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Ein Obdachloser, der in einer Fußgänger-Unterführung in München wohnt, sitzt am auf seinem Bett und isst ein Essen, das er von freiwilligen Helfern des Vereins "Kältebus München" erhalten hat.

Im reichen München

Der „Kältebus“ soll Menschen das nackte Überleben sichern

Hunderte Menschen leben in München auf der Straße. Obwohl das von der Stadt organisierte Kälteschutzprogramm Hilfe bietet, schlafen viele Obdachlose auch bei eisigen Temperaturen draußen. Ihnen sichert der Kältebus eine warme Mahlzeit.

München - Hastig schiebt Flori sich den Löffel in den Mund. Nach Tagen und Nächten bei Minusgraden endlich eine warme Mahlzeit. Heute gibt es Kartoffelpüree mit Gemüse-Fleisch-Eintopf. Seine Hände wärmt der Obdachlose an dem heißen Tee, den er mit dem Essen von einem ehrenamtlichen Helfer des Vereins Kältebus München bekommen hat. „Ich weiß nicht, was ich ohne solche Angebote machen würde.“ Flori ist obdachlos.

Wie Flori leben derzeit im reichen München 550 Menschen auf der Straße. Die Zahl beruht jedoch auf zehn Jahre alten Schätzungen. Die Dunkelziffer ist nach dem Dafürhalten von Experten hoch. Klarheit soll die Studie „Obdachlose auf der Straße“ bringen, die der Münchner Stadtrat 2018 auf den Weg bringen soll.

Der Winter, er zehrt bei den Menschen, die in der Stadt „Platte machen“, an der Substanz. Viele Betroffene stammen aus anderen EU-Staaten. „Die Menschen kommen hierher, um Arbeit zu finden, haben aber keine Wohnperspektive. Dafür sind die Mieten zu teuer“, sagt Anton Auer, Bereichsleiter des Evangelischen Hilfswerks München, der das Kälteschutzprogramm der Stadt in der Bayernkaserne betreut.

Rund 400 Menschen finden dort derzeit täglich zwischen 17 und 9 Uhr ein Dach zum Schlafen über dem Kopf. Damit ist knapp die Hälfte der Betten belegt. Rund 50 Prozent seien Rumänen und Bulgaren, mit etwa 11 Prozent an dritter Stelle kommen Auers Angaben zufolge Deutsche.

Vergangenen Winter kamen insgesamt weniger Obdachlose zum Übernachten nach Freimann, während zugleich immer mehr Obdachlose auch bei Minusgraden nachts im Freien blieben, wie die städtische Arbeitsgruppe „Wildes Campieren“ feststellte. Augenfällig wurde das in Hauseingängen etwa an der Sonnenstraße und der Sendlinger Straße, in Unterführungen und unter Brücken, zuletzt auch am Königsplatz. Die Stadt München führte das auch darauf zurück, dass sich viele die Fahrkarte zur Bayernkaserne und zurück – Kostenpunkt: 5,60 Euro – nicht leisten konnten. Deshalb stellt sie seit heuer kostenlose Tickets, die in der Beratungsstelle „Schiller 25“ zu bekommen sind.

„Es geht darum, Menschen auf der Straße beim nackten Überleben zu unterstützen“

In der Bayernkaserne unterkommen kann jeder, der kein Obdach hat, unabhängig davon, ob er Anspruch auf Sozialleistungen hat. Er muss sich an die Hausordnung halten, bekommt einen Einweisungsschein für jeweils sieben Tage, ein Bett, eine Einmaldecke, ein Laken und ein paar Blatt Klopapier. Essen wird hier nicht verteilt. „Es ist ein reiner Kälteschutz vor Schäden und Erfrierungen“, sagt Auer.

Freiwillige Helfer des Vereins "Kältebus München" verteilen warmes Essen und Getränke an Obdachlose.

Anders beim Kältebus: Er fährt abends zu bekannten Aufenthaltsplätzen von Obdachlosen. Die ehrenamtlichen Helfer verteilen gespendete Lebensmittel und selten auch Schlafsäcke. Gründer Berthold Troitsch hatte vor drei Jahren in der Zeitung davon erfahren, dass die von Jasmin und Tobias Irl gegründete Organisation aufhören sollte – und gründete daraufhin den Verein neu.

Kommentar: Die Armut wird sichtbarer

Anton Auer sieht den Kältebus kritisch: „Damit unterstütze ich das Leben auf Platte.“ Besser wäre es aus seiner Sicht, den Leuten zu einer Wohnung zu verhelfen. Er räumt aber auch ein, dass manche draußen bleiben wollten, meist Menschen mit psychischen Problemen. „Die halten es bei uns in den Mehrbettzimmern nicht aus.“

Jörn Scheuermann von der Koordinationsstelle Wohnungslosenhilfe Südbayern sagt: „Manche Menschen entscheiden sich trotz der Unterbringungspflicht der Gemeinden freiwillig für das Schlafen auf der Straße. Andere nehmen das Angebot an.“ So hätten auch Angebote wie ein Kältebus Sinn – es gehe darum, Menschen auf der Straße beim nackten Überleben zu unterstützen.

A. Geiger, M. Krefting und C. Wörmann

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