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Eva Ohlerth (58) arbeitet seit über 26 Jahren als Altenpflegerin

„Für so etwas schämt man sich“

Kranke dürfen nicht aufs Klo: Altenpflegerin erklärt, wie heftig die Zustände mittlerweile sind

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Albtraum Altenpflege: Da versorgt nachts eine einzige Fachkraft über 30 Patienten, da können Senioren oft nicht einmal zur Toilette gebracht werden, weil die Zeit fehlt. Schuld ist der Mangel an gutem Personal – und es wird schlimmer!

München - Am Donnerstag schlug das Bayrische Rote Kreuz (BRK) Alarm. „Wir müssen schon jetzt in der ambulanten Betreuung täglich Patienten ablehnen“, sagt BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. Die Politik müsse endlich helfen – mit Fachkräften aus dem Ausland.

In der Pflege werden händeringend Fachkräfte gesucht. Trotzdem vergehen oft viele Monate, bis man ausländisches Personal einstellen kann. Hintergrund ist, dass zuvor unter anderem Behörden die Ausbildung des Bewerbers anerkennen müssen. Das dauert oft Monate. Das BRK fordert daher den Abbau der Bürokratie und Sofortprogramme für das Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland. „Das ist unser drängendstes Problem. Aber wir fürchten, dass der Personalmangel von der Politik nicht ernst genommen wird“, sagt BRK-Landesgeschäftsführer Stärk.

BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk nimmt die Politik in die Pflicht.

„Wenn die Politik jetzt nichts macht ...“

Schon jetzt fehlten beim BRK jeden Tag Pflegekräfte, es gebe etwa 150 offene Pflegestellen. „Das klingt erst mal nicht viel.“ Das bedeute allerdings, dass etwa 400 bis 500 Betten leer bleiben müssen, weil nicht ausreichend Personal für die Betreuung der Pflegebedürftigen da ist. Daher müsse man oft Patienten ablehnen. Der Personalmangel werde sich zudem verschärfen, wenn in den kommenden 15 Jahren mehr als die Hälfte der BRK-Pflegekräfte in Rente geht. „Wenn die Politik jetzt nichts macht, ist in 15 Jahren ein Drittel der Pflegebedürftigen unversorgt. Das wäre der Gau“, ergänzte BRK-Vizepräsidentin Brigitte Meyer am Donnerstag. Eine Studie zeigt zudem: Bis zum Jahr 2030 rechnet die Bertelsmann-Stiftung damit, dass allein in München mehr als 4000 Pflegerinnen und Pfleger fehlen.

Die meisten ausländischen Pflegekräfte beim BRK kommen übrigens von den Philippinen. Etwa 30 Prozent des BRK-Pflegepersonals habe ausländische Wurzeln.

Pflegerin Eva Ohlerth (58) erzählt: So heftig sind die Zustände

Ständig unter Zeitdruck arbeiten, immer mehr leisten müssen – Eva Ohlerth (58) weiß genau, was das bedeutet: Seit 26 Jahren arbeitet die Münchnerin als Altenpflegerin. „Wir leisten keine gute Pflege“, gibt sie ehrlich zu. „Viele tun zwar täglich ihr Bestes, aber unter diesen Umständen können wir die Senioren nicht mehr gut versorgen“, sagt die 58-Jährige der tz.

Der Personalmangel – er führt zu traurigen Szenen: „Ich musste alten Menschen sagen, dass sie nicht zur Toilette können“, so Eva Ohlerth. Weil einfach die Zeit und die Kräfte fehlten, die Pflegebedürftigen aus dem Bett zu heben. „Für so etwas schämt man sich, aber im anderen Zimmer wartet ja schon der nächste Patient.“ 

Pflege-Experte kennt Problematik

Zudem ärgert es die Altenpflegerin, dass viele so tun, als würde das System noch funktionieren: „Wir dokumentieren oft Dinge, die wir gar nicht mehr leisten können.“ Mit Kollegen geriet sie öfter auch in Streit – beispielsweise darüber, dass sie morgens im Heim Kaffee und Toast nicht miteinander vermanschen wollte – nur, damit das Essen schneller abläuft. Nicht selten habe sie nach der Arbeit geweint. Der Stress, der Druck – er wurde zu viel. „Dabei liebe ich meinen Beruf, und es gibt viele Kollegen, die das auch tun.“ Aber es müssten sich mehr von ihnen wehren gegen die Missstände. „Wir wissen doch alle, dass es mehr Personal braucht. Warum tut sich nichts?“

Irgendwann wurde die Situation sogar so schlimm, dass Eva Ohlerth ihre Arbeitsstelle verließ. Heute arbeitet sie in der ambulanten Intensivpflege – einem Bereich mit besseren Rahmenbedingungen.

Pflege-Experte Claus Fussek kennt die Problematik: „Die Pflegekräfte werden oft verheizt. Das geht doch schon bei den Azubis los, die die Arbeiten von Fachkräften erledigen müssen. Das muss endlich aufhören!“

Lesen Sie auch: Pfleger-Mangel immer schlimmer: Mädchen mit Blut im Urin abgewiesen

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