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Fest verwurzelt: Heute blickt Ingrid Smeisser mit einem Lächeln auf ihr Leben zurück.

Mit 14 Jahren wollte sie sterben

An der Schwelle zum Jenseits: Diese Münchnerin weiß, wie sich der Tod anfühlt

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Ingrid Smeisser aus München weiß, wie sich der Tod anfühlt. Mit 14 Jahren wollte sie sich das Leben nehmen. Heute blickt die 61-Jährige mit einem Lächeln auf ihr Leben zurück.

München – Es war ein sonniger Tag im August 1971, als Ingrid Smeisser beschlossen hat, zu sterben. Ihre Brüder waren gerade aus dem Haus, auf einer Party bei den Nachbarn. Gegen Abend zog sich das Mädchen in ihren Verschlag zurück, eine Rumpelkammer auf dem Dachboden. Zwischen Staub und Sperrholzplatten tasteten ihre Hände nach den Pillen, die sie aus dem Nachtkästchen ihrer Großmutter geklaut hatte. Mit Rattengift vermengt, ergab das Schmerzmittel eine tödliche Mischung. Ein Stoßgebet, ein Schluck, dann Dunkelheit. Was auf die schwarze Leere folgte, sieht Ingrid Smeisser noch heute, 47 Jahre später, vor sich. Plötzlich, so erzählt sie, seien aus allen Ecken des Zimmers schauderhafte Gestalten gekrochen: Teufel mit Hörnern und Fratzen, halb verwest und angsteinflößend. Kurz, bevor die Dämonen zupacken und das Mädchen an sich reißen konnten, öffnete sich der Boden und Ingrid Smeisser fiel – in einen reißenden Fluss aus Farben. Was der damals 14-Jährigen wie ein Wimpernschlag vorgekommen war, dauerte in Wahrheit mehrere Stunden. Stunden, in denen ein Dutzend hektischer Hände um ihr Leben kämpfte: Herzdruckmassage, künstliche Beatmung, Dialyse. Eine lauwarme Lösung aus Kochsalz spülte ihr den Magen aus. Eine Ärztin kontrollierte ihren Puls. Nichts. „Es grenzt an ein Wunder, dass ich diese Nacht überlebt habe“, sagt Smeisser heute. In ihren Erzählungen hat das Wunder von 1971 zwar keinen Namen, aber ein Gesicht. „Es muss ein Wesen aus dem Jenseits gewesen sein, das mir das Leben gerettet hat“, sagt sie. „Ein Schutzengel vielleicht oder ein verstorbener Verwandter.“ 

Zwischen Stolz und Schüchternheit: Ingrid Smeisser bei der Einschulung im Jahr 1963.

Mittlerweile lebt Ingrid Smeisser, 61, Brille, braune Augen, in einer wohlgeordneten Welt. Von ihrer Rente kann sie sich eine kleine Wohnung leisten, ein Zwei-Zimmer-Apartment im Südwesten von München. Hölzerne Schränke schmücken die Wände, im Wohnzimmer steht ein steinerner Tisch. Darauf liegt ein Album. Zwei Drittel der Fotos sind farbig, ein Drittel schwarz-weiß. Ingrid Smeisser beginnt zu blättern, Pergamentpapier raschelt. „Hier“, sagt sie und tippt mit dem Zeigefinger auf ein Foto. Das Bild zeigt ein Mädchen mit Lackschuhen und Faltenrock. „Das bin ich bei der Einschulung“, sagt Smeisser. In ihren Händen hält sie eine Schultüte, aus ihrem Blick sprechen Stolz und Schüchternheit. „Verrückt“, sagt sie, „ein paar Monate später ist meine Welt zerbrochen.“ 

Nahtoderfahrungen, wie Ingrid Smeisser sie gemacht hat, stellen die Wissenschaft vor ein Rätsel. Während einige in ihnen den Beweis für die Existenz der Seele sehen, suchen andere nach einer rationalen Erklärung. Ein Großteil der Forscher glaubt, dass biochemische Vorgänge im Gehirn dazu führen, dass Sterbende zu halluzinieren beginnen. Menschen, die schon einmal an der Schwelle zum Jenseits gestanden haben, berichten von außerkörperlichen Erfahrungen. Davon, wie sie sich von ihrem Körper gelöst haben, wie sie von einem Licht angelockt wurden und plötzlich ein Gefühl unendlicher Freude verspürt haben. 

„Ich glaube, es war ein Engel aus meiner Kindheit“

Ingrid Smeisser sagt, dass sie an jenem Abend, im August 1971, keinerlei Glück erlebt hat. „Da war kein innerer Friede“, erzählt sie, „keine Liebe–nur Rot und Schwarz und Schmerz.“ Am Ende des Farb-Flusses sei sie in ein gleißendes Licht getaucht. Das Licht einer OP-Lampe. Aus ihrem Bauch baumelten Schläuche, Monitore piepsten. Neben ihrem Bett kauerte ihr Bruder. Er erzählte ihr, wie ihm auf der Party eine Gestalt erschienen war. Ein Mann mit braunen Haaren und eindringlicher Stimme. Davon, wie er plötzlich wie ferngesteuert aufgestanden und nach Hause gelaufen war, um nach seiner Schwester zu sehen. So, wie es der Unbekannte wollte. Außerdem berichtete ihr Bruder, wie er sie auf dem Dachboden liegen sah, bewusstlos zwischen Staub und Sperrholzplatten. 

Ingrid Smeisser glaubt, dass sie dem unbekannten Mann, der ihr womöglich das Leben gerettet hat, wenige Jahre später selbst begegnet ist. „Ich war gerade auf dem Heimweg“, erzählt sie, „mit meinem VW Käfer auf der Landstraße.“ Plötzlich habe sie eine Stimme gehört. „Schnall dich an“, schallte es durch das Auto. „Die Worte klangen eindringlich.“ Also sei sie rechts ran gefahren und habe sich den Gurt um den Bauch gelegt. So, wie es der Unbekannte wollte. Kurz darauf blockierten die Vorderreifen ihres VW. Vollbremsung, der Wagen überschlug sich. Fünfmal. Doch Ingrid Smeisser überlebte. Das Einzige, was sie sich damals zugezogen hatte, waren ein paar Kratzer. Zufall? „Unwahrscheinlich.“ Schicksal? „Vielleicht.“ Eine übernatürliche Kraft? Ingrid Smeisser zögert, dann sagt sie: „Ich glaube, es war der Engel aus meiner Kindheit.“

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Für ihre Familie sei sie ihr Leben lang Abschaum gewesen, sagt Smeisser. „Menschlicher Müll, das Produkt einer Affäre.“ Das Gerücht, ihre Mutter sei fremdgegangen, hielt sich hartnäckig. Ingrid Smeisser erinnert sich an Schläge, an Alkoholexzesse, an Ablehnung. Schließlich sei die Ehe ihrer Eltern zerbrochen. Ihre Brüder kamen bei ihrer Großmutter unter, sie selbst musste ins Heim. Während die Waisenkinder um sie herum mit Puppen spielten und rechnen lernten, begann sie, die Bibel zu lesen. In Gott fand sie einen Vater, einen stillen Begleiter. Der Glaube an Engel gab ihr zusätzlich Halt. 

Mit acht Jahren schmiss Ingrid Smeisser die Schule. Den Sommer über lebte sie auf der Straße, lernte, sich anzupassen,folgte ihrem Instinkt wie eine Katze, die heimfindet. Im Winter verkroch sie sich auf dem Dachboden im Haus ihrer Großmutter. Auf dem Sperrmüllfand sie ein Bettgestell, als Nachtkästchen nutzte sie eine kleine Kommode. „Mein Leben war ein einziger Schrotthaufen“, sagt Smeisser. Die anderen Straßenkinder seien dem Alkohol verfallen, „viele nahmen Drogen“. Sie selbst habe die Finger von dem Zeug gelassen. Ihre Abneigung sei zu groß gewesen, sagt sie, zu stark die Erinnerung an die Mutter, die am Rauschgift zugrunde ging. 

„Es hat sich alles gefügt“

Mit 14 Jahren hat sich Ingrid Smeisser dem Jugendamt anvertraut. Von den Sozialpädagogen erhoffte sie sich Hilfe, ein sicheres Dach über dem Kopf, die Chance auf einen Schulabschluss. Doch das Mädchen wurde enttäuscht. „Abgelehnt“, sagt Smeisser, „wie immer.“ Danach habe sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als zu sterben. 

Heute blickt Ingrid Smeisser mit einem Lächeln auf ihr Leben zurück. „Es hat sich alles gefügt“, sagt sie, „immer und immer wieder.“ Nachdem sie im November 1971 wegen ihres Selbstmordversuchs vor Gericht aussagen musste, ist ein Fremder auf sie aufmerksam geworden. Ein Arzt, wie sich später herausstellte. Der Mann übernahm ihre Vormundschaft, half ihr, die Mittlere Reife nachzuholen und sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. „Ich glaube, dass mein Flehen erhört wurde“, sagt Smeisser, „damals, oben auf dem Dachboden.“ Ob es nun ein Schutzengel war, der ihr zweimal das Leben gerettet hat, der Zufall oder eine andere Kraft – Ingrid Smeisser weiß es nicht. In einer Sache aber ist sie sich sicher: „Egal, wie tief wir stürzen, ganz fallen gelassen werden wir nie – wir landen immer auf dem Bauch.“ 

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