaltungen für Jung und Alt, aber auch durch Arbeit in Schulen, mit großem Erfolg weitergegeben. Dazu kommen kostenfreie Internet-basierte Angebote. Vielleicht könnte diese Institution eine Anregung, ein Vorbild für ein kulturelles Engagement in München werden. 

Falk-Bodo Bätje (77), Rentner 

Heute ist es anonym Meine Mutter wurde 1900 in Schwabing geboren, sie hat mir ein wunderbares Bild dieser Stadt vermittelt. Leider gibt es das nicht mehr. In der Stadt sehe ich nur noch Menschenmassen, alles ist so anonym. Ich vermisse die bayerische Lebensart, die Toleranz, das Verschrobene und Frotzeln. Früher hat meine Familie im ersten Stock gewohnt. Wenn wir abends Musik gespielt haben, haben uns die Nachbarn gebeten, die Fenster aufzumachen. Eins aber ist für mich noch typisch München: wenn abends um den Hofgarten alle Glocken zeitgleich läuten. Das ist ein wunderbarer Klang für ein Münchner Gemüt! 

Margareta M. (81), Rentnerin 

Lego-Bauten München braucht Wohnungen. Da ist es nur fair und vernünftig, außerhalb des Mittleren Rings in die Höhe zu bauen. Wenn man die Standard-Neubausiedlungen anschaut, denkt man, die Architekten haben in der Kindheit nur mit Legosteinen gespielt. Pure Langeweile. 

Nikolaus Kollin (73), Ingenieur 

Das Lebensgefühl ist einzigartig Natürlich ist München nicht mehr die Stadt, die sie früher einmal war. Vor nicht allzu langer Zeit fuhren sogar noch Autos über den Marienplatz! Heute leben mehr Menschen hier, es gibt vieles, was es früher nicht gab. Was in all den Jahren seit meiner Kindheit gleich geblieben ist, das ist das einzigartige Münchner Lebensgefühl. Die Münchner granteln heute noch genauso gern wie früher, genießen die oft kopierte, aber nie erreichte Stimmung in den Münchner Biergärten, an der Isar, in den Parks. Es sind die Menschen, die hier leben, der Zusammenhalt untereinander, unsere Weltoffenheit und Toleranz dem anderen gegenüber, die dieses besondere Lebensgefühl ausmachen. Und deshalb wird München im Herzen immer München bleiben. 

Dieter Reiter (59, SPD), Münchner OB, mit Gattin Petra

Zu viel los München hat sich sehr verändert, wird immer mehr eine Stadt der Reichen. Früher war es gemütlich, jetzt ist zu viel los. Traditionsläden werden weniger, die Mieten sind zu hoch. Mich stört, dass die Stadt durch die Bebauung kaputtgemacht wird. Immer mehr Beton ersetzt das grüne München. Ich bin leider nicht mehr stolz auf die Stadt. Für normale Münchner oder alte Menschen hat sie offenbar leider keinen Platz mehr. 

Michael Knöringer (42), Sendetechniker 

Viel Positives Natürlich hat sich in München viel verändert, aber trotzdem finde ich noch viele wunderschöne Ecken hier. Und viele neue Entwicklungen sind durchaus positiv: In der Pinakothek der Moderne zum Beispiel bin ich sehr oft zu Gast! Schade allerdings finde ich, dass es viele alte Cafés wie das Rottenhöfer nicht mehr gibt. Dafür bin ich Stammgast im Café Mariandl: Das ist eines der letzten seiner Art - tagsüber kann man hier Kaffee trinken, abends Musik hören. Wie früher! Ich liebe diese einmalige Atmosphäre. 

Ilse Neubauer (75), Schauspielerin 

Bairisch stirbt aus Ich muss sagen, dass München nicht mehr München ist. Und ich als gebürtige und auch Bairisch sprechende Münchnerin finde das mehr als traurig. Vor allem wurde ein großer Fehler begangen, dass man in Schulen keinen Dialekt mehr sprechen sollte, weil sonst die Deutschnoten angeblich schlecht werden. So ein Schmarrn, ich hab immer Dialekt gesprochen und ausgezeichnete Noten gehabt. Meine Generation, 70er-Jahrgänge, das werden die letzten sein, die Bairisch noch sprechen. Dann ist es total vorbei.

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“ 

Stadt der Zuagroasten und Singles: So haben sich die Münchner verändert 

Münchner Stadtbild: Architektur damals und heute unter der Lupe 

Sie führt einen der letzten Tante-Emma-Läden Münchens – Einrichtung von 1950 

Unser Dialekt stirbt aus: In München redet fast keiner mehr Bairisch 

Es lebe der Sport: Früher und heute - was bewegt München? 

Ausgebusselt: Ist die Münchner Schickeria am Ende? 

Wie gemütlich ist München (noch)?

Der Umbruch im Münchner Norden und Osten

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München ist ein Genuss: Wie sich die Schmankerl verändern

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